Donnerstag, 14. April 2011 16:04

Schon vor einigen Wochen startete der Bloggerkollege von nebenan, der intergalaktische Menschenaffe, eine meiner Meinung nach sinnvolle Aktion, die das deutsche, das österreichische und das schweizerische Kino im Kontext ihrer historischen, kulturellen und qualitativen (Themen-)Vielfalt in den Blickpunkt rückt, um gängige und vielleicht überholte Vorurteile über die deutschsprachige Filmlandschaft zumindest teilweise aus dem Weg zu räumen. „Zeit für DÖS“, so nennt sich dieses Gemeinschaftsprojekt, an dem bereits viele Blogger und Autoren teilnehmen, will eine neue Kollektivrezeption für die hiesigen Filme erzeugen, die, zumindest macht dies erst einmal den Anschein, keinen guten Ruf im Inland besitzen. Blogübergreifend wird sich so möglicherweise ein differenzierte(re)s Verständnis für das DÖS-Kino entwickeln, weil es so schlecht und vor allem filmhistorisch unbedeutend nicht sein kann. Man denke da nur an die Expressionistische Stummfilm-Ära der 1920er Jahre und deren Bedeutung für die europäische und amerikanische Filmgeschichte. Nicht umsonst sind Meisterregisseure wie Ernst Lubitsch oder Fritz Lang in die USA „ausgewandert“, um sich in der Traumfabrik Hollywood ordentlich austoben zu können. Die moderate Reputation des DÖS-Films, so scheint mir, liegt ohnehin eher in der Gegenwart begründet. Ich selbst bin dem DÖS-Film weitaus weniger aufgeschlossen, als ich es vielleicht sein sollte (wobei gesagt werden muss, dass ich hierbei noch ziemlichen Nachholbedarf habe). Das liegt nicht an mangelndem Interesse, sondern vielmehr an mangelnder Vielfalt und, ganz besonders, an mangelnder Qualität (die Filme von Oliver Hirschbiegel oder die neuesten von Uli Edel zum Beispiel, und ganz zu schweigen von den hirnrissigen Fremdschämkomödien à la „Der Schuh des Manitu“ und Konsorten). Ich frage mich eben: Wo sind sie, die Regisseure wie beispielsweise Rainer Werner Fassbinder, die die Deutsche Gegenwart oder das Deutsche Gegenwartsbild aufmerksam und kritisch zu thematisieren und zu dokumentieren versuchen, wo der politische, demographische und soziokulturelle Debattenreichtum doch so groß ist in diesem Land? Lautet eine Antwortet vielleicht Fatih Akin, der das multi-kulturelle Deutschland in seinem Drama „Auf der anderen Seite“ wenigstens in Teilen zu fassen bekommt? Oder ist die Frage eine rhetorische? Vielleicht wird das Projekt „Zeit für DÖS“, das erst am 31. Dezember endet, eine Antwort geben können. Es wäre wünschenswert. Alles über die Aktion findet ihr hier.
Favorisierte DÖS-Filme (in chronologischer Reihenfolge; leider sehr Deutsch- und Kanonlastig): Der Golem, wie er in die Welt kam (1920, Paul Wegener, Carl Boese), Das Cabinet des Dr. Caligari (1920, Robert Wiene), Nosferatu (1922, Friedrich Wilhelm Murnau), Faust (1926, Friedrich Wilhelm Murnau), Metropolis (1927, Fritz Lang), Sonnenaufgang (1927, Friedrich Wilhelm Murnau), Frau im Mond (1929, Fritz Lang), M – Eine Stadt sucht ihren Mörder (1931, Fritz Lang), Die Brücke (1959, Bernhard Wicki), Welt am Draht (1973, Rainer Werner Fassbinder) Angst essen Seele auf (1974, Rainer Werner Fassbinder), Auf der anderen Seite (2007, Fatih Akin), Das weiße Band (2009, Michael Haneke)