Rezeption: ANTICHRIST (2009)
Mittwoch, 29. Dezember 2010 16:48

Ein Film wie Lars von Triers „Antichrist“ ist erst einmal schwer zu (be-)greifen. Das, was wir hier sehen, erleben und „durchstehen“, sofort zu verstehen, zu deuten und einzuordnen scheint mir mit der Erstsichtung fast unmöglich zu sein. Da liegt abseits einer ohnehin komplexen Geschichte über die fast schon widersprüchliche Beziehung zwischen Sex, Gewalt und Liebe, Tod, Trauer und Verzweiflung so viel Verborgenes, so viel Unausgesprochenes, so viel zu Dechiffrierendes, so viel religiöse Konnotation, ein Haufen rhetorischer Mittel, der einen mit seiner Symbol- und Metapherkraft zu erdrücken droht, dass all das kaum zu fassen ist. Da überlappen und vermischen sich derart viele Ebenen, derart viele Genres miteinander, da wird so viel Zwischenmenschliches, Psychoanalytisches und Unerklärliches abgehandelt, das macht die Sache nicht einfacher. So einen Film, der nicht zu Unrecht polarisiert, weil er ein gewisses Prätentionspotential in sich trägt, sieht man nicht alle Jahre. Vielleicht lässt sich „Antichrist“ auch nur intuitiv fassen. Zumindest beim ersten Mal. Das mag einer der Gründe sein, wieso von Triers intellektuelles, künstlerisch wertvolles Meisterwerk so verschieden rezipiert wurde. Kein Film hat jemals auf so gnadenlos ehrliche, aufrichtige und konsequente Weise das gestörte Innenleben einer depressiven Person, die in die tiefsten Abgründe der eigenen Hölle blickt, so unverblümt sichtbar gemacht wie „Antichrist“. Das kann vermutlich nur einem Regisseur gelingen, der wie Lars von Trier selbst einmal eine depressive Phase durchlebt hat und dieser entweichen konnte, weil er sein persönliches Psychodrama in verstörende Kopfbilder übersetzte. Das Kino als selbsttherapeutische Projektionsfläche.
Thema: Kurzreviews | Kommentare (11) | Autor: Anthony













