Review: MINORITY REPORT (2002)

Washington, D.C., 2054.
Unsortierte Szenenfragmente füllen die Leinwand aus. Etwas Gefährliches bahnt sich da an. Schwer einzuordnende Bilderfetzen, so surrealistisch zusammengeworfen, dass sie einem Traum hätten entspringen können, zeigen einen Mord. Genau genommen, einen zukünftigen Mord. Diese Aufnahmen sind das Produkt einer zwiespältigen Gabe dreier Geschwister, die man die Precogs, die Präkognitiven, nennt. Liegend in einer grün-bläulichen Substanz, schwebend in einem Zustand irgendwo zwischen dem Träumen und dem Wachsein, sehen sie in die Zukunft. Sie funktionieren nur als Kollektiv, unzertrennlich wie die Dreifaltigkeit.
Dechiffriert und gedeutet werden diese „mörderischen“ Zukunftsvisionen, die ganz plötzlich mit spasmischen Körperbewegungen der Precogs einhergehen und an die Decke „des Tempels“, eines von der Außenwelt isolierten Raumes inmitten der Washingtoner Polizeistation, projiziert werden, von einer speziellen Polizeieinheit, den „Precrimes“. Sie kennen die exakte Tatzeit, die Namen von Opfer und Täter und dank der downgeloadeten Bilderfragmente den Tathergang. Es funktioniert: Seit mehr als sechs Jahren ist Washington nun mordfrei. Jetzt soll über die nationale Einführung des scheinbar perfekten Systems der präventiven Verbrechensbekämpfung abgestimmt werden.
Der vom Justizministerium beauftragte Danny Witwer (Colin Farrell) soll auf Befehl von „ganz oben“ das Precrime-System auf Fehler hin untersuchen. Wo Menschen intervenieren, müssen schließlich Fehler sein, denn Fehler machen ist menschlich. Dazu kommt, dass das zwar erfolgreiche System die Straßen von Mördern befreit, allerdings bleibt die ethisch-moralische Grundsatzfrage, ob man eine im Grunde unschuldige Person eines Verbrechens bezichtigen kann, dass sie noch nicht einmal begangen hat. Den Gefangenen wird nicht einmal der Prozess gemacht. Keine Anhörung. Nichts. Sie werden in Verwahrsam genommen und abtransportiert.
Der Besuch von außerhalb stößt beim leitenden Precrime-Polizisten John Anderton (Tom Cruise) auf wenig Gegenliebe. Der desillusionierende Anderton, der seit der Entführung seines einzigen Sohnes vor über sechs Jahren mit Depressionen und einer Drogensucht zu kämpfen hat (und der mit zunehmender Spieldauer Charakterzüge eines modernen hardboiled detective annimmt), macht eine seltsame Entdeckung, nachdem Agatha, völlig untypisch für einen Precog, Kontakt mit Anderton aufnimmt: Sie packt ihn am Arm, fast flehend fragt sie, ob „er es sehen kann“: Die Vision eines Mordes, der längst geschehen ist.
Diesem scheinbar signifikanten Verbrechen geht Anderton auf den Grund. Er stöbert, recherchiert und macht eine bemerkenswerte Entdeckung: Das Opfer in Agathas Vision ist eine Frau namens Anne Lively, deren Mörder mithilfe eines Iris-Scans nie identifiziert werden konnte. Zudem fehlt der Download von Agathas Zukunftsbildern; nur die ihrer Brüder sind archiviert. Irgendetwas stimmt da nicht. Das ist klar. Und ehe sich Anderton versieht, „senden“ die Precogs eine Vision, in der der depressive Cop zur Waffe greift und einen ihm unbekannten Mann namens Leo Crowe erschießt. Der Jäger ist nun der Gejagte. Um seine Unschuld zu beweisen, muss Anderton herausfinden, ob es für seine Vision einen Minority Report, eine alternativ eintreffende Zukunft, gibt.
Das Kino des Steven Spielberg ist ein Kino der Popcorn-Epen. Kaum ein anderer Filmemacher prägte das Blockbuster-Genre so entscheidend wie er. Ohnehin scheint sich Spielberg dort, wo er anspruchsvolle Unterhaltung wie kein Zweiter zu kommerzialisieren versteht, am wohlsten zu fühlen. Für ihn ist das Kino nämlich nicht nur ein Zufluchtsort, an dem die wundersamsten Dinge geschehen, sondern auch eine geeignete Projektionsfläche, auf der sich autobiographische Empfindungen adäquat verarbeiten lassen.
Ungewohnt gesellschaftskritisch inszenierte der eher „einfach gestrickte“ Blockbusterregisseur Spielberg einen durchaus intellektuellen Stoff, der auf der Kurzgeschichte „Minority Report“ von Science-Fiction-Genie Philip K. Dick basiert. Der Film behandelt unter anderem deterministische und fatalistische Fragenkomplexe: Können zukünftige Ereignisse nur auf eine Weise eintreffen? Ist die Zukunft durch das Schicksal oder eine übergeordnete Macht unabänderlich vorbestimmt? Oder hat der Mensch den Willen und die Fähigkeit, die Zukunft zu verändern, unter anderem weil ihm die Möglichkeit eingeräumt wird, selbst zu entscheiden?
Im Zentrum des Films steht das als perfekt deklarierte und von drei Gottesähnlichen Menschen ermöglichte System gegen Mordverbrechen. „Precrime“ heißt die polizeiliche Organisation, die Morde rechtzeitig verhindern kann, weil die Präkognitiven Agatha, Dashiell und Arthur (die Namen spielen übrigens auf die Krimi- bzw. Science-Fiction-Autoren Agatha Christie, Dashiell Hammett und Arthur C. Clarke an; das passt, weil der Plot kongenial Noir-, Thriller- und SciFi-Elemente aufgreift und miteinander vermischt) mit einer metaphysischen Gabe gesegnet, oder eher verdammt, sind, die sie in die Zukunft sehen lässt.
In der Perfektion des Systems, in all seiner Fehlerlosigkeit, muss allerdings die Unvollkommenheit liegen, weil, der Justizbeauftragte Danny Witwer alias Colin Farrell deutet es richtig, das „unfehlbare“ System von fehlbaren Menschen genutzt, gesteuert und kontrolliert wird. Die ersten Fehler und Schwächen des Systems sind ohnehin schnell ausgemacht: Das 2054er Washington ist ein fast schon totalitärer und von Kameras übersäter Polizei- und Überwachungsstaat. Mittels Iris-Scanner ist die Identität des Einzelnen schnell ausgemacht; an den ungewöhnlichsten Orten (Boutiquen, U-Bahn-Stationen) werden Bürger gescannt und von den projizierten Holographien sogar persönlich angesprochen. Das Augenmotiv scheint im dickschen Universum eine signifikante Konstante zu sein. Man denke da nur an die Science-Fiction-Dystopie „Blade Runner“.
Precrime scheint zu funktionieren. Spielberg stellt allerdings schnell die umstrit- tene Prämisse des Systems in Frage, indem er die deterministische Auffassung von Lamar Burgess und seiner Organisation denunziert: Wenn der Mensch den Willen hat, selbst zu wählen und zu entscheiden, wäre das Prinzip des Systems hinfällig. Und Spielberg lässt erst gar keinen Zweifel an der Unvollkommenheit von Precrime aufkommen: Er lässt John Anderton den Willen zu entscheiden und besiegelt damit den Untergang einer amoralischen und illegitimen Institution namens Precrime. Am Ende erkennt selbst Lamar Burgess das Dilemma seiner Schöpfung: entgegen der Kausalität der Precog-Vision bringt er nicht Anderton, sondern sich selbst um. Das System versagt ein zweites und letztes Mal.
Das von Steven Spielberg entworfene und von seinem langjährigen Kameramann Janusz Kaminski eingefangene Zukunftsszenario ist virtuos und derart stringent, als hätte Spielberg selbst hellseherische Fähigkeiten: Da fahren futuristische Automobile auf achtspurigen Schienenstraßen Wolkenkratzer horizontal entlang, als wäre es das normalste auf der Welt; von holographischen Werbetafeln wird man namentlich angesprochen und beraten. Selbst „unwichtige“ Gimmicks sind von visionärer Gestalt: Schallpistolen, deren Lauf man drehen muss, um sie zu laden oder neuartige Computerelemente, die mittels hektischer Handbewegungen ganz ohne Maus oder Tastatur bedient werden.
All das taucht Kaminski in weiß-blaue, ausgebleicht-körnige Bilder. Dieser redu- zierte Farbteppich unterstreicht geradezu die unterkühlte Atmosphäre einer des- illusionierenden Gesellschaft, die von einem Stasi-gleichen Staatsapparat und seinen hoch technologischen „Spielereien“ überwacht und kontrolliert wird. Ein bedeutungsvolles und zeitgenössisches Motiv, das mit der Science-Fiction so eng verquickt ist wie kaum ein anderes.
Trotz aller Seriosität versteht sich „Minority Report“ immer noch als Spielberg- scher Hochglanz-Blockbuster, der Spezialeffekte wie kaum ein anderer Spielberg-Film zelebriert. Dort, wo der Regisseur seinem typisch kindlich-verspielten Eigensinn freien Lauf lässt, bricht er den Ton des Films ein ums andere Mal. Zwischendurch, also fast schon obligatorisch, gewinnt der überdrehte Spielberg-Kitsch die Oberhand (exemplarisch: die Autofabrikszene). Das sei dem brillanten Altmeister allerdings verziehen, weil aus „Minority Report“ das geworden ist, was aus dem Kubrick-Stoff „A.I.“ hätte werden können: Ein intelligenter Premium-Blockbuster.















Dienstag, 1. Juni 2010 19:34
Grauenhafter Film.
Dienstag, 1. Juni 2010 19:40
AHAHAHAHAHAHA Geil, wusste das da was von dir kommt^^
Dienstag, 1. Juni 2010 20:44
Toller Film. Keine 8 Punkte (Sterne) wert, aber 7,5.
Mittwoch, 2. Juni 2010 10:13
Lange nicht gesehen, aber auf jeden Fall als sehr gut in Erinnerung. Wieso mir jetzt mit als erstes Cruise’ bleiche Hühnerbrust während seines Schwimmbad-Flashbacks einfällt weiß ich zwar nicht, aber der Film hat fraglos seine starken Momente (u.a. Peter Stormare als Organschieber).
Feine Review, by the way
Mittwoch, 2. Juni 2010 10:15
Das Augen- motiv scheint im dick´schen Universum eine signifikante Konstante zu sein. Man denke da nur an die Science-Fiction-Dystopie „Blade Runner“.
Wohl eher in den Verfilmungen dick’scher Stoffe, als in Dick’s Universum.
Mittwoch, 2. Juni 2010 12:33
Die Verfilmungen versinnbildlichen lediglich das Augenmotiv, oder nennen wir es: Sehmotiv. Vgl. “Der dunkle Schirm” (Überwachungsstaat) oder “Träumen Androide…” aka “Blade Runner” (Iris-Scan).
Dienstag, 15. Juni 2010 22:30
Mehr oder weniger überzeugt, aber dann doch irgendwie enttäuschend. 6/10-7/10.
Donnerstag, 1. Juli 2010 13:13
ENDLICH gelesen!

8 sind vollkommen angemessen!
Ich erinnere nur an den “virtual reality club”, oder die neuen “cyber drogen”
Zukunft mal schön im Detail ausgeschmückt!