Review: ZOMBIELAND (2009)

Wenn man die auf Entwicklung des Zombiekinos zusprechen kommt, führt eigentlich kein Weg an des Meisters Meilenstein vorbei: George A. Romeros „Night of the Living Dead“ von 1968 ist für das Nischenkino in etwa so avantgardistisch und bedeutend wie „Easy Rider“ für (New) Hollywood. Eine minimalistische Neuausrichtung, die das Subgenre dringend nötig hatte und bis heute nachfolgende Werke beeinflusste: Romero distanzierte sich von genretypischen Science Fiction-Elementen und Voodoo-Zauber. Erstmals verstand sich der Zombie als kannibalischer Untoter, als triebgesteuerter Hirnloser, dessen Biss einen zu seines Gleichen verwandelt: äußerlich eine halb-verweste Leiche, innerlich nur noch eine von Ur-Instinkten gesteuerte Hülle.
Geradezu widersprüchlich mag Romeros Reputation als Pionier des Zombiekinos erscheinen, wenn man konstatiert, dass ihn seit jeher weniger die umher torkelnden Untoten als vielmehr die tatsächlich lebenden Menschen interessieren: Sein Fokus ist gleichzeitig sein Motiv ist gleichzeitig seine Kritik. Im Grunde stehen Romeros „Dead“-Werke hinsichtlich ihres gesellschaftskritischen Subtextes alleine da: In „Dawn of the Dead“, das romerosche Magnum Opus, teilte der Hollywood-Außenseiter gegen eine materialistische Konsumgesellschaft aus, während er in „Day of the Dead“ zum Ursprung zurückkehrte und zivilisationskritischen Pessimismus verbreitete.
Erst Ende der 1980er und, vor allem, zu Beginn der 1990er Jahre verdrängte die „Zombiekomödie“ – ein Genrehybrid, das komische, teils parodistische Elemente mit Splatter- und/oder Gore-Effekten kreuzte – den „ernsten“ Genrefilm. Als Vor- reiter gilt Peter Jacksons Achtungserfolg „Braindead“. Und dennoch: Der Erfolg blieb gemessen an der Konkurrenz aus Hollywood unbeachtet. Erst 2002 sollte der Zombiefilm salonfähig werden: Raus aus den verrauchten Mitternachtskinos, rein in die Mainstream-Multiplexe dieser Welt. Danny Boyles postapokalyptischer Horror-Thriller „28 Days Later“ läutete eine neue Zombie-Ära ein.
Aus den langsam wankenden, auf das Unmenschlichste reduzierten, hirnlosen und ausschließlich triebgesteuerten Untoten wurden aggressive LSD-Zombies, die sogar lernten Waffen einzusetzen. Der Zombie wurde schneller und gefährlicher. Die neue physikalische Ausrichtung steht der aus George Romeros „Dead“-Reihe diametral gegenüber. Im Klartext soll das heißen: Nicht der Mensch, sondern der Zombie steht nun im Mittelpunkt des Geschehens. Das stereotype Opfer ist da nur eine davonrennende Randerscheinung. Zivilisationskritische Botschaften waren einmal.
Im Zuge der weitflächigen Kommerzialisierung des Horrorgenres, das den „bösen“ Film in den letzten Jahren zunehmend zugänglicher für ein bereits Publikum und zudem ökonomisch reizvoll machte (man denke da nur an das „Saw“-Franchise oder die unzähligen US-Remakes), wurde auch der Zombiefilm populärer, der sich trotz aller Zugeständnisse an den Mainstream nie vollständig von den Werken Romeros lösen wollte. Der vielleicht originellste Zombiekracher dieser Revival-Welle ist Ruben Fleischers feingeistige Untoten-Komödie „Zombieland“, die be- wusst auf subgenretypische Klischees zurückgreift, um sie im nächsten Moment clever und augenzwinkernd zu dekonstruieren.

Dieses pointierte Umkehren und Zerlegen allseits bekannter Muster funktioniert bei Fleischer auf erstaunlich coole und unterhaltsame Weise. Vor allem aber funktioniert es, weil der adoleszente Erzähler Columbus (gespielt von Jesse Eisenberg), ein jungfräulicher, intelligenter Nerd, zu wissen glaubt, dass man im von Zombies übersäten, post-apokalyptischen Amerika – im Zombieland – nur dann überlebt, wenn man sich an seine Regeln hält. Wenn dem schüchternen Wuschelkopf also eine Horde Untoter auf die Pelle rückt, dann greift Regel Nummer eins: Fitness. Und wenn er dann doch einmal handgreiflich werden muss, dann gleich zweimal, denn „doppelt hält besser“, so Regel Nummer zwei.
Über dreißig selbst auferlegte Vorschriften (die zum richtigen Zeitpunkt auf irrwitzigste Weise als Schriftzug eingeblendet werden) hat Columbus definiert, die ihn bisher erfolgreich am Leben gehalten haben. Neben „Vorsicht auf dem Klo“ oder „Sind Zweifel am Start, hab ´nen Ausweg parat“ nimmt er sich in dieser gottverlassenen Welt vor allem eine zu Herzen: „Such´ dir einen knallharten Partner“. Den hat er, eher dem Zufall geschuldet, im – Achtung: Wortspiel – schlagfertigen Tallahassee gefunden. Im Gegensatz zu Columbus ist der nämlich ein von Twinkies besessener Haudrauf, der im Töten von Zombies seine Bestimmung gefunden hat. Und weil Tallahassee jede emotionale Bindung untersagt, benennt er die Menschen, die ihm über den Weg laufen, nach ihren Wohnorten. Daher auch „Columbus“.
Der Film nimmt Züge eines klassischen Road-Movies an, wenn sich das ungleiche Paar zusammen tut und, bis an die Zähne bewaffnet, auf die Durchreise geht: Während es Columbus, logisch, nach Columbus zieht, in der Hoffnung seine lebenden Eltern dort anzutreffen, gibt sich der oberlässige Tallahassee, lediglich auf der Suche nach den letzten Twinkie-Reserven, ziellos. In einem von Zombies durchlaufenen Supermarkt tappen die beiden trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in eine Falle, gestellt, in einer Welt voller gefährlicher Totengräber, ausgerechnet von zwei aufgeweckten Überlebenskünstlerinnen: die Fast-Erwachsene Wichita (Emma Stone), in die sich Columbus später verlieben wird (ja, der Genremix expandiert) und ihre kleine vorlaute Schwester Little Rock (Abigail Breslin) schnappen den Jungs Knarren und Auto vor der Nase weg und machen sich auf in Richtung Vergnügungspark.
Im Gegensatz zum britischen „Shaun of the Dead“ versteht sich „Zombieland“ weder als Hommage noch als Parodie auf die Werke von George R. Romero oder das Subgenre selbst. Fleischer spielt zwar bewusst mit den Inhalten und Formen des Zombiekinos, allerdings steckt nicht hinter jedem Gag die Intention, altbekannte Klischees auf die Schippe zu nehmen. Der Überraschungshit des letzten Jahres entwickelt gar einen eigenständigen Humor. Kaum eine (romantische) Zombiekomödie nämlich zeigt auf so unterhaltsame Weise Spaß am kreativen Töten von fleischsüchtigen Untoten und trifft neben all den irrwitzigen Momenten stets einen nachdenklichen Ton, der für dieses Subsubgenre doch so untypisch erscheint.
Im Zentrum, und das ist vielleicht eine der wenigen Gemeinsamkeiten mit der kultigen „Dead“-Reihe, stehen die Menschen. Der Zombie ist universell, austauschbar, eine Bedrohung, ja, aber er versteht sich nicht als Synonym für ge- sellschaftskritische Umstände. Selbst der Auslöser der globalen Zombie-Katastrophe ist alles andere als originell. „Zombieland“, der die unterschiedlichsten Genres virtuos miteinander vermischt, hat ein Auge, ein Ohr und auch ein Gewissen für seine liebenswerten Figuren. Vielleicht besitzt Fleischers Regiedebüt ja deswegen so viel Unterhaltungspotential, macht deswegen so viel Spaß, weil er, anders als andere, Genreuntypisches und Alt- bekanntes auf so locker-leichte Art miteinander verbrüdert. Wie dem auch sei: Auf die geplante Fortsetzung darf man sich schon jetzt freuen.















Sonntag, 25. Juli 2010 15:15
Lustig, hab auch erst heute eine Rezension dazu veröffentlicht
Meine stellt allerdings quasi das Gegenteil zu Deiner Lobhudelei. War mir kurz gesagt zu langweilig (und wie Du selbst schreibst unoriginell), konnte dem Geschehen auf dem Bildschirm kaum einen Unterhaltungswert abgewinnen.
Kein Wort über Bill Murray? Fand Harrelson leider auch nicht so stark wie letzthin in Defendor.
Sonntag, 25. Juli 2010 19:36
Ich hab nie gesagt, der Film sei unoriginell.
Will ja keinen spoilern
Montag, 26. Juli 2010 0:17
Vielleicht besitzt Fleischers Regiedebüt ja deswegen so viel Unterhaltungspotential, macht des- wegen so viel Spaß, weil er, anders als andere, Genreuntypisches und Alt- bekanntes auf so locker-leichte Art miteinander verbrüdert.
Nein. Genau das lässt ihn hollywoodtypisch unentschlossen erscheinen, als habe man einen Genrefilm machen wollen, der aber gleichzeitig alle Zuschauer anspricht, ob sie nun eher der Action- oder der Romantik-Fraktion angehören. Der große Erfolg von “Zombieland” mag überrascht haben, dennoch weist er alle Merkmale eines kalkulierten Gewinnbringers auf: Den in den letzten Jahren so unglaublich populären Nerd als zentrale Figur; den uramerikanischen Draufgänger; den widerspenstigen sexy Sidekick, der sich natürlich in den Held verliebt; die kleine Göre (jeder mag doch Kinder …) … Nein, originell ist anders. “Shaun of the Dead” war originell. “Zombieland” ist immerhin sympathisch dank liebenswürdiger Akteure, meist gelungenem Humor und, wie erwähnt, Bill Murray, weswegen ich immer noch sieben Punkte vergeben habe. Gerade so. Mehr ist definitiv nicht drin.
Montag, 26. Juli 2010 12:43
Ich mag ihn sehr