Kino: THE TREE OF LIFE (2011)
Samstag, 18. Juni 2011 17:50

“Wo wohnst du?”
Ein so opulenter, ein so streng durchkomponierter Film wie „The Tree of Life“, der prätentiös genug ist, um genervte Zuschauer zum vorzeitigen Verlassen des Kinosaals zu treiben, der so viel zu „erzählen“ hat, dass er die Suche nach Gott dort beginnt, wo der evolutionäre Ursprung des menschlichen Denkens und damit des religiösen Glaubens seinen Anfang nimmt, ist erst einmal schwer zu verdauen. Der medienscheue Wenigfilmer Terrence Malick hat mit „The Tree of Life“ ein spirituelles, hochphilosophisches Meisterwerk geschaffen, das in seiner antihollywoodesken Art derart zu polarisieren vermag, dass es nicht weiter verwundert, wenn es bei den Filmfestspielen in Cannes erst ausgepfiffen und später dann mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wird. Und wahrlich, Malicks sechster Spielfilm in den nun schon über vierzig (!) Jahren Schaffenszeit ist so weit weg von typischen Mustern und Formen des allseits beliebten Hollywoodfilms, das sich seine sprunghafte, willkürlich anmutende Narration, seine assoziative und äußerst meditative Bildsprache (außergewöhnlich: Kameramann Emmanuel Lubezki) und die christlich konnotierte Thematik des Films über die Grenzen des kulturellen und künstlerischen Geschmacks der breiten Masse hinwegsetzen. Terrence Malick, der uns hier auf eine bisweilen intellektuell anstrengende Irrfahrt nach dem Sinn des Lebens, der Geburt, des Todes und jedweder Existenz (auch und vor allem die von Gott) mitnimmt, verknüpft die inneren Konflikte einer bürgerlichen texanischen Vorstadtfamilie aus den 1950er Jahren mit der darwinistischen Schöpfungsgeschichte (vom Urknall über die Zellteilung bis zu den Dinosauriern und schließlich zum komplexen Mikrokosmos einer amerikanischen Kleinstadtfamilie), während er alttestamentarische Fragen stellt, auf die es scheinbar keine Antworten gibt. „The Tree of Life“ ist eine nicht didaktische Meditation über, ja, über eigentlich Alles, was es über uns und da „draußen“ zu sagen gibt. Gesprochen aber wird in diesem keineswegs frommen oder dogmatischen Film sehr wenig. Es sind die Bilder, die eine assoziative „Geschichte“ erzählen: pittoreske Aufnahmen der unberührten Natur und aufwendige, wunderschön anzusehende Tricksequenzen des Spezialeffekte-Künstlers Douglas Trumbull (der, welch Zufall, auch bei Stanley Kubricks meisterlichem „2001: A Space Odyssey“ mitwirkte) wechseln sich ab mit tiefgreifenden, unfragmentarischen Erinnerungsfetzen aus der präpubertären Phase des ältesten und mittlerweile erwachsen gewordenen Sohnes (gespielt von einem stets verletzlich dreinblickenden Sean Penn). Während die Evolution ihren unaufhaltsamen Lauf nimmt, züchtigt das despotische Familienoberhaupt (Brad Pitt) seine drei Söhne, vor allem aber den ältesten, zu richtigen „amerikanischen Männern“. Wenn der Vater ein macht- und kontrollbesessener Despot ist, wieso sollte Gott nicht auch einer sein? Und schon deshalb ist „The Tree of Life“ kein „christliches Glaubensbekenntnis“, wie im Feuilleton nicht selten konstatiert wurde. Die Frage nach der Existenz Gottes wird gestellt. Nie aber versucht Malick darauf eine Antwort zu geben. Er übersetzt dieses Gefühl menschlicher Verunsicherung und Unwissenheit in eine transzendale Bildsprache, die vollständig zu decodieren nicht möglich ist. Eine atemberaubende Seherfahrung. Vermutlich der Film des diesjährigen Kinojahres. (10)
Thema: Filmkritiken | Kommentare (13) | Autor: Anthony





