Review: DIARY OF THE DEAD (2007)
Dienstag, 21. Dezember 2010 21:58

Im Hollywood-Kino hat sich der (semi-)dokumentarische Handkamera-Stil weitestgehend etabliert. Die verwackelten, gewollt dilettantisch wirkenden Aufnahmen, wie sie, und da liegt schon die große Ironie begraben, die so genannte „Traumfabrik“ produziert, ringen um Authentizität: alles soll echt und wirklich und reell erscheinen. Die Fiktion wird verschleiert, und wir werden geblendet. Die subjektive Kamera will uns die „realistischen“ Bilder, die sie entwirft, als etwas verkaufen, das sie niemals sein können: nichts als die Wahrheit, oder sagen wir: nicht mehr als die objektive Realität. Das ist natürlich, dem Unterhaltungswert zum Trotz, alles nur eine große Lüge. Vielleicht die größte, die das Kino je hervorgebracht hat. Ausgerechnet von George A. Romero, der ja schon immer einen gewissen Sicherheitsabstand zum Mekka des Blockbuster-Kinos hält, hätte man so einen „Camcorder-Film“ erst einmal nicht erwartet. Mit „Diary of the Dead“, dem nun schon fünften Film seiner sechsteiligen Zombie-Saga, hat er aber genau so einen Film gedreht (Inhalt: eine Gruppe von Filmstudenten inszeniert für ein College-Projekt in den Wäldern von Pennsylvania einen amateurhaften, unfreiwillig komischen Horrorfilm. So richtig unheimlich wird es aber erst auf dem Heimweg, als die Studenten auf echte Zombies treffen. Mit einer Filmkamera bewaffnet dokumentieren sie ihre Reise durch ein apokalyptisches Amerika, das dem Untergang geweiht ist, und stellen die Aufnahmen zu Aufklärungszwecken ins Internet). Romero allerdings verfällt nur selten den Selbstgefälligkeiten des Handkamera-Stils. Dafür ist er zu klug. Und vermutlich auch zu alt. Er versteht die „Waffen“ der Cyber-Generation – der Camcorder als „objektiver“ Zeitzeuge und das Internet als aufklärerische, global zugängliche Medienplattform – als vielleicht einzige ernst zu nehmende Alternative zu den von der Regierung korrumpierten und kontrollierten Nachrichtendiensten, die, so viel ist sicher, das Volk indoktrinieren: Aufklärung und Wahrheitsverbreitung als Ideologie und Selbstverständnis einer 2.0-Gegenkultur. Aber, und das darf nicht vergessen werden: Romero ist Nihilist. So versteht er den Filmemacher als Chronist des Todes, als Dokumentarist des Grauens. Und nicht zuletzt als selbstgefälligen Voyeur, der subjektive Wahrnehmungen objektivieren und für die Nachwelt erhalten möchte. Blöd nur, dass die Welt imstande ist von lebenden Toten überfallen zu werden. Ein romeroscher Zynismus. Als Unterhaltungsfilm funktioniert der erzählerisch einfältige und inhaltlich nicht immer nachvollziehbare „Diary of the Dead“ nur selten (auch, weil der Zombie erstmals bei Romero zum austauschbaren Terror-Synonym und somit zur Staffage verkommt). Als selbstreflexive Medienkritik hingegen umso besser.
Thema: Filmkritiken | Kommentare (3) | Autor: Anthony







