Kino: INCEPTION (2010)

inception.jpg

In regelmäßigen Abständen hinterfragt die „Traumfabrik“ die Realität. Ist die Wirklichkeit das, was wir bewusst wahrnehmen, oder ist sie etwas Illusorisches, ein Trugbild oder eine Täuschung etwa? Eigentlich paradox, dass ausgerechnet das Kino, das seit jeher die Realität oder zumindest ein (fiktionales) Abbild ihrer nachzuahmen versucht, und selbst stets nur ein fiktives Produkt geistiger Ausdruckskraft bleibt, die Frage nach der Wirklichkeit stellt.

In seinem neuen Film „Inception“ schickt Christopher Nolan, der seit der erfolgreichen Batman-Fortsetzung „The Dark Knight“ in Hollywood eine Sonderstellung geniest, die ihm finanzielle Unterstützung und künstlerische Freiheit gewährt, in die labyrinthischen Tiefen des individuellen Unterbewusstseins und jongliert dabei mit der philosophischen Traumtheorie Sigmund Freuds.

Die Nacherzählung dieser Geschichte gestaltet sich insofern schwer, als dass Raum und Zeit hier eine komplizierte Verbindung miteinander eingehen. Nur so viel sei verraten: In naher Zukunft ist es möglich, sich mit dem eigenen und dem Unterbewusstsein anderer während der Traumphase zu vernetzen. Diese Möglichkeit nutzt der Traumexperte Cobb (Leonardo DiCaprio) meisterlich zur Wirtschaftsspionage.

Er kann, während er sich im träumenden Unterbewusstsein eines anderen befindet und die nötigen Informationen besorgt, die Handlung des Traums beeinflussen. Selbst physikalische Paradoxa wie die Endlostreppe lassen sich integrieren. Wichtig: Cobbs träumender gegenüber darf nicht mitbekommen, dass er sich in der Traumphase befindet. Das Problem: In Cobbs Unterbewusstsein liegen Erinnerungen an seine verstorbene Frau und seine noch lebenden Kinder begraben, die er nicht kontrollieren kann.

Ein Industriekapitalist gewährt ihm Amnestie (für was, das erfahren wir erst mit zunehmender Spieldauer), wenn er in das Unterbewusst seines Konkurrenten eindringt. Er soll nicht etwa einen Gedanken extrahieren, im Gegenteil, er soll dort einen Gedanken festsetzen, einen so genannten Inception installieren. Dieses Vorhaben ist deshalb ein gefährliches, weil man mehrere Bewusstseins-Ebenen durchschreiten muss. Eine Ebene tiefer bedeutet ein höheres Risiko.

Das geradezu euphorische Echo ist nicht zu überhören. Kritiker und Publikum sind sich in Sachen „Inception“ einig: Der wohl am meist erwartete Film des Jahres, der einen ähnlichen Hype auslöste wie „The Dark Knight“, rettet das Blockbuster-Kino. Und ohnehin gilt Nolans neuer Film als innovatives Meisterwerk, das wie kein zweites Kommerz und Anspruch in Einklang bringt. Kaum nachzuvollziehen, wo der Brite doch eine bekannte Prämisse transferiert (vgl. „The Matrix“), ohne die komplexe Traum-Thematik, geschweige denn -Analyse, intellektuell zu kommentieren.

Die Geschichte, die die Nolan Brüder in ein Drehbuch gefasst haben, spielt sich auf verschiedenen Traum- respektive Unterbewusstseins-Ebenen ab und durchläuft neben dem Action-, vor allem das Heist-Genre. Nolan verschachtelt diese zumeist gleichzeitig ablaufenden Handlungsstränge derart unstrukturiert, dass der Plot sukzessive unübersichtlich wird.

Desto tiefer Cobb und seine Partner in das Unterbewusstsein des Träumenden eindringen, verirrt sich nicht nur der Zuschauer in Nolans kompliziert erzähltem Labyrinth, sondern auch das Motiv des illegalen Vorhabens verliert zunehmend an Bedeutung.

Dem Film den intellektuellen Anspruch gänzlich abzusprechen, wäre insofern falsch, als dass er im Gegensatz zum gewöhnlichen Blockbuster eine für das Genre untypisch komplexe Thematik besitzt. Inwieweit Nolan seine eigens aufgestellten Regeln befolgt, also darauf bedacht ist, einer inneren Logik zu folgen, kann aufgrund der letzten Szene, die in ihrem cleveren Bezug auf die Frage nach der Realität fast alleine dasteht (und auf die aus Spoiler-Gründen nicht näher eingegangen wird), nicht beantwortet werden.

Der Film, der in seiner visionären Naivität trotz allem sehenswert und unterhaltsam ist, hat neben einem strukturellen, vor allem ein konzeptionelles Problem: Christopher Nolans nüchterne, geradezu lieblose Bebilderung eines surrealistischen Sujets ist die visuelle Antithese zur Dialektik eines Traums. Geradezu widersprüchlich, wenn man konstatiert, dass der Brite inszenatorisch nie besser war.

Anstatt das Irrationale eines Traums, das auf physikalische und chronologische Voraussetzungen nicht bedacht ist, herauszuarbeiten und zu visualisieren, gibt sich Nolan einfalls- und fantasielos: Wo ein David Lynch („Mullholland Drive“) die Abgründe der menschlichen Seele in (alb-) traumähnliche Bilder übersetzt, übersetzt ein Nolan die Widersprüche eines Traums nur selten. Und genau das, also das kreative Bebildern eines Traums, sollte hinsichtlich des hier behandelnden Themenkomplexes doch Voraussetzung sein, oder etwa nicht?

★★★★★☆☆☆☆☆

Autor: Anthony
Datum: Dienstag, 3. August 2010 2:21
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Filmkritiken

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.
Pingen ist momentan nicht möglich.

6 Kommentare

  1. 1

    Dein letzter Absatz fasst meine Probleme mit dem Film sehr schön zusammen. Vielerorts wird auf die typischen Traummotive verwiesen, die Nolan einbaut: Die Verfolgung, der eigene Tod, die Schwerelosigkeit, der enger werdende Gang, durch den sich Cobb an einer Stelle durchquetschen muss… Zum einen nutzt Nolan solche surrealen Momente viel zu selten, zum anderen gelingt es ihm zu keiner Zeit, den Zuschauer emotional hinab zu reißen in die Traumschichten, weil er seine Distanz wahrt. Dass er jene Motive dann auch noch kausal zu erklären sucht, macht alles viel schlimmer.

  2. 2

    zum anderen gelingt es ihm zu keiner Zeit, den Zuschauer emotional hinab zu reißen in die Traumschichten, weil er seine Distanz wahrt.

    Absolut. Der Film hat mich nicht umsonst weitestgehend kalt gelassen.

  3. 3

    Habt ihr wirklich immer so surreale Träume? Niemals Träume, die auch den Gesetzen der realen Welt entsprechen? Also diese Kritik, die ja von vielen ausgeübt wird, dass Nolan einfallslos ist und nicht wisse wie man träumt, find ich etwas läpsch. Klar kann man das so sehen, aber er wollte halt nicht so einen Film drehen, was man ja klar sieht. Ich find sein rationales Denken ziemlich gut, zwar entsteht dadurch diese Distanz, aber die hat mich schon in seinen anderen Filmen nie wirklich gestört. Inception hat mich verblüfft und ein Verlangen geweckt ihn unbedingt nochmal zu sehen.

    Unstrukturiert soll er sein? Vielleicht für manche Szenen die falsche Geschwindigkeit benutzt, aber unstrukturiert find ich das doch gerade überhaupt nicht. Also wenn Nolan das Stück für Stück erklärt hätte, dann wären die Diskussionen nach dem Kinobesuch umso kürzer ausgefallen ^^

    Und das mit der letzten Szene ist schon etwas, dass ich mir noch näher betrachten müsste…es gibt ja verschiedene(eig. ja nur zwei) Theorien. Ich find beide gut.

  4. 4

    Der Punkt ist doch der, dass, selbst wenn Träume mal hin und wieder der realen Welt und seinen physikalischen Gesetzen entsprechen, es einem doch alles sehr unwirklich vorkommt. Bei Nolan ist das stets eine 1:1-Kopie. Nur selten lässt er sich auf die Traumspielerei ein, wenn er beispielsweise die Straßen aufeinander klappt.

    Unstrukturiert insofern, als dass er fast willkürlich zwischen den verschiedenen Ebenen hin und her pendelt, obgleich der Aufbau seiner Geschichte konventioneller nicht sein könnte. Und genau das lässt auch das Motiv des Inception sukzessive vergessen.

  5. 5

    Habt ihr wirklich immer so surreale Träume? Niemals Träume, die auch den Gesetzen der realen Welt entsprechen?

    Der Film spielt ja mit der Idee, dass man nicht mehr weiß, wann man schläft und wann nicht – was ja erfordert, dass Nolans Traumwelt quasi ein Ebenbild der realen Welt ist. Der Unterschied ist, ich weiß, wann ich geträumt habe, selbst wenn es mir im Traum nicht auffällt (ohne dass dies heißen muss, dass ich im Traum diesen für die Realität halte, was nicht der Fall ist). Zumindest für mich gibt es also eine unterschiedliche Wahrnehmungsebene und INCEPTION will in meinen Augen daher Traum sein, ohne Traum zu sein.

  6. 6

    Alles klar, ja, das stimmt wohl, muss ich euch beiden Recht geben. In dieser Hinsicht versagt der Film auch wirklich, aber für mich wurde der Unterhaltungswert dadurch nie wirklich getrübt. Ich weiß nicht, ich finds einfach nicht schlimm, was Nolan so treibt, mir gefällt seine Art, auch wenn die übliche Kritik gerechtfertigt ist.

Kommentar abgeben