Review: CASE 39 (2009)

Dienstag, 13. Juli 2010 17:52

case39.jpg

Dass das diabolische Böse selbst in der unschuldigen und zerbrechlichen Hülle eines Kindes schlummern kann, also eine geradezu widersprüchliche Form wählt, ist im Horror-Sujet, spätestens seit „Das Omen“, nichts Neues. Der deutsche Regisseur Christian Alvart ist da scheinbar anderer Meinung: In seinem Genremix „Case 39“ erzählt er die (äußerst langweilige und extrem unspannende) Geschi- chte einer Sozialarbeiterin (gespielt von einer unterirdischen und mit Hamster- backen versehene Renée Zellweger), die einem von ihren asozialen Eltern miss- brauchten kleinen Mädchen das Leben rettet, um daraufhin festzustellen, dass die charmant dreinblickende Lilith in Wirklichkeit ein teuflischer Dämon ist. Alvart hat, wen wundert´s, dem Genre nahezu nichts hinzuzufügen. Im Gegenteil: Der Deut- sche wärmt bereits Bekanntes auf so dilettantische Weise mit so nervtötender Musik und so einfallslosem Handwerk auf, dass es schmerzt. Es geht ihm, ganz offensichtlich, nur um genretypische Schockmomente. So sehr scheint er sich da- rauf zu konzentrieren, dass er nicht einmal bemerkt, wie runtergespult, ober- flächlich und ideenlos er diese ohnehin recht lahme Story inszeniert. Da wird dann auch schnell Distanz von der Missbrauchs-Thematik genommen, um den Film recht zügig ins klassische Horrorgenre zu überführen. Das sprichwörtlich Erschreckende an diesem Film ist eigentlich nur eine ziemlich verbrauchte Renée Zellweger.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (3)

THERE WILL BE BLOOD: “I´m finished.”

Mittwoch, 7. Juli 2010 19:34

unbenannt.png

I´m finished.

- Daniel Day-Lewis alias Daniel Plainview in Paul Thomas Andersons “There Will Be Blood”

Thema: Zitate | Kommentare (2)

Review: FLASHFOWARD (2009)

Mittwoch, 30. Juni 2010 23:02

ff1.jpg

Die ersten Minuten der US-amerikanischen TV-Serie „FlashForward“ präsentieren Aufnahmen, die so sehr an 9/11 erinnern, dass die Parallelen leicht auszumachen sind: durch herabstürzende Flugzeuge und Hubschrauber brennende und zerfal- lene Hochhäuser, Autos liegen zertrümmert und seitenverkehrt wie metallische Leichen auf dem Asphalt, verletzte und ratlose Menschen vor Panik nicht mehr in der Lage zu begreifen, was  da vor sich geht. So weit das Auge reicht, überall ist das Chaos ausgebrochen. Schuld ist nicht etwa ein terroristischer Anschlag, son- dern ein bis dahin ungeklärter Blackout, der die Menschen auf der ganzen Welt simultan für 137 Sekunden ohnmächtig werden und sechs Monate später in die Zukunft blicken lässt. [Den ganzen Beitrag lesen]

Thema: Filmkritiken, Serien | Kommentare (4)

Review: SAVING PRIVATE RYAN (1999)

Mittwoch, 9. Juni 2010 20:42

savingprivateryan.jpg

Im Zuge einer persönlichen Spielberg-Retrospektive erhielt ich diese Woche, ir- gendwie passend, die Blu-ray von „Saving Private Ryan“, den ich vor über zehn Jahren zum ersten, aber nicht zum letzten Mal gesehen habe. Ich war nie ein großer Fan des Films, obwohl ich im Grunde auch heute noch von der semi- dokumentarischen Normandie-Szene fasziniert bin. Mir ist kein anderer Kriegsfilm bekannt, der, zumindest zu Beginn des Films, so nahe „neben“, „mit“  und „gegen“ Soldaten (die Deutschen verkommen hier leider zu austauschbaren Stereotypen) kämpft beziehungsweise den Eindruck vermittelt „mittendrin zu sein“. Die virtuose Kameraarbeit von Janusz Kaminski wurde von der Kritik ja ohnehin einvernehmlich gelobt. Nichtsdestotrotz bleibt für mich die Frage be- stehen, ob es überhaupt möglich ist, Krieg adäquat auf Zelluloid zu bannen, ohne Gewalt zu verherrlichen und ohne den Krieg zu banalisieren. Die Grenze zwischen Glorifizierung und Verdammung von Krieg nämlich ist eine Gratwanderung, unter anderem weil im Krieg anonym und für sein Vaterland, also aus Patriotismus, getötet wird, und weil man das Töten zudem als Macht-Metapher verstehen kann: Der Mensch/der Soldat entscheidet über Leben und Tod; er spielt in gewisser Hinsicht Gott. Stets die grausame Seite des Krieges zu visualisieren und zu verdeutlichen ist aufgrund dessen nicht selten kompliziert, weil man schnell das bedient, was man verdammen will. Spielberg inszeniert die Invasion der Nor- mandie in erster Linie aus Sicht der Amerikaner; nur selten wechselt die Pers- pektive; die Kamera, die grobkörnige, fast einfarbigen Bilder des Grauens, der Gewalt, der Zerstörung und des Todes einfängt, pendelt zwischen dokumen- tarischen und subjektiven Einstellungen. Mehr kann man sich visuell von einem glatt polierten Hollywoodfilm nicht distanzieren. Und adäquater, so würde ich es behaupten wollen, kann man den Schrecken des Krieges nicht einfangen. Viel- leicht schmerzt es demnach umso mehr, dass Spielberg denselben Fehler begeht, der ihm Jahre zuvor schon einmal unterlief (vgl. „Schindler´s List“): Er banalisiert, indem er „Saving Private Ryan“ mit zunehmender Spieldauer zum überameri- kanischen, konventionellen, hollywoodschen Kriegsdrama verkommen lässt, weit weg vom differenzierten, veritablen Antikriegsfilm. Es scheint fast so, als wäre ihm Dramaturgie wichtiger als sachliche Historienreflexion. Und da schließt sich auch schon fast wieder der Kreis, wenn die Frage aufkommt, ob ein Film, ein Holly- woodfilm, ein Unterhaltungsmedium, das Reaktionen und Gefühle der Zuschauer provoziert, manipuliert und steuert (und Spielberg ist darin ein Meister), über- haupt sachlich sein kann? Das macht dieses ambivalente Genre schon von vorn- herein zur Herausforderung, der man nur schwer, wenn überhaupt, Rechnung tragen kann.

Blu-ray-Release: 21. Mai

Ich verweise an dieser Stelle gerne auf das thematisch ähnliche Essay “War is no about Glory” von Bloggerkollege Christian.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (3)

Review: UP IN THE AIR (2009)

Sonntag, 6. Juni 2010 14:08

uita1.jpg

Von der Kritik mit überschwänglichen Reaktionen gefeiert avancierte Jason Reit- mans Tragikomödie „Up in the Air“ zum Überraschungshit des letzten Jahres. Mit einem gut aufgelegten George Clooney in der Hauptrolle erzählt der Film die Ge- schichte von Ryan Bingham, einem heimatlosen Dauerfluggast, der für ein Unter- nehmen auf Reisen geht, das in seinem Namen Angestellte anderer Firmen feuert. Er erledigt das, wofür die feigen Bosse dieser Welt keine Eier haben. Und weil wir uns gerade, irgendwie passend, in einer Weltwirtschaftskrise befinden, floriert das Geschäft. Ryan ist 322 Tage im Jahr unterwegs, sein Zuhause sind die Flug- häfen der USA, die erste Klasse jeder Boeing ist sein Wohnzimmer, sein Koffer, seine sieben Sachen sind sein Leben. Da ist kein Platz für Freunde, Familie oder Liebe. Er liebt sein ungebundenes, ja, einsames Leben, das von den immer glei- chen Automatismen beherrscht wird: Koffer packen, Karte einschieben, einchek- ken, fliegen, landen, Angestellte feuern, oder um es so euphemistisch zu benen- nen wie der Film: neue Lebensmöglichkeit aufzeigen,  und vice versa. Die Routine scheint allerdings zu verfallen: Die junge, noch unerfahrene Cornell-Absolventin Natalie schlägt seinem Chef vor, die Kündigungsgespräche aus Kostengründen per Videochat durchzuführen. Das würde das Reisen obsolet machen. Und Ryans Leben auf den Kopf stellen. Dazu kommt, dass Ryan die attraktive Alex ken- nenlernt. Seiner Lebensphilosophie zum Trotz verliebt er sich in sie…  Und die an- fangs so reizend mitschwingende Gesellschaftskritik weicht einer konservativen, immer zwischen Komik und traurigem Einzelschicksal pendelndem Gefühlsduselei, die zwar frei von Kitsch, aber nicht vom moralschwingenden Zeigefinger ist. Wie interessant hätte der Film werden können, wenn Reitman einen wahrhaftigen Blick auf das Innenleben eines so ungebundenen, gefühlsunbetonten  Minima- listen geworfen hätte anstatt eine weitere seichte Tragikomödie zu entwerfen, die nicht einmal die Chance in Betracht zieht, in der Entlassung Binghams nicht nur eine pointierte Ironie zu bedienen, sondern auch eine bewusst eingesetzte Kritik zu Ende zu schreiben.

DVD-/Blu ray-Release: 04. Juni

Thema: Kurzreviews | Kommentare (6)

Review: MINORITY REPORT (2002)

Dienstag, 1. Juni 2010 18:53

minorityreport.jpg

Washington, D.C., 2054.

Unsortierte Szenenfragmente füllen die Leinwand aus. Etwas Gefährliches bahnt sich da an. Schwer einzuordnende Bilderfetzen, so surrealistisch zusammenge- worfen, dass sie einem Traum hätten entspringen können, zeigen einen Mord. Genau genommen, einen zukünftigen Mord. Diese Aufnahmen sind das Produkt einer zwiespältigen Gabe dreier Geschwister, die man die Precogs, die Präkogni- tiven, nennt. Liegend in einer grün-bläulichen Substanz, schwebend in einem Zu- stand irgendwo zwischen dem Träumen und dem Wachsein, sehen sie in die Zu- kunft. Sie funktionieren nur als Kollektiv, unzertrennlich wie die Dreifaltigkeit. [Den ganzen Beitrag lesen]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (8)

Review: THE SOLOIST (2009)

Dienstag, 25. Mai 2010 20:22

the-soloist.jpg

Völlig unaufgeregt, frei von genretypischem Kitsch, ruhig und besonnen, untermalt von klassischer Musik und nahezu immer mit dem richtigen Gespür für menschliche Zwischentöne erzählt der Kostümfilmer Joe Wright die wahre Geschichte einer ans Herz gehenden Freundschaft zwischen dem hochtalentierten, an Schizophrenie leidenden Musiker Nathaniel (Jamie Foxx) und dem gleichermaßen vereinsamten Journalisten Steve Lopez (Robert Downey Junior), auf dessen Kolumnen „The So- loist“  beruht. In Rückblenden arbeitet Wright das tragische Leben des Ausnah- mekünstlers auf: Der schwarze Junge, der begeistert und vernarrt ist in die Musik von Beethoven, spielt das Cello auf so wundervolle Weise, das man ihm eine ver- heißungsvolle Zukunft voraussagt. Musik heißt Leben für Nathaniel, er zieht in die Großstadt, schreibt sich an einem renommierten Konservatorium ein und wird, zum Leid seiner selbst, schizophren. Er landet auf der Straße, wo er inmitten des kakophonischen Straßenlärms auf einer nur noch zweiseitigen Geige das tut, was für ihn “leben” bedeutet: Er musiziert. Der Journalist Steve Lopez ist auf der Suche nach einer neuen Story, da lernt er, vor einer großen Beethoven-Statue, den schüchternen Nathaniel kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich trotz Nathaniels psychischer Wahrnehmungsstörung eine ungewöhnliche Freundschaft, die zwar nicht leicht, dafür aber umso intensiver ist. Dieses Verhältnis zweier Männer, die sich aus ihrer Einsamkeit befreien, um ihr altes Leben wiederzu- finden,  oder um zumindest die Chance auf ein lebenswertes Leben zu erhalten, lässt trotz nüchternem Erzählstil nicht kalt, weil Wright plötzlich und ganz gezielt wunderbare Momente erschafft, die die Schwächen des Films in den Schatten stellen. „The Soloist“ ist ein kleines, ruhiges, aber überaus menschliches Drama, das von seinem großartigen Hauptdarsteller getragen wird.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (6)

Was ich von Filmen gelernt habe - Vol. 1

Freitag, 21. Mai 2010 17:38

ghostbusters.jpg

Heute: Ghostbusters (1984)

Mann, ist das schon lange her. Fast zwanzig Jahre. Damals, zu Beginn der 90er Jahre, war das Fernsehen noch so unschuldig wie ich. Und was gab es da nicht für großartige Serien: He-Man, die Turtles, Parker Lewis. Allesamt, neben dem damals noch in 2D gehaltenen Super Mario, Helden meiner Kindheit. Pro 7 veranstaltete seinerzeit sogar einen Cartoon-Nachmittag mit den Looney Tunes und Co. Schade eigentlich, was daraus geworden ist. Aber zurück zum Thema. Ich dürfte nicht älter als vier oder fünf Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Mal die para- normale Science Fiction-Komödie “Ghostbusters” gesehen habe. Ich weiß noch genau, wie viel Begeisterung ich für diesen Film als kleiner Junge aufbrachte. Die virtuosen Effekte, die einprägsame Musik, die fantastische Stimmung, der konge- niale Humor, die tatsächlich perfekte Besetzung. Großartig! Eine Faszination, die ich so noch heute empfinde. Dazu kommt, dass mich “Ghostbusters” nicht nur lehrte, dass man seine Protonenstrahler niemals kreuzen und auch niemals direkt in eine geöffnete Geisterfalle sehen darf, sondern auch, und das ist überlebens- wichtig, dass die Antwort auf die Frage, ob man ein Gott sei, nur eine sein kann: Ja!

Thema: Nostalgie | Kommentare (2)

Review: THE FALL (2006)

Sonntag, 16. Mai 2010 16:25

thefall.jpg

Der indische Regisseur Tarsem Singh hatte die Vision eines epischen Fantasy-Dra- mas. Das Problem: Er bekam seinen kunstvollen Drehbuchstoff nicht finanziert. Die Lösung: Schulden machen, elf Jahre vorbereiten, vier Jahre drehen und in über zwan- zig Länder reisen.

Zeit und Ort spielen bei „The Fall“ auch über die eigene Genesis hinaus eine sig- nifikante Rolle: Der semi-surrealistische Kunstfilm des eher mäßig bekannten Fil- memachers ist verortet in den 1920er Jahren in einem im Kolonialstil gehaltenen Krankenhaus in Los Angeles, nicht weit entfernt von der aufkommenden Traum- fabrik Hollywood. Filmgeschichtlich befinden wir uns in der Ära der Stummfilme: Roy ist Stuntman. Roy war Stuntman. Bei einer halsbrecherischen Szene nämlich ist er gestürzt, er ist ge“fall“en. Nun liegt er in einem Krankenhaus, scheinbar Querschnittgelähmt und mit dem Gedanken sich umzubringen. Durch den Unfall hat er zweierlei verloren: Die Fähigkeit zu laufen und die Fähigkeit geliebt zu werden. [Den ganzen Beitrag lesen]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (7)

Blu-ray: COLLATERAL (2004)

Freitag, 14. Mai 2010 18:54

collateral_2004_tom_cruise_jamie_foxx_jada_pinkett_smith.jpg

Fast schwerelos schwebt das Taxi durch die Schluchten einer Großstadt, durch ein von Gleichgültigkeit durchzogenes Moloch. Seine Augen strahlen innere Unruhe aus. Der gesellschaftliche Abschaum kotzt ihm ins Taxi. Jede Nacht ist eine traumähnliche Fahrt, wie die in einer Geisterbahn. Einzig die Lichter der Stadt, die grellen Neonreklamen, die Straßenlaternen, die Scheinwerfer entgegenkommen- der Autos erhellen die Dunkelheit, werfen Schatten und Farben auf seine Haut. Ein unheimlicher Trip ist das. Surreal und reell zugleich. Desillusioniert und hasserfüllt fährt der Fahrer, sein Name ist Travis Bickle, fast ziellos durch die Straßen von New York. Der Krieg hat sein Leben verändert. Oder anders gesagt: Der Krieg hat, so kann man es verstehen, seine Perspektiven und Ansichten verrückt. Er ist der Alptraum für jeden Fahrgast. Oder ist es anders herum? Sind die Fahrgäste der Alptraum für ihn? [Den ganzen Beitrag lesen]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (9)