Beitrags-Archiv für die Kategory 'Kurzreviews'

Kino: THE EXPENDABLES (2010)

Sonntag, 29. August 2010 15:03

the_expendables.jpg

Wenn Sylvester Stallone einlädt zu einem augenzwinkernden Schaulaufen sichtlich gealterter Actionikonen (Dolph Lundgren, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis, Jet Li, Mickey Rourke), die ihren designierten Nachfolgern (Jason Statham, Terry Crews, Randy Couture) in erstaunlich abgeklärter Selbstverständlichkeit die Knarren weiterreichen, dann versteht sich das nicht nur als ehrerbietiger Abgesang auf die Actionfilme der achtziger und neunziger Jahre, die geprägt wurden von eben jenen Leinwand-Heroen, sondern auch als veritable Reflexion über das unaufhaltsame Voranschreiten der eigenen Natur. Es hat schon seinen Charme, wenn ausgerechnet „Sly“ Stallone, der für die Renaissance des körperbetonten Action-Genres mitverantwortlich zeichnet, Freunde, Kollegen und ehemalige Konkurrenten zu einer klassischen Actionorgie versammelt und bei allem Testosteron-Überschuss noch über sich selbst lachen kann. So viel Selbstironie hätte man „Rambo“ nicht zugetraut. Letzten Endes ist dieser Ensemblefilm, den wir uns insgeheim doch alle ein wenig gewünscht haben, nicht mehr als ein konventioneller, mit den genretypischen Zutaten (Explosion hier, Verfolgungsjagd da) angereicherter Actionfilm, der sich vor allem zum Ende hin in seinen ausschweifenden, eigentlich ernst gemeint, nicht selten aber unfreiwillig komisch wirkenden Brutalo-Momenten verliert.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (3) | Autor: Anthony

Review: THE LOVELY BONES (2009)

Dienstag, 10. August 2010 12:27

thelovelybones.jpg

In seinem neuen Film „The Lovely Bones“ lädt „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson ein zu einer psychedelischen Meditation über das Leben nach dem Tod. Er erzählt, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Alice Sebold, die Kriminal-Geschichte der 14-jährigen Susie Salmon (Saoirse Ronan), die ermordet wurde von einem pädophilen Serienmörder: ihrem Nachbarn Harvey (Stanley Tucci spielt den wohl stereotypsten Kinderschänder der letzten Jahre) und aus dem Jenseits ihr Ableben kommentiert. Unterbrochen wird dieses melancholische Sinnieren über das Leben danach, das einfallsreich und malerisch bebildert (gleich einer drogeninduzierten CGI-Oper) allerdings stets den Eindruck vermittelt, der paradiesische Himmel sei die bessere Alternative zum sterblichen Erdendasein (ohnehin bedeutet Sterben hier Freiheit), von konventionellen Inhalten eines Gerechtigkeitsthrillers, der die Identität des Mörders schon zu Beginn aufdeckt. Ein Gespür für zwischenmenschliche Töne und für das Innenleben seiner zerbrechlichen Figuren entwickelt Jackson dabei nur selten. Der einstige Funsplatter-Regisseur, der fast ausschließlich um märchenhafte Digitalpoesie bemüht ist, inszeniert an der Thematik und der literarischen Vorlage vorbei. So viel sinnentleerter Esoterik-Kitsch hätte man dem Neuseeländer nicht zugetraut.

Blu-ray-Veröffentlichung: 19. August. Das Bild ist sauber, scharf und strahlt die verspielten Himmelsbilder farbgetreu und saftig aus. Der 5.1-Sound hingegen gibt sich blass und wenig räumlich. Die Special Features (in HD) haben eine Gesamtspieldauer von etwa drei Stunden (z.B. Auszüge aus dem Produktionstagebuch).

Thema: Kurzreviews | Kommentare (6) | Autor: Anthony

Zweitsichtung: SHUTTER ISLAND (2010)

Dienstag, 27. Juli 2010 21:29

shutterislandruffalocaprio.jpg

Gerade bei einem vieldiskutierten Psychothriller wie „Shutter Island“ macht eine Zweitsichtung auf dem heimischen Bildschirm durchaus Sinn: Die Geschichte ist bekannt und, wichtiger noch, das Ende auch. Mit diesem Vorwissen ist man sensibilisiert für feine Details und assoziative Anspielungen, die man fortan intuitiv in den interpretatorischen Gesamtkontext stellen kann. An meiner persönlichen Meinung zum Film hat die Zweitsichtung nur wenig gerüttelt: Noch immer bin ich gefesselt von Martin Scorseses brillantem Handwerk, von Robbie Robertsons ungemütlich-brachialen Klängen und Robert Richardsons virtuoser Kameraarbeit. Inszenatorisch ist das ganz großes Kino der alten Schule. Kommen wir zum spannenderen Teil: zur Interpretation/Auflösung des Films. Ein wenig bin ich, wohl zur Überraschung meiner Nervgeprüften Leser, von meiner Überzeugung eines zweideutigen Finales abgewichen: Natürlich, und das habe ich auch schon zuvor unterstrichen, kann man den Film dahingehend verstehen, dass Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) tatsächlich der 67. Patient ist. Das machen viele evidente und als solche eher unscheinbare Anspielungen und die präzise Erläuterung des Doktors am Ende deutlich. Was mir aber schon seit dem Kinobesuch zu denken gibt, ist der letzte Dialog von Daniels: „Which would be worse, to live as a monster or to die as a good man?” Dieser Satz impliziert, dass er sich seiner Situation, ein geisteskranker Patient in einer von der Außenwelt abgeschotteten Nervenheilanstalt zu sein, bewusst ist. Dieses Bewusstsein mag allerdings nicht dazu passen, dass er gegen Ende wieder in die Rolle des Marshalls schlüpft, schließlich hat der Doktor konstatiert, dass er sich über einen längeren Zeitraum, in einem sich wiederholenden Rhythmus, von Anfang bis Ende in seiner Wahnvorstellung, befindet. Dieser Widerspruch lässt meines Erachtens die Geschehnisse in einem zwiespältigen Licht erscheinen. Die Kino-Rezension wurde entsprechend angepasst.

Blu ray-Veröffentlichung: 02. August. Die Scheibe lohnt sich: scharfes, sauberes Bild, wuchtiger Klang, interessante Extras. Wer einen Full HD-Fernseher und eine vernünftige Heimkino-Anlage sein Eigen nennt, darf die Scheibe sogar als Referenz nehmen.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (10) | Autor: Anthony

Review: SAVING PRIVATE RYAN (1999)

Mittwoch, 9. Juni 2010 20:42

savingprivateryan.jpg

Im Zuge einer persönlichen Spielberg-Retrospektive erhielt ich diese Woche, irgendwie passend, die Blu-ray von „Saving Private Ryan“, den ich vor über zehn Jahren zum ersten, aber nicht zum letzten Mal gesehen habe. Ich war nie ein großer Fan des Films, obwohl ich im Grunde auch heute noch von der semi-dokumentarischen Normandie-Szene fasziniert bin. Mir ist kein anderer Kriegsfilm bekannt, der, zumindest zu Beginn des Films, so nahe „neben“, „mit“  und „gegen“ Soldaten (die Deutschen verkommen hier leider zu austauschbaren Stereotypen) kämpft beziehungsweise den Eindruck vermittelt „mittendrin zu sein“. Die virtuose Kameraarbeit von Janusz Kaminski wurde von der Kritik ja ohnehin einvernehmlich gelobt. Nichtsdestotrotz bleibt für mich die Frage bestehen, ob es überhaupt möglich ist, Krieg adäquat auf Zelluloid zu bannen, ohne Gewalt zu verherrlichen und ohne den Krieg zu banalisieren. Die Grenze zwischen Glorifizierung und Verdammung von Krieg nämlich ist eine Gratwanderung, unter anderem weil im Krieg anonym und für sein Vaterland, also aus Patriotismus, getötet wird, und weil man das Töten zudem als Macht-Metapher verstehen kann: Der Mensch/der Soldat entscheidet über Leben und Tod; er spielt in gewisser Hinsicht Gott. Stets die grausame Seite des Krieges zu visualisieren und zu verdeutlichen ist aufgrund dessen nicht selten kompliziert, weil man schnell das bedient, was man verdammen will. Spielberg inszeniert die Invasion der Normandie in erster Linie aus Sicht der Amerikaner; nur selten wechselt die Perspektive; die Kamera, die grobkörnige, fast einfarbigen Bilder des Grauens, der Gewalt, der Zerstörung und des Todes einfängt, pendelt zwischen dokumentarischen und subjektiven Einstellungen. Mehr kann man sich visuell von einem glatt polierten Hollywoodfilm nicht distanzieren. Und adäquater, so würde ich es behaupten wollen, kann man den Schrecken des Krieges nicht einfangen. Vielleicht schmerzt es demnach umso mehr, dass Spielberg denselben Fehler begeht, der ihm Jahre zuvor schon einmal unterlief (vgl. „Schindler´s List“): Er banalisiert, indem er „Saving Private Ryan“ mit zunehmender Spieldauer zum überamerikanischen, konventionellen, hollywoodschen Kriegsdrama verkommen lässt, weit weg vom differenzierten, veritablen Antikriegsfilm. Es scheint fast so, als wäre ihm Dramaturgie wichtiger als sachliche Historienreflexion. Und da schließt sich auch schon fast wieder der Kreis, wenn die Frage aufkommt, ob ein Film, ein Hollywoodfilm, ein Unterhaltungsmedium, das Reaktionen und Gefühle der Zuschauer provoziert, manipuliert und steuert (und Spielberg ist darin ein Meister), überhaupt sachlich sein kann? Das macht dieses ambivalente Genre schon von vornherein zur Herausforderung, der man nur schwer, wenn überhaupt, Rechnung tragen kann.

Blu-ray-Release: 21. Mai

Ich verweise an dieser Stelle gerne auf das thematisch ähnliche Essay “War is no about Glory” von Bloggerkollege Christian.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (3) | Autor: Anthony

Review: UP IN THE AIR (2009)

Sonntag, 6. Juni 2010 14:08

uita1.jpg

Von der Kritik mit überschwänglichen Reaktionen gefeiert avancierte Jason Reitmans Tragikomödie „Up in the Air“ zum Überraschungshit des letzten Jahres. Mit einem gut aufgelegten George Clooney in der Hauptrolle erzählt der Film die Geschichte von Ryan Bingham, einem heimatlosen Dauerfluggast, der für ein Unternehmen auf Reisen geht, das in seinem Namen Angestellte anderer Firmen feuert. Er erledigt das, wofür die feigen Bosse dieser Welt keine Eier haben. Und weil wir uns gerade, irgendwie passend, in einer Weltwirtschaftskrise befinden, floriert das Geschäft. Ryan ist 322 Tage im Jahr unterwegs, sein Zuhause sind die Flughäfen der USA, die erste Klasse jeder Boeing ist sein Wohnzimmer, sein Koffer, seine sieben Sachen sind sein Leben. Da ist kein Platz für Freunde, Familie oder Liebe. Er liebt sein ungebundenes, ja, einsames Leben, das von den immer gleichen Automatismen beherrscht wird: Koffer packen, Karte einschieben, einchecken, fliegen, landen, Angestellte feuern, oder um es so euphemistisch zu benennen wie der Film: neue Lebensmöglichkeit aufzeigen,  und vice versa. Die Routine scheint allerdings zu verfallen: Die junge, noch unerfahrene Cornell-Absolventin Natalie schlägt seinem Chef vor, die Kündigungsgespräche aus Kostengründen per Videochat durchzuführen. Das würde das Reisen obsolet machen. Und Ryans Leben auf den Kopf stellen. Dazu kommt, dass Ryan die attraktive Alex kennenlernt. Seiner Lebensphilosophie zum Trotz verliebt er sich in sie…  Und die anfangs so reizend mitschwingende Gesellschaftskritik weicht einer konservativen, immer zwischen Komik und traurigem Einzelschicksal pendelndem Gefühlsduselei, die zwar frei von Kitsch, aber nicht vom moralschwingenden Zeigefinger ist. Wie interessant hätte der Film werden können, wenn Reitman einen wahrhaftigen Blick auf das Innenleben eines so ungebundenen, gefühlsunbetonten  Minimalisten geworfen hätte anstatt eine weitere seichte Tragikomödie zu entwerfen, die nicht einmal die Chance in Betracht zieht, in der Entlassung Binghams nicht nur eine pointierte Ironie zu bedienen, sondern auch eine bewusst eingesetzte Kritik zu Ende zu schreiben.

DVD-/Blu ray-Release: 04. Juni

Thema: Kurzreviews | Kommentare (6) | Autor: Anthony

STAR WARS EPISODE I – III…

Mittwoch, 17. Februar 2010 19:03

swepisode1.jpg

Oder: Wie George Lucas noch einmal fett absahnte

Die Wiederbelebung und Extension des größten und erfolgreichsten Science-Fiction-Märchens der Filmgeschichte, genannt: „Star Wars Episode I – Die Dunkle Bedrohung“. Zum ersten und letzten Mal vor nun mehr als zehn Jahren im Kino gesehen. Schon lange ist´s her, ja, seitdem allerdings nie wirklich die Lust bekommen, dem noch einmal eine Chance zu geben. Die Enttäuschung nämlich war groß. Dennoch: Nach der „Fanboys“-Sichtung war das Interesse geweckt, die kommerziellen „Star Wars“-Prequels noch mal anzugehen. Schnell also ins Internet, die „neue“ Trilogie bestellt und rein damit in den Player. Weil ich ja wusste, was mich erwartet (obwohl ich mich kaum an etwas erinnern konnte), blieb die Enttäuschung wie erwartet aus. Die Sichtung machte sogar Spaß, die Trilogie ist durchaus unterhaltsam, aber auf eine, ja, irgendwie trashige Art. Weit entfernt von nostalgischer „Star Wars“-Magie wirkt vor allem die Besetzung ziemlich schräg: Samuel L. Jackson und Liam Neeson ganz schick im Jedi-Outfit wollen nicht so wirklich funktionieren (nur die Portman ist zum dahinschmelzen). Ohnehin fehlt es vor allem der ersten Episode an Glaubwürdigkeit. Und da haben wir uns bei all der Kritik noch nicht einmal dem Inhalt gewidmet. Erwähnenswert, weil tatsächlich großartig, ist hingegen die Musik von John Williams (und ganz vielleicht die wunderbaren Settings, die zumeist leider nicht ihre Computerherkunft leugnen können). Lediglich das actionreiche, großartige und komplexe Finale, “Die Rache der Sith”, das nicht nur inszenatorisch seine beiden Vorgänger in den Schatten stellt, versprüht die Magie von einst. Ansonsten, ja, lieber doch die alten Teile zu schätzen wissen, anschauen und genießen.

Geht das nur mir so?

Thema: Kurzreviews | Kommentare (6) | Autor: Anthony

Review: FANBOYS (2008)

Mittwoch, 10. Februar 2010 22:34

fanboys.jpg

Nicht ohne Grund trägt der umstrittene Filmproduzent Harvey Weinstein den spitzzüngigen Kosenamen „Harvey Scissorhands“. Der nämlich zerschneidet gerne mal die von ihm produzierten Filme, um sie „kundenfreundlicher“ zu gestalten. Alles, versteht sich, im Sinne der Wirtschaftlichkeit. Dass er dabei den Frust und Zorn der Filmemacher auf sich zieht, scheint ihm gleichgültig zu sein. Da wird selbst vor großen Namen (Martin Scorsese) keinen Halt gemacht. Vor kleinen schon gar nicht. Wenn ihm etwas nicht passt, wird es passend gemacht. Und passend kann in diesem Zusammenhang vermarktbar, ökonomisch und/oder wirtschaftlich bedeuten. Da wird dann, wie im Fall der aberwitzigen „Star Wars“-Hommage „Fanboys“, dann auch gerne mal der Veröffentlichungstermin um ein ganzes Jahr nach hinten verschoben, ganze Szenen umgeschrieben und neu gedreht, bis der Despot zufrieden gestellt ist. Dennoch gilt „Fanboys“ trotz oder gerade wegen der komplizierten Produktionsverhältnisse als regelrechter Kinokassenflop. Und ja, man merkt dem Film an einigen Stellen arg an, unter welchen künstlerischen Differenzen er zu leiden hatte. Bevor Weinstein nämlich die Drehbuchänderungen veranlasste, handelte die Geschichte von einem Krebskranken Teenager, dessen nerdige Freunde, fanatische Star Wars-Jünger, ihm einen letzten Gefallen tun: Bevor es zu spät ist, reisen die Jungs quer durch die Staaten, um auf der legendären George-Lucas-Ranch den Rohschnitt des noch nicht veröffentlichten „Star Wars“-Revivals „Episode I“ zu bestaunen. Diese tragische Ausgangsidee war Weinstein allerdings zu pessimistisch, weshalb sie der Schere fast gänzlich zum Opfer fiel. Im Final Cut hingegen ist die Ursache für diese Reise eine triviale: Die Freunde können die Wartezeit, bis „Episode I“ in den hiesigen Kinos gespielt wird, nicht mehr ertragen und stürzen sich deshalb in ein riskantes Abenteuer. Zugegeben, diese Änderung mag den Film erst einmal nicht schlechter machen. Nur merkt man ihm stets die Unentschlossenheit seiner Macher an. „Fanboys“ ist indes eine durchaus spaßige Komödie, manchmal etwas dämlich und einfältig und in seiner Figurenzeichnung doch sehr klischeehaft und karikativ, und dennoch versetzt mit einigen schönen „Star Wars“-Zitaten, witzigen Querverweisen und überraschenden Cameo-Auftritten. Das macht aus ihm vielleicht keinen guten Film, zumindest aber macht es ihn sympathisch.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (7) | Autor: Anthony

Retro: DEEP IMPACT (1998)

Samstag, 30. Januar 2010 23:06

deepimpact.jpg

1998 kamen fast zeitgleich zwei Astro-Katastrophenfilme in die Kinos, die beide den Untergang der menschlichen Zivilisation durch einen Meteoriteneinschlag thematisierten: Michael Bays Armageddon und Mimi Leders Deep Impact. Zwei sehr amerikanische Filme, ausschließlich aus amerikanischer Sicht erzählt, zumal der eine, Armageddon, obendrein auch noch erzpatriotisch daherkommt. In beiden Filmen nimmt ein Komet Kurs auf die Erde und in beiden Filmen versuchen amerikanische Astronauten, mit Sprengköpfen die zerstörerischen Gesteinsbrocken zu eliminieren. Während Bays hoch budgetierter Blockbuster vor allem die geglückte Sprengung des Kometen zum Highlight erklärt, und damit seine amerikanischen Weltenretter in allzu ästhetisierten Bildern romantisiert, geht Leders Film trotz hollywoodscher Muster (im Grunde ist der Film ebenso an computergenerierten Katastrophenbilder und Effekthascherei interessiert) durchaus unkonventionelle Wege. In Deep Impact nämlich scheitern die USA vorerst mit der geplanten Sprengung des Kometen. Fortan behandelt der Film in parallel ablaufenden Geschichten die individuellen Entscheidungen verschiedenster Menschen: die an ihrer Mission gescheiterte Astronautencrew muss sich entscheiden, ob sie heimkehren oder sich für den Fortbestand der menschlichen Rasse opfern soll; der pubertierende Junge Leo, der den Kometen entdeckte, muss sich entscheiden, ob er seine Familie in den vom amerikanischen Präsidenten angeordneten Bunker zum Überleben der Menschheit begleiten, oder ob er umkehren soll, um seine Freundin Sarah zu retten; die aufsteigende Journalistin Jenny Lerner muss sich ihrer konfliktbeladenen Familiensituation bewusst werden, ehe es zu spät ist. Bei Bay verkommen solche menschlichen Zwischentöne. Bei Leder nicht. Und das ist nur einer weniger Gründe, wieso man den durchaus unterhaltsamen Deep Impact Bays nervig-patriotischen Machwerk vorziehen sollte.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (7) | Autor: Anthony

Review: ADAPTATION. (2002)

Sonntag, 17. Januar 2010 14:50

adaptation_scene.jpg

Man stelle sich vor, man stehe vor einem Spiegel und blicke hinein. Doch anstatt sein verdrehtes Ebenbild zu betrachten, sehe man seinen eigenen Rücken, man sehe sich selbst von hinten, wie man in den Spiegel blickt und sein eigenes verdrehtes Spiegelbild betrachtet. Man kennt dieses, oder ein ähnliches, Bild aus René Magrittes berühmtem Gemälde “Not to be reproduced”. Spike Jonzes Adaptation. funktioniert im Grunde genauso: Der gefragte Drehbuchautor Charlie Kaufman, dessen Skript zu Being John Malkovich mehrere Auszeichnungen erhielt, soll ein Buch mit dem Titel “Der Orchideendieb”, eine Biographie über den eigenartigen Orchideenexperten John Laroche, adaptieren. Charlie Kaufman liebt dieses Buch, allerdings weiß er nicht, wo er wie anfangen soll, um Susan Orleans Bestseller gerecht zu werden. Charlie Kaufman hat eine Schreibblockade, während sein Zwillingsbruder Donald gerade im Stande ist, ein viel versprechendes Drehbuch über einen schizophrenen Killer abzuliefern. Dazu kommt, dass Charlie unter Schlafstörungen und Neurosen, unter Angstzuständen und Schweißausbrüchen leidet, er fühlt sich alleine. Keine Freundin. Keine Sex. Ein Versager. Er ist kurz vor dem Zusammenbruch, ehe ihm eine geniale Idee kommt. Er schreibt ein Drehbuch über sich selbst, über Charlie Kaufman, der eine Schreibblockade besitzt und ein Drehbuch über sich selbst schreibt, wie Charlie Kaufman ein Drehbuch über sich selbst schreibt. Eine Endlosschleife sozusagen. Charlie Kaufman, der reelle, verarbeitete mit Adaptation. eine schwierige Phase seines privaten wie beruflichen Lebens. Die Idee eines Drehbuchautors, der ein Drehbuch über sich selbst schreibt, wie er ein Drehbuch über sich selbst schreibt, ist keine neue, genau genommen sogar eine ziemlich abgedroschene. Kaufman allerdings schreibt derart selbstironisch, springt fast beliebig zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen hin und her, lässt Realität und Fiktion kaum noch voneinander trennen und bleibt dabei immer so ehrlich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Kaufmans Skript ist also nicht nur ein äußerst eigenwilliges und gelungenes, weil es bewusst konventionelle Drehbuchprinzipien ignoriert, sondern auch das vielleicht intimste autobiographische Screenplay seit einer gefühlten Ewigkeit.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (4) | Autor: Anthony

Retro: UNFORGIVEN (1992)

Dienstag, 29. Dezember 2009 1:48

erbarmungsloseastwood.jpg

Mit den militärischen Interventionen der USA in Vietnam nahm das Vertrauen des amerikanischen Volkes in die eigene Regierung aufgrund von fragwürdigen politischen Entscheidungen ab. Das war gegen Ende der 1960er Jahre. Zur gleichen Zeit, sozusagen als cineastische Antwort auf diesen soziokulturellen Umstand, brach ausgerechnet ein Europäer mit den Konventionen eines Genres, das jahrzehntelang als Plattform für unreflektierten Patriotismus und romantische Heldengeschichten misshandelt wurde: der Western. Ein Genre, so amerikanisch wie die Geschichten, die es erzählt. Sergio Leone krempelte den klassischen Western um. Die traditionelle Gut-Böse-Charakterisierung wurde durch selbstgerechte Antihelden substituiert, die auf beiden Seiten des Gesetzes standen. Trotz des umgekehrten Verständnisses von heroischer Cowboy-Romantik besitzen die Anti-Western der 1960er Jahre im allgemeinen und die von Leone im speziellen eine wenig idealisierte Darstellung von Gerechtigkeit und Selbstjustiz. Clint Eastwood, die Galionsfigur der Anti-Western dieser Zeit und einstiger “Protegé” von Sergio Leone, kommentiert und analysiert mit seinem 1992 erschienenen Spät-Western Unforgiven die Verkörperung und Legitimierung gnadenloser Gewaltverbrechen, und arbeitet gleichzeitig einen kulturhistorischen Gender-Beitrag aus, der die gesellschaftliche Position der Frau zu Zeiten des wilden Westens kritisiert. Eastwoods veritables Statement ist als Abgesang des Italo-Westerns zu lesen, das den Mythos des romantischen Revolverhelden, des Cowboys als ur-amerikanische Traditionsfigur, entmystifiziert. William Munny, ein einst kaltblütiger Killer, skrupelloser Mörder, jetzt bescheidener, allein erziehender Vater, den Eastwood selber verkörpert, versteht Gewalt nicht als Gerechtigkeit, nicht als Mittel zum Zweck, sondern als subversiven Habitus, als Niederlage und Stigma. Und nicht nur aufgrund dessen gilt Eastwoods oscarprämiertes Meisterwerk als intelligenter Film über Amerika und den wilden Westen.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (1) | Autor: Anthony