Review: UP IN THE AIR (2009)

uita1.jpg

Von der Kritik mit überschwänglichen Reaktionen gefeiert avancierte Jason Reitmans Tragikomödie „Up in the Air“ zum Überraschungshit des letzten Jahres. Mit einem gut aufgelegten George Clooney in der Hauptrolle erzählt der Film die Geschichte von Ryan Bingham, einem heimatlosen Dauerfluggast, der für ein Unternehmen auf Reisen geht, das in seinem Namen Angestellte anderer Firmen feuert. Er erledigt das, wofür die feigen Bosse dieser Welt keine Eier haben. Und weil wir uns gerade, irgendwie passend, in einer Weltwirtschaftskrise befinden, floriert das Geschäft. Ryan ist 322 Tage im Jahr unterwegs, sein Zuhause sind die Flughäfen der USA, die erste Klasse jeder Boeing ist sein Wohnzimmer, sein Koffer, seine sieben Sachen sind sein Leben. Da ist kein Platz für Freunde, Familie oder Liebe. Er liebt sein ungebundenes, ja, einsames Leben, das von den immer gleichen Automatismen beherrscht wird: Koffer packen, Karte einschieben, einchecken, fliegen, landen, Angestellte feuern, oder um es so euphemistisch zu benennen wie der Film: neue Lebensmöglichkeit aufzeigen,  und vice versa. Die Routine scheint allerdings zu verfallen: Die junge, noch unerfahrene Cornell-Absolventin Natalie schlägt seinem Chef vor, die Kündigungsgespräche aus Kostengründen per Videochat durchzuführen. Das würde das Reisen obsolet machen. Und Ryans Leben auf den Kopf stellen. Dazu kommt, dass Ryan die attraktive Alex kennenlernt. Seiner Lebensphilosophie zum Trotz verliebt er sich in sie…  Und die anfangs so reizend mitschwingende Gesellschaftskritik weicht einer konservativen, immer zwischen Komik und traurigem Einzelschicksal pendelndem Gefühlsduselei, die zwar frei von Kitsch, aber nicht vom moralschwingenden Zeigefinger ist. Wie interessant hätte der Film werden können, wenn Reitman einen wahrhaftigen Blick auf das Innenleben eines so ungebundenen, gefühlsunbetonten  Minimalisten geworfen hätte anstatt eine weitere seichte Tragikomödie zu entwerfen, die nicht einmal die Chance in Betracht zieht, in der Entlassung Binghams nicht nur eine pointierte Ironie zu bedienen, sondern auch eine bewusst eingesetzte Kritik zu Ende zu schreiben.

DVD-/Blu ray-Release: 04. Juni

Autor: Anthony
Datum: Sonntag, 6. Juni 2010 14:08
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Kurzreviews

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.
Pingen ist momentan nicht möglich.

6 Kommentare

  1. 1

    Dachte ich mir, dass du die orderst :)

    Der Film ist in seiner Botschaft in der Tat vollkommen in die Hose gegangen, die Romanvorlage da weitaus gelungener, weil nicht auf die Wirtschaftskrise und Beziehungskiste fokussierend.

  2. 2

    War vom Film regelrecht enttäuscht. Die Lobhudeleien anderer Kollegen hatten meine Erwartungen wohl zu hoch gesetzt.

    Da aber Flo, wie so viele andere, die Romanvorlage anspricht: ich glaube dem Buch sollte ich vielleicht mal eine Chance geben

  3. 3

    Ich bin keineswegs enttäuscht gewesen, obwohl “Up in the Air” im unumgänglichen Vergleich mit Reitmans tatsächlichem Überraschungshit “Juno”, nach dessen Popularität ein mehr oder weniger großer Erfolg von “Up in the Air” wohl nicht mehr sonderlich überraschend kam, deutlich Federn lässt. Trotzdem, Gefühlsduselei hin oder her, für mich immer noch einer der besten Filme des letzten Jahres. Was wohl auch ein Grund wäre, sich die Vorlage mal anzuschauen.

  4. 4

    Was wohl auch ein Grund wäre, sich die Vorlage mal anzuschauen.

    Hast du sie gelesen? Scheinbar ist, laut Flo, der Roman deutlich besser als der Film. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob das dem Film nicht noch Schaden würde.

  5. 5

    Ich habe sie nicht gelesen, aber es reizt mich, das nachzuholen, auch wenn es normalerweise ja kein Vorteil ist, den Film vorher gesehen zu haben. Ich glaube, darunter würde weniger der Film als vielmehr das Buch leiden, weil ja ein bisschen die Spannung raus sein dürfte …

  6. 6

    Nee, so rum ist meist besser. Die Spannung ist auch nicht raus, weil der Film mit dem Buch ja nicht mehr viel gemein hat, außer der Prämisse des rumfliegenden Rausschmeißers. Das Ende ist ein ganz anderes und sehr unerwartet, die Botschaft der Geschichte auch sehr viel interessanter und die Dialoge/Monologe weitaus pointierter, weil nicht als Versatzstück irgendwo dazwischen gerotzt. Ich merk schon, ich reg mich bereits wieder über Reitmans Adaption auf…

Kommentar abgeben