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Review: SYNECDOCHE, NEW YORK (2008)

Freitag, 22. Januar 2010 18:57

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Die Nacherzählung einer Geschichte, die zwischen filmischer Realität, also der Re- produktion der Wirklichkeit, und einer dysfunktionalen, surrealistischen Fantasie- welt pendelt, gestaltet sich zumeist schwierig, weil die Grenze beider Welten entweder kaum vorhanden, als solche nur schwer auszumachen oder eben flies- send ist. Der gefeierte Drehbuchautor Charlie Kaufman (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) erzählt solche Geschichten. Bei ihm verkommen sie allerdings nie zur reinen Fantasy, obgleich er die Grenze zwischen „kopierter“ Wirklichkeit und eskapistischer Traumwelt nicht eindeutig definiert. Ein wenig anders verhält es sich mit Kaufmans tragikomischem Regiedebüt Synecdoche, New York. Erstmals verwischt er diese Grenze bis zur Unkenntlichkeit. Eine klare Trennung zwischen filmischer Realität und einem Traum oder einer verzehrten Wahrnehmung besteht nicht. Die beiden Welten, die beiden Ebenen überlappen sich, sie verschmelzen, sozusagen, ineinander. […]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (7) | Autor: Kaiser_Soze

Review: ADAPTATION. (2002)

Sonntag, 17. Januar 2010 14:50

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Man stelle sich vor, man stehe vor einem Spiegel und blicke hinein. Doch anstatt sein verdrehtes Ebenbild zu betrachten, sehe man seinen eigenen Rücken, man sehe sich selbst von hinten, wie man in den Spiegel blickt und sein eigenes ver- drehtes Spiegelbild betrachtet. Man kennt dieses, oder ein ähnliches, Bild aus René Magrittes berühmtem Gemälde “Not to be reproduced”. Spike Jonzes Adaptation. funktioniert im Grunde genauso: Der gefragte Drehbuchautor Charlie Kaufman, dessen Skript zu Being John Malkovich mehrere Auszeichnungen er- hielt, soll ein Buch mit dem Titel “Der Orchideendieb”, eine Biographie über den eigenartigen Orchideenexperten John Laroche, adaptieren. Charlie Kaufman liebt dieses Buch, allerdings weiß er nicht, wo er wie anfangen soll, um Susan Orleans Bestseller gerecht zu werden. Charlie Kaufman hat eine Schreibblockade, wäh- rend sein Zwillingsbruder Donald gerade im Stande ist, ein viel versprechendes Drehbuch über einen schizophrenen Killer abzuliefern. Dazu kommt, dass Charlie unter Schlafstörungen und Neurosen, unter Angstzuständen und Schweißaus- brüchen leidet, er fühlt sich alleine. Keine Freundin. Keine Sex. Ein Versager. Er ist kurz vor dem Zusammenbruch, ehe ihm eine geniale Idee kommt. Er schreibt ein Drehbuch über sich selbst, über Charlie Kaufman, der eine Schreibblockade besitzt und ein Drehbuch über sich selbst schreibt, wie Charlie Kaufman ein Drehbuch über sich selbst schreibt. Eine Endlosschleife sozusagen. Charlie Kaufman, der reelle, verarbeitete mit Adaptation. eine schwierige Phase seines privaten wie beruflichen Lebens. Die Idee eines Drehbuchautors, der ein Drehbuch über sich selbst schreibt, wie er ein Drehbuch über sich selbst schreibt, ist keine neue, ge- nau genommen sogar eine ziemlich abgedroschene. Kaufman allerdings schreibt derart selbstironisch, springt fast beliebig zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen hin und her, lässt Realität und Fiktion kaum noch voneinander trennen und bleibt dabei immer so ehrlich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Kaufmans Skript ist also nicht nur ein äußerst eigenwilliges und gelungenes, weil es bewusst konventionelle Drehbuchprinzipien ignoriert, sondern auch das viel- leicht intimste autobiographische Screenplay seit einer gefühlten Ewigkeit.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (4) | Autor: Kaiser_Soze

Buch: THADDEUS UND DER FEBRUAR

Mittwoch, 13. Januar 2010 20:36

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Eine Stadt erklärt dem Februar, weil er schon zu lange währt und den Sommer hinaus zögert, den Krieg. Während dieser Jahreszeit verschwinden obendrein auch noch die Kinder der Stadt auf unerklärliche Weise. Wieso? Das weiß keiner so genau. Es heißt, der Februar sei der Schuldige, er stehle die lieben Kinderchen, entreiße sie aus der Geborgenheit ihrer Familien. Die namenlose Stadt, die das Fliegen in all seiner Form und Pracht liebt, schätzt und zelebriert, wählt den Ballonfahrer Thaddeus aufgrund dessen zu ihrem Kriegsherren, der dem Februar den Kampf ansagen soll. Der Autor Sharon Jones entwirft eine surrealistische Traumwelt, fantastische Bilder und eine eigenwillige Atmosphäre. Sein philo- sophisch-poetischer Kurzroman ist ein unkonventioneller. Er schreibt, wie Men- schen träumen. Es geht dabei weniger um das Verfasste als vielmehr um das Entwerfen schräger Bilder. Seine Geschichte, die zwar einer inneren Logik folgt, allerdings wenig wirklich erscheint, könnte einem Traum entsprungen sein. Seine geschriebenen Worte sind steril und emotionslos. Mit diesem lakonischen Stil unterkühlt  Jones die Handlung, er verdeutlicht so die Tristesse der Figuren. Ihr Verlangen nach dem Fliegen ist nichts anderes als das Verlangen nach Freiheit. Mit einem konventionellen Roman, der auf ein klassisches Erzählmuster schwört, hat „Thaddeus und der Februar“ nicht viel gemein. Ein Kapitel zählt hier in der Regel nicht einmal zwei Seiten. Wie in einem Traum geht alles sehr schnell, sind die Bilder deutlicher zu erkennen als deren Bedeutung. Der fast schon in der Versenkung verschwundene Kurzroman, dessen Erstauflage auf fünfhundert Bü- cher limitiert ist, erscheint diesen Februar auch in Deutschland. Das hat er, unter anderem, Filmregisseur Spike Jonze zu verdanken, der nach zufälliger Entdek- kung kurzerhand die Filmrechte kaufte. Man darf auf eine von Videoclip-Regisseur Ray Tintori umgesetzte Literaturadaption gespannt sein.

Übrigens: Die vom Eichborn Verlag herausgegebene Deutsche Ausgabe ist ge- bunden, 176 Seiten “lang” und besitzt einen netten Papiereinband. Die Illustra- tionen stammen von der amerikanischen Künstlerin Ria Brodell.

Thema: Sonstiges | Kommentare (1) | Autor: Kaiser_Soze