Retro: ANGELS WITH DIRTY FACES (1938)
Mittwoch, 1. Dezember 2010 19:06

Diese Rezension enthält Spoiler!
Unter den Zwängen des reaktionären „Hays Code“, ein zunächst freiwilliger, später durch die US-Regierung und die erzkonservative Catholic League of Decency verschärfter und durchgesetzter Zensurkodex, litten vor allem die in den spätdreißiger Jahren populären Gangsterfilme an den moralinsauren Richtlinien einer kontroversen Zensurbehörde. Die obligatorische Darstellung von Obszönitäten jeglicher Art, Vulgarität, Sex oder Kriminalität beeinflusste vehement die Arbeit der künstlerisch eingeschränkten Filmemacher. Auch der ungarische „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz musste sich während der Dreharbeiten zum Gangsterfilm „Angels With Dirty Faces“ an die unumgänglichen Grundsätze der US-amerikanischen Filmindustrie halten. Der Kodex wirkte sich nicht zuletzt auf die moralisch einwandfreie Schlusssequenz aus, die endgültig mit der Romantisierung des „bösen“ Filmhelden bricht. Seelisch geläutert durch die Todesstrafe. Oder so ähnlich. Dabei galt seinerzeit vor allem die Figurenzeichnung als unkonventionell: der Antiheld Rocky Sullivan (gespielt von James Cagney), der als Jugendlicher auf die schiefe Bahn gerät und sich fortan als Gangster gibt, ist ein archetypischer Charakter mit dem Herz am rechten Fleck; selbst der kathartische Jerry (Pat O´Brien), des Gangsters bester Freund, der gerade so die Kurve bekommen hat und von nun an, ausgerechnet und ironischerweise, als Priester die Jugend vor Gewalt und Verbrechen zu beschützen versucht, ist keineswegs das klischeebeladene Abziehbild eines christlichen Mittlers. Vielmehr liegen in ihm die (moralischen) Konflikte des Films begraben: Entweder er “übersieht” die kriminellen Machenschaften, in die sein loyaler Freund Rocky verwickelt ist, womit er den dogmatischen Prinzipien seiner Religion widersprechen würde, oder er sagt diesen den Kampf an. Kampf aber bedeutet Verrat. Verrat an seinem besten Freund, der ihm stets die Treue gehalten hat. Anders aber lässt sich mit dem gefährlichen Heldenkult des Gangsters, der auf die Adoleszenten einen zerstörerischen Einfluss nimmt, nicht brechen. Ein Dilemma. Die Grenze zwischen gut und böse verschwimmt in diesem unfreiwillig moralinsauren Genrefilm. Nur die Figur des Jim Frazier (gespielt von Humphrey Bogart, der erst durch „Casablanca“, bei dem er und Curtiz ein weiteres Mal zusammenarbeiten, zur in Stein gemeißelten Filmikone avanciert), wenn wir bei den handlungsrelevantesten Personen bleiben, ist durch und durch von „böser“ Energie durchzogen. Natürlich wird auch er seine „gerechte“ Strafe bekommen. Glücklicherweise kann „Angels With Dirty Faces“ den konservativen Moralzugeständnissen einiges entgegensetzen: Nahezu alles, was einen großen Klassiker des Gangstergenres ausmacht, weist dieser Film auf, der deswegen als Meilenstein zu verstehen ist, weil er nachfolgende Werke, vor allem inszenatorisch (Doppelbelichtung, Low-Key, Schattenspiele et cetera), bis spät in die 80er Jahre beeinflusst hat. Schade nur, dass der Film die soziokulturellen und historischen Umstände der US-amerikanischen dreißiger Jahre fast vollständig ausblendet.
Thema: Kurzreviews | Kommentare (0) | Autor: Anthony




