Zweitsichtung: SHUTTER ISLAND (2010)

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Gerade bei einem vieldiskutierten Psychothriller wie „Shutter Island“ macht eine Zweitsichtung auf dem heimischen Bildschirm durchaus Sinn: Die Geschichte ist bekannt und, wichtiger noch, das Ende auch. Mit diesem Vorwissen ist man sensibilisiert für feine Details und assoziative Anspielungen, die man fortan intuitiv in den interpretatorischen Gesamtkontext stellen kann. An meiner persönlichen Meinung zum Film hat die Zweitsichtung nur wenig gerüttelt: Noch immer bin ich gefesselt von Martin Scorseses brillantem Handwerk, von Robbie Robertsons ungemütlich-brachialen Klängen und Robert Richardsons virtuoser Kameraarbeit. Inszenatorisch ist das ganz großes Kino der alten Schule. Kommen wir zum spannenderen Teil: zur Interpretation/Auflösung des Films. Ein wenig bin ich, wohl zur Überraschung meiner Nervgeprüften Leser, von meiner Überzeugung eines zweideutigen Finales abgewichen: Natürlich, und das habe ich auch schon zuvor unterstrichen, kann man den Film dahingehend verstehen, dass Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) tatsächlich der 67. Patient ist. Das machen viele evidente und als solche eher unscheinbare Anspielungen und die präzise Erläuterung des Doktors am Ende deutlich. Was mir aber schon seit dem Kinobesuch zu denken gibt, ist der letzte Dialog von Daniels: „Which would be worse, to live as a monster or to die as a good man?” Dieser Satz impliziert, dass er sich seiner Situation, ein geisteskranker Patient in einer von der Außenwelt abgeschotteten Nervenheilanstalt zu sein, bewusst ist. Dieses Bewusstsein mag allerdings nicht dazu passen, dass er gegen Ende wieder in die Rolle des Marshalls schlüpft, schließlich hat der Doktor konstatiert, dass er sich über einen längeren Zeitraum, in einem sich wiederholenden Rhythmus, von Anfang bis Ende in seiner Wahnvorstellung, befindet. Dieser Widerspruch lässt meines Erachtens die Geschehnisse in einem zwiespältigen Licht erscheinen. Die Kino-Rezension wurde entsprechend angepasst.

Blu ray-Veröffentlichung: 02. August. Die Scheibe lohnt sich: scharfes, sauberes Bild, wuchtiger Klang, interessante Extras. Wer einen Full HD-Fernseher und eine vernünftige Heimkino-Anlage sein Eigen nennt, darf die Scheibe sogar als Referenz nehmen.

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Autor: Anthony
Datum: Dienstag, 27. Juli 2010 21:29
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Kurzreviews

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10 Kommentare

  1. 1

    Ich hab deine Ausführungen zu deiner Version bereits beim Originaltext nun gut zehn Mal gelesen, muss aber weiterhin eingestehen, dass ich keine Ahnung hab, was deine Interpretation des Filmes sein soll bzw. ist. Der Schlussdialog impliziert, dass er sich seiner Situation als 67. Patien bewusst ist, du glaubst allerdings, dass er unwissentlich wieder in seine Scheinidentität des Marshalls geflüchtet ist? Oder dass er nicht Laddies ist und nur so getan hat als würde er akzeptieren, der 67. Patient zu sein?

  2. 2

    du glaubst allerdings, dass er unwissentlich wieder in seine Scheinidentität des Marshalls geflüchtet ist?

    Ja, das tut er ja auch, schließlich redet er seinen Psychiater erneut mit Chuck an. Der letzte Dialog allerdings impliziert ja genau das Gegenteil, nämlich dass er sich seiner Situation, geistesgestört zu sein und sich eine Scheinidentität aufbaut, bewusst ist. Das würde ja wieder nicht passen, dass er in seine Scheinidentität zurückfällt. Wenn er nämlich in dieser ist, das bekommen wir ja fast zwei Stunden zu sehen, ist er sich seiner Krankheit nicht bewusst.

  3. 3

    Aha, gut diese mögliche zweideutige Lesart ist natürlich vorhanden. Ich denke Tom, die Anderen und ich waren jedoch der Auffassung, da die Schlussszene am Morgen danach einsetzt, hat Laddies bis dahin seine Krankheit zurückdrängen können und fällt bewusst die Entscheidung, “rückfällig” zu werden, um die Lobotomie zu erhalten. Wobei das im Grunde nur insofern relevant wäre, als das es dann eine bewusste Entscheidung sei, im Gegensatz zum Abdriften in die Krankheit, was ebenfalls die Lobotomie zur Folge hätte. So oder so, sie schneiden ihm imo einen Gehirnlappen weg und Laddies will – im Gegensatz zu Nicholsons Murphy -, dass dies auf seine “Veranlassung” hin geschieht. Im Grunde aber auch egal, sich so viele Gedanken zu einem derart belanglosen und schlechten Film zu machen *duckundweg*

  4. 4

    schließlich redet er seinen Psychiater erneut mit Chuck an

    Wobei dies doch jetzt kein Beweis für deine These ist, sondern kann viel mehr dahingehend interpretiert werden, dass er die Täuschung – da er sich seiner Situation bewusst ist, und keine “Lust” mehr auf die Schrecken im Kopf (Dachau, Tod der Familie)hat – perfekt macht. Ich sehe die von dir erkannte Zwiespältigkeit immer noch nicht.

  5. 5

    sondern kann viel mehr dahingehend interpretiert werden, dass er die Täuschung – da er sich seiner Situation bewusst ist, und keine “Lust” mehr auf die Schrecken im Kopf (Dachau, Tod der Familie)hat – perfekt macht.

    Und wo ist dafür der Beweis? Das ist doch ebenso eine These wie meine. Ich sage ja nicht, dass es nicht denkbar wäre. Ich kann mir es sogar ganz vorstellen, allerdings wird das meines Erachtens nie vollständig ausformuliert. Das ist doch Interpretationssache.

  6. 6

    Die Interpretation sehe ich tatsächlich so, wie Flo. Da hört es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten auf, denn ich fand den Film klasse.

  7. 7

    Ich hab den Film erst einmal gesehen, daher fehlt mir noch der zweite Blickwinkel.
    Aber bereits beim erstenmal war auch für mich kein mehrdeutiges Ende erkennbar.
    Kaiser, verstehe ich das richtig? Du hältst es für möglich, dass Teddy tatsächlich
    ein Marshall im Dienst ist, dessen Theorien (geheime Experimente zur Züchtung von Supersoldaten etc.)
    in Wirklichkeit zutreffen und der quasi festgehalten wird um mundtot gemacht zu werden?
    Oder schwankst Du nur zwischen “Rückfall ist simuliert” und “Rückfall ist echt”?
    Scorsese erzählt in irgendeinem Blu-ray Extra davon, wieviel Spaß im die Szenen gemacht haben,
    bei denen die “Inselbewohner” Teddy vorspielen müssen er sei tatsächlich der Polizist für den er sich hält.
    Dieses und andere kleine Statements zum Dreh lüften also aus erster Hand Teddy´s “wahre Identität” als Patient.
    Ich freu mich schon darauf den Film ein zweites mal zu sehen. Ein seltener Fall von 2 Filme für den Preis von 1!;-)
    Und ich bin sicher “Version 2″ ist mindestens genauso gut wie die erste…trotz und gerade wegen bekanntem Twist.

  8. 8

    Du hältst es für möglich, dass Teddy tatsächlich
    ein Marshall im Dienst ist, dessen Theorien (geheime Experimente zur Züchtung von Supersoldaten etc.)
    in Wirklichkeit zutreffen und der quasi festgehalten wird um mundtot gemacht zu werden?

    Möglich, ja. Aber eher unwahrscheinlich.

  9. 9

    Als leonardo Dicaprio am ende auf der treppe wieder in die rolle des marhsall zurückfällt, macht er das extra. Er kann nicht damit leben das das alles war ist, das er in einer psychoklinik sitzt und seine frau umgebracht hat! also spielt er weiter auf “verrückt” und lässt sich dann von den leuten abführen und sich mit den pflog im kopf töten ^^

  10. 10

    Ja, ein wirklich ordentlicher Film. Der Plot ist leider vorraussehbar, aber man ist irgendwie nur glücklich darüber einen Film von einem Könner sehen zu dürfen.;)

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