Review: FLASHFOWARD (2009)

Die ersten Minuten der US-amerikanischen TV-Serie „FlashForward“ präsentieren Aufnahmen, die so sehr an 9/11 erinnern, dass die Parallelen leicht auszumachen sind: durch herabstürzende Flugzeuge und Hubschrauber brennende und zerfallene Hochhäuser, Autos liegen zertrümmert und seitenverkehrt wie metallische Leichen auf dem Asphalt, verletzte und ratlose Menschen vor Panik nicht mehr in der Lage zu begreifen, was da vor sich geht. So weit das Auge reicht, überall ist das Chaos ausgebrochen. Schuld ist nicht etwa ein terroristischer Anschlag, sondern ein bis dahin ungeklärter Blackout, der die Menschen auf der ganzen Welt simultan für 137 Sekunden ohnmächtig werden und sechs Monate später in die Zukunft blicken lässt.
Der Blackout verändert wie auch der Fall der Zwillingstürme am 11. September 2001 das Leben der Menschen. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Viele verspüren Angst, Ungewissheit, Trauer, Ratlosigkeit, Sorge oder Freude. Was sie in ihren Zukunftsvisionen gesehen haben, könnte schließlich Realität werden. Die, die keine Vision hatten, werden, so sagt man sich, irgendwann in den folgenden sechs Monaten sterben. Auf der ganzen Welt richtet sich die Existenz des Einzelnen nur noch auf das aus, was passieren könnte. Die Zukunft ist wichtiger geworden als das Jetzt, als die Gegenwart. Und mehr noch als die Frage, wer oder was diesen Blackout ausgelöst hat, interessiert die Menschheit, ob man die Zukunft, wo man sie ja jetzt kennt, noch ändern kann. Also ob der Wille des Menschen, sich zu entscheiden, überhaupt noch zählt.
Die Ausgangsidee von „FlashForward“ ist eine überaus großartige. Leider versäumt es die Serie schon zu Beginn, die folgenschweren und einschneidenden existenzialistischen Konsequenzen des Blackouts auch außerhalb der Vereinigten Staaten Amerikas greifbar zu machen. Nichtsdestotrotz ist dieses Konzept so innovativ wie kaum ein Zweites. Schade nur, dass die Serie zwar von der Kritik gut aufgenommen und rezensiert wurde, allerdings keine beachtlichen Einschaltquoten vorzuweisen hat. Die „ABC“ erhoffte sich einen Erfolg, wie ihn die Kultserie „Lost“ erzielte. Nach nicht einmal einem halben Jahr kündigte die amerikanische Fernsehanstalt an, „FlashForward“ nach nur 22 Episoden abzusetzen. Viel Sendezeit blieb den Autoren (u.a. David S. Goyer) und Produzenten also nicht, die Geschichte, die auf Robert J. Sawyers gleichnamigen Science-Fiction-Roman basiert, adäquat zu Ende zu erzählen.
Gerade zum leider verkorksten Finale hin merkt man der Serie an, dass mehr Spielzeit nötig gewesen wäre, die Verstrickungen, Zusammenhänge und Geheimnisse, die um den Blackout kreisen, verständlich zu machen. Am Ende nämlich sitzt der Zuschauer etwas ratlos vor einem Puzzle von Einzelteilen, die man nur zur Hälfte zusammensetzen kann, weil die andere Hälfte nicht existiert, oder sagen wir: verschlampt wurde. Man weiß im Grunde nicht einmal so viel, wie die FBI-Agents Mark Benford (Joseph Fiennes) und Dimitri Noh (John Cho), denen man während ihrer ausschweifenden Ermittlungen fast ausschließlich über die Schulter blickt. Es zieht die beiden, und andere Agents wie die Doppelagentin Janis, an die ungewöhnlichsten Orte und zu den ungewöhnlichsten Menschen. Zum einen weil dieser Fall derart große Bahnen zieht, dass die Zusammenhänge, selbst am Ende, nicht vollständig geklärt sind, zum anderen weil sie jeder Spur folgen (müssen), um das sprichwörtliche Mosaik zusammenzusetzen.
Zwischen Quantenphysiker-Kauderwelsch, Esoterik-Philosophie, Spezialagenten-Getue und Existenzdrama werden deterministische Fragenkomplexe behandelt, die sich vor allem damit beschäftigen, ob die Pfade des Lebens bereits in Stein gemeißelt wurden, oder ob man seinem eigenen Schicksal entrinnen kann. Das Universum, heißt es einmal, drängt uns in unsere Zukunft. Menschen sterben, Menschen werden geboren. Energie geht, Energie kommt. Die Pfade des Einzelnen, und das macht die Serie wie nur selten klar, sind vielfältig und verschieden. Ob der Ausgang der Geschichte allerdings deterministisch, also unumgänglich, ist, das lässt die Serie im Grunde offen. Ein eigentlich nur schwer außer Acht zu lassendes Paradoxon besitzt die Serie leider: Einige der Zukunftsvisionen treffen nur ein, weil die Menschen diese Zukunftsvisionen hatten. Das heißt im Umkehrschluss, dass, hätte es nie diese Zukunftsvisionen gegeben, die Zukunft wohl deswegen nie so wie eigentlich vorherbestimmt eingetroffen wäre, weil man nie durch seine Zukunftsvision dazu inspiriert wurde, etwas Bestimmtes zu tun respektive einem bestimmten Pfad zu folgen.
„FlashForward“ wurde und wird heute oftmals vorgeworfen, ihre Geschichte zu behäbig zu erzählen. Nach der fulminanten Exposition gehe der Serie, die Science-Fiction-, Thriller- und Drama-Elemente vereint, die Puste aus. Dabei hält die erste und wohl – trotz zahlreicher Internetaufrufe für die Wiederbelebung der Serie – letzte Staffel die Spannung mit brillanten Storywendungen und –einfällen am Leben. Dass das Ende so signifikante Erklärungen oder Erläuterungen vermissen lässt (wie beispielsweise der Zusammenhang zwischen dem verrückt-genialen Professor Dyson Frost, dem verschwörerischen Lucas Hellinger, den Quantenphysikern Lloyd Simcoe und Simon Campos und der korrupten Militär-Organisation „Jericho“), ist die Schuld des Studios, nicht seiner Macher. Es bleibt ja noch die Hoffnung, dass ABC den Bitten der Fans doch noch nachgibt und zumindest grünes Licht für eine zweite Staffel gibt.





Donnerstag, 1. Juli 2010 9:03
Ich dachte, dass noch eine zweite Staffel wäre schon komplett ausgeschlossen. Weiß auch nicht, ob ich noch einmal einschalten würde. Aber darüber müssen wir uns wahrscheinlich keine Gedanken machen…
Donnerstag, 1. Juli 2010 9:22
In der Tat eine wirklich gute Grundidee, die aber nach 6,7 Episoden schon an Boden verlor, da man sich wohl selber nicht sicher wahr in welche Richtung die Serie gehen sollte. Ein wenig Soap, Beziehungsdrama, Thriller, dessen Elemente immer weiter abnahmen. FF verkam zu einem gewöhnlichen Krimi der eher mit CSI denn mit Akte X konkurrierte. Gerade der Aspekt des allwissenden der dementsprechende Fragen aufwirft kommt leider ein wenig zu kurz. Schade.
Samstag, 3. Juli 2010 10:16
Trotz allem: Ich hab FF wirklich sehr gerne geschaut und würde mich über eine Fortsetzung freuen.
Samstag, 3. Juli 2010 17:11
Die Grundidee war super und ich extrem gespannt; leider haben mich schon die ersten beiden Folgen so gelangweilt, dass ich mich partout nicht zum Weiterschauen aufraffen konnte. Schon im Vorhinein war ja klar, dass “FF” kein adäquater Ersatz für “Lost” werden würde, aber meiner Meinung nach spielte die Serie nicht mal in einer Liste mit “4400″, die sich auch thematisch als Vergleich irgendwie besser anbietet. Viel Potential verschenkt.