Blu-ray: COLLATERAL (2004)

Fast schwerelos schwebt das Taxi durch die Schluchten einer Großstadt, durch ein von Gleichgültigkeit durchzogenes Moloch. Seine Augen strahlen innere Unruhe aus. Der gesellschaftliche Abschaum kotzt ihm ins Taxi. Jede Nacht ist eine traumähnliche Fahrt, wie die in einer Geisterbahn. Einzig die Lichter der Stadt, die grellen Neonreklamen, die Straßenlaternen, die Scheinwerfer entgegenkommender Autos erhellen die Dunkelheit, werfen Schatten und Farben auf seine Haut. Ein unheimlicher Trip ist das. Surreal und reell zugleich. Desillusioniert und hasserfüllt fährt der Fahrer, sein Name ist Travis Bickle, fast ziellos durch die Straßen von New York. Der Krieg hat sein Leben verändert. Oder anders gesagt: Der Krieg hat, so kann man es verstehen, seine Perspektiven und Ansichten verrückt. Er ist der Alptraum für jeden Fahrgast. Oder ist es anders herum? Sind die Fahrgäste der Alptraum für ihn?
Auch Max Durocher ist Taxifahrer. Seit nun mehr zwölf Jahren schon transportiert er Personen durch Amerikas wohl urbanster Metropole: Los Angeles. Taxifahren macht er nur vorübergehend, sagt er, das sei nicht sein wirklicher Job, er spare nur für einen eigenen Limousinenservice. Wie Travis Bickle fährt Max am liebsten nachts. Wenn auch aus anderen Motiven. Nachts sind die Menschen entspannter, sie zahlen mehr Trinkgeld und der Verkehr ist ruhiger. Max ist einer der netten Taxifahrer. Nicht aufdringlich, stets um eine freundliche Konversation bemüht, rücksichtsvoll und korrekt. Eben so, wie man sich den perfekten Taxifahrer vorstellt. Umgekehrt gilt dies allerdings nicht. Und, Gott bewahre, dass ihm das Schlimmste passiert, was einem Taxifahrer zustoßen kann: Ein Soziopath nimmt Platz auf der Rückbank. So etwas nennt man wohl Berufsrisiko.
Alles beginnt dort, wo Michael Manns Genre-Meisterwerk Heat endet. Am Flughafen Los Angeles sehen wir einen ergrauten Tom Cruise. Grauer Maßanzug, schwarze Sonnenbrille, kühler Gang. Jason Statham in einem Cameo-Auftritt als der “Transporter” rempelt Cruise absichtlich an. Sie lassen unauffällig ihre Aktentaschen fallen und heben jeweils die des Gegenübers auf. Sofort wird klar: Mit Vincent, so nennt sich Cruises unscheinbare Figur zumindest, stimmt etwas nicht. Der Fremde, der schnellstens wieder aus dieser von ihm verhassten Stadt abzischen möchte, steigt ausgerechnet in das Taxi von Max. Er bietet ihm siebenhundert Dollar für fünf Ziele, die Max anfahren soll. Natürlich, schließlich bangt er um seinen Job, lehnt er ab. Doch ehe er sich versieht, bleibt ihm keine andere Wahl, als Vincent quer durch das nächtliche Los Angeles zu kutschieren, stets mit dem Gewissen, dass er oder Unschuldige eine Kugel verpasst bekommen, sollte Max sich nicht an Vincents Anweisungen halten.
Als Max, noch unwissend über den weiteren Verlauf des Abends, sitzend in seinem Taxi, auf seinen unscheinbaren Fahrgast wartet, knallt ihm Vincents erstes Opfer auf´s Autodach. Spätestens jetzt wird ihm klar, dass er es mit einem professionellen Auftragskiller zu tun hat. Fünf Anfahrtsziele, das bedeutet also fünf Opfer. Ein Job. Und wie sich später herausstellen soll, stehen die menschlichen Ziele mit einem großen Gerichtsprozess in Verbindung. Max versucht, ziemlich chancenlos, die Auftragsmorde zu verhindern. Das führt nicht nur zu zivilen Kollateralschäden, sondern macht auch das FBI und das örtliche Rauschgiftdezernat aufmerksam.
Bevor Michael Mann zum virtuos inszenierten Showdown in einem mit lauter Musik beschallten und von euphorischen Menschen betanzten Club kommt, wo Vincent sein viertes und damit vorletztes Ziel exekutieren möchte, herrscht für wenige Sekunden Stille. Von den Cops durch die leeren Straßen von Los Angeles verfolgt, und auf dem Weg zu Opfer Nummer vier, richten sich die Blicke von Max und Vincent für wenige Augenblicke auf die ihnen gegenüberliegende Straße. Vor ihnen überqueren Coyoten langsamen Schrittes die Fahrbahn. Auch sie streifen durch die Stadt der Engel. Wie Max und Vincent. Wie Träumer und Killer.
Diese nächtliche Großstadtodyssee, diese “Reise” zweier Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nimmt ein unglückliches Ende, weil Mann kurz vor dem hitchcockschen Finale genau das macht, was er den Rest des Films vermieden hat: Er konstruiert. Collateral lebt neben dem großartigen Schauspiel von Jamie Foxx und Tom Cruise, hier in einer seiner besten Rollen, nämlich von Zufällen und Schicksalen. Unberechenbar erzählt er seine Geschichte.
Doch plötzlich macht sich Unmut breit, weil die improvisiert wirkende und deshalb fesselnd erzählte Geschichte auf einmal konventionelle Züge annimmt. Man wird aus dem Film gerissen, weil ein aufgrund schlechten Empfangs nicht funktionieren wollendes Handy über Leben und Tod entscheidet, weil Max plötzlich doch Empfang bekommt und dann auch noch der Akku leer geht. Als ob sich der Vorhang öffnet und die Drehbuchautoren hervorkommen, um sich zu verbeugen. Nach dem rasanten Showdown wirkt alles nur noch wie aus einer Feder. Ein Gefühl entwickelt sich, das so gar nicht in diesen Film passen will. Das schadet Collateral vielleicht nicht arg, weil der Film weit über die zweite Hälfte hinaus überzeugt. Schade ist das trotzdem.















Freitag, 17. Juli 2009 0:22
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Freitag, 17. Juli 2009 12:07
Ich sehe das mit dem Ende nicht ganz so kritisch wie du muss ich sagen. Egal: Ich finde was Mann in “Collateral” ganz besonders gut hinbekommen hat ist die Exposition. In diesen ersten 10 oder 15 Minuten in der Max (und seine zukünftige Flamme) eingeführt werden, funktionieren als identifikationsbildender Moment perfekt – Wovon der Film dann auch bis zum Ende zehrt…
Freitag, 17. Juli 2009 13:37
Ja, ein zweischneidiger Film. O.K., die Probleme, die ich mit Jamie Foxx habe, sind geschmacklicher Natur. Der Film bietet so viele fantastische Szenen. Die Exposition, wie C.H. richtigerweise anmerkt, die Szene im Jazzlokal, dem Club. Und ja, mich hat auch das konventionelle Ende ein ein wenig gestört. Das war irgendwie zu selbstverliebt.
Freitag, 17. Juli 2009 14:58
Ja, sehe ich ziemlich ähnlich. Einen 2004er Film unter Retro einzuordnen dagegen eher nicht…
Freitag, 17. Juli 2009 16:11
@C.H.
Ja, die Exposition gefällt mir auch sehr und ist auch starl inszeniert. Allerdings verkauft Mann diese großartige Einführung mit dem konstruierten Ende, indem er Jada Smith zum fünften Opfer macht bzw. indem er das Finale mit künstlicher Suspense aufzubauen versucht.
@tumulder
Stimmt, COLLATERAL hat echt ein paar starke Momente.
@bullion
Wäre es Manns letzter Film, dann hieße die Rubrik auch nicht Retro. Da er mit MIAMI VICE und PUBLIC ENEMIES zwei Filme nachgeschoben hat und man so COLLATERAL in seinem Gesamtwerk mit der Betrachtung auf alte und neue Filme beurteilen könnte, finde ich den Rubrikenname recht passend.
Sonntag, 19. Juli 2009 15:15
Der Soundtrack ist großes Tennis. Vor allem “Requiem”, “Vincent Hops Train”, “Ready Steady Go” und “Shadow of the Sun” zu der “Coyoten-Szene”. War damals eine meiner ersten O.S.T.´s.
Sonntag, 26. Juli 2009 9:39
Sehr, sehr gutes Review. Schreibst du noch eins zu Heat?, und hast du dir vielleicht schon mal zu Collateral in der Filmzentrale die kluge Kritik von Andreas Busche druchgelesen? Wenn nicht, kann ich sie dir nur dringend ans Herz legen!
Montag, 27. Juli 2009 19:40
Danke, Henning.
Nein, die kenne ich nicht. Wenn ich mal drüber stolpern sollte, werde ich sie mir durchlesen.
Zu HEAT: Ist wahrscheinlich, dass da noch was kommt.
Sonntag, 23. Mai 2010 18:38
Wieso hast denn die COLLATERAL-Besprechung jetzt zehn Monate nach vorne geschoben?