Kaurismäki: PROLETARISCHE TRILOGIE

Bild: “Ariel” (1988)

In den Filmen von Aki Kaurismäki wird wenig gesprochen. Fast alles, was uns der Finne zu erzählen hat, wird in eine außergewöhnlich schnörkellose Bildsprache übersetzt, die derart authentische und realistische Bilder eines heruntergekommenen Milieus entwirft, dass man ihr eine gewisse Anti-Ästhetik unterstellen kann. Vor allem in den Filmen seiner „Proletarischen Trilogie“, die tragische Einzelschicksale gesellschaftlicher Außenseiter der Arbeiterklasse thematisiert, entfaltet dieser bewusst verweigerte Stilwillen eine gewaltige Wirkung. Vor dem Hintergrund einer vorherrschenden Industrialisierung Finnlands und ganz besonders Helsinkis erzählt Kaurismäki in seinen Filmen „Schatten im Paradies“, „Ariel“ und „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die zwar inhaltlich nicht aufeinander aufbauen, allerdings derart thematisch und inszenatorisch verbrüdert sind, dass sie einen gemeinsamen Episodenfilm ergeben könnten, vom tristen Leben dreier Menschen aus der Arbeiterschicht, die das Pech für sich gepachtet haben: Der einsame Müllwagenfahrer Nikander, der sich in die arbeitslose Supermarktkassiererin Ilona verliebt, der ebenfalls arbeitslose Taisto, der nach Helsinki fährt, um ein neues Leben zu beginnen und die in einer dysfunktionalen Familie lebende Iris, die auf der Suche nach der wahren Liebe zur verzweifelten Mörderin wird, sie alle suchen einen Weg aus der gesellschaftlichen Verdammnis, sie alle sehnen sich nach einem neuen Leben, nach Liebe und Zuneigung. Die Welt, die Kaurismäki nach reellen, aber unbestimmten Vorbildern entworfen hat, ist ausnahmslos pessimistisch: Nur die Überschreitung und Brechung moralischer und gesetzlicher Grenzen, nur die sprichwörtliche Flucht aus einer industrialisierten, kommunikationslosen Hölle führt in ein „freies“, ein scheinbar glückliches Leben. Wenn Kaurismäki also von Armut spricht, von Unterschicht und Einsamkeit, dann verknüpft er auf metaphorische Weise diese Begriffe eng mit der fortschreitenden Industrialisierung der Wirtschaft: Die seelenlosen Maschinen, die von seinen Figuren bedient und kontrolliert, und die von Kaurismäki bewusst ins Bild gerückt werden, funktionieren, sie verrichten Automatismen, genauso wie Nikander, Taisto und Iris, die ebenfalls nur funktionieren statt zu leben. Eine besorgniserregende Assimilation. Die Hilflosigkeit und Verzweiflung dieser abtrünnigen Personen drückt sich zudem in ihrem nicht vorhandenen Willen zur Konversation aus: Worte sind hart, sie verletzen und beleidigen, sie schaffen Ärger. Aki Kaurismäki inszeniert all das auf eine derart lakonische, eine derart zynische, aber veritable Art, dass man über den schiefen Verlauf des Lebens allenfalls nur lachen kann. (9)

Tags » «

Autor: Anthony
Datum: Montag, 17. Oktober 2011 17:02
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Filmkritiken

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.
Pingen ist momentan nicht möglich.

4 Kommentare

  1. 1

    Ich besprach vor einiger Zeit seinen frühen “Hamlet goes Business” (1987). Es war geradezu ein Erlebnis, eine Hamlet-Verfilmung zu sehen, in der man nicht ständig mit Versen bombardiert wird. ;) Kaurismäki betont ja gerne, er könne keine Meisterwerke, nur Dokumente seiner Zeit drehen. Ich halte seine Filme (insbesondere die “Proletarische Trilogie”) aber gerade wegen ihrer Schnörkellosigkeit für meisterhaft. Gerade “Das Mädchen aus der Streichholzfabrik”, das ich neulich wieder sah, ist in seiner tieftraurigen Unaussprechlichkeit einzigartig.

  2. 2

    Gute Analyse. Macht Lust auf mehr. Ich muss allerdings sagen, dass sein neuer Film, Le Havre, wesentlich positivere Gefühle auslöst. Obwohl auch hier fast nur die Randgruppen, die Armen, einer französischen Hafenstadt gezeigt werden, bleibt die Geschichte im Kern unglaublich “schön”. Alles ist grau und kalt, die Kleidung alt, aber die Menschen versuchen zu strahlen und bemühen sich, einander zu helfen. Irgendwie hat der Film etwas von einem modernen (Thema illegale Migration in Frankreich), aber althergebrachten (Optik und Plot) Märchen. Wie du sagst, spätestens bei den “übertrieben” heruntergekommenen Hafenarbeitern in der noch heruntergekommeneren Kneipe muss man zwangsläufig lachen. :)

  3. 3

    @Whoknows

    Gerade “Das Mädchen aus der Streichholzfabrik”, das ich neulich wieder sah, ist in seiner tieftraurigen Unaussprechlichkeit einzigartig.

    Toll gesagt.

    @Alo

    “Le Havre” interessiert mich ja sehr, will aber erst seine anderen Filme sehen und sozusagen sein Gesamtwerk von hinten aufrollen.

  4. 4

    danke für den tipp! ich werde mich mit diesem finnen mal ein bisschen genauer auseinandersetzen, als bisher.

Kommentar abgeben