Review: CAPITALISM…

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… A Love Story (2009)

Das war ja zu erwarten. Der Politkritiker und Filmemacher Michael Moore drehte, anlässlich der Weltwirtschaftskrise, eine Dokumentation über den Kapitalismus, oder besser: über das „amerikanische“ Verständnis davon. Wieder deckt er auf, enthüllt er, befragt hochrangige Ex-Politiker und -lobbyisten, albert herum und polemisiert bis zur Grenze der Komik. Sein aktuelles Werk könnte subjektiver kaum sein. Und dennoch: „Capitalism: A Love Story“ ist eine wichtige Dokumentation über die Gier nach Geld, verschobene Moralwerte und ein kaputtes Wirtschaftssystem, deren überspitzte und fast schon parodistische Darstellung von sachlichen Themenkomplexen aufklärerische Züge annimmt.

Schon die ersten Bilder sind amüsant genug. Es ist eine passende wie komische Gegenüberstellung: Ausschnitte aus einem älteren Film über das dekadente Spät-Rom wechseln mit Aufnahmen der heutigen US-Gesellschaft. Der zynische Voice-over von Michael Moore kommentiert bissig und zeigt, polemisch wie eh und je, die teils erschreckenden politischen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten zweier höchst unterschiedlicher Zeitalter auf. Worauf der Zyniker hinaus will, ist klar: Korruption, Dekadenz, verrückte Ideal- und Moralvorstellungen, all das führte das römische Reich in den Untergang… die USA scheint nicht weit davon entfernt zu sein.

Die Schuldigen der Weltwirtschafts- und USA-Krise sind auch schnell ausgemacht, nachdem Moore Aufnahmen von Überwachungskameras „abfeuert“: Bilder von Dieben und Räubern, die Tankstellen und Banken überfallen. Hier. Und dort. Und überall. Und wieder ist klar, worauf das hinauslaufen soll: Passt auf, jetzt kommen die Verbrecher, die euch das alles eingebrockt haben, will Moore uns sagen. Natürlich ist das prätentiös. Und doch ehrlich gemeint. Im Grunde nämlich hat Moore nicht Unrecht, wenn er die Geldgeilen, die Unmoralischen und die Korrupten denunziert.

Um seiner Kritik Ausdruck und, vor allem, Nachdruck zu verleihen, übertreibt er, immer, und wo es nur geht. Aber vielleicht funktioniert Aufklärung so? Oder sagen wir, so funktioniert sie besser. Moores Intentionen mögen die richtigen sein. Er möchte aufklären, aufzeigen, was an diesem komplizierten Wirtschafts- und Finanzsystem, das zu eng mit der Politik verquickt ist, nicht funktioniert (apropos kompliziert: Moore fordert bewusst zwei Wall Street-Experten auf, ihm doch bitte zu erklären, was „Derivate“ sind; das Ergebnis: stotterndes Kauderwelsch). Kapitalismus ist böse, will uns der Film eintrichtern. Oder zumindest, dass das Verständnis und die Umsetzung von freier Marktwirtschaft nicht mehr mit der eigentlichen Definition dieser Begrifflichkeit übereinstimmt.

Natürlich darf man nicht alles schlucken, was Moore einem auftischt. Er mag die richtigen Fragen stellen, gibt aber nicht immer die passenden Antworten, weil er keine oder kaum nützliche Alternativen anbietet. Das ist nicht weiter schlimm. Erst einmal müssen nämlich die Defizite und Probleme ausgemacht und erkannt werden, ehe man eine geeignete Lösung nachreicht. Moore aber ist keiner, der löst, er ist in erster Linie Populist, der aufmerksam macht. Moore nimmt uns an die Hand und führt uns die Abgründe der Politik und des Finanz- und Wirtschaftswesens vor Augen.

Moore hat längst begriffen, dass es mehr braucht als Sachlichkeit, als Subtilität, um Menschen zu erreichen. Die Bilder die er zeigt, und die Geschehnisse, die sie dokumentieren, erschrecken. Bestochene Staatsdiener, geheime Absprachen, dreiste Denkweisen. Und auch die Beispiele, Zahlen und Fakten, die Moore anführt, haben es in sich: steigende Arbeitslosenzahlen, unzählige Zwangsräumungen und enorme Schuldenberge, und dazwischen Einzelschicksale, Familien, die von seelen- und herzlosen Konzernen, Banken und politischen Institutionen übers Ohr gehauen werden. Auf die Tränendrüse wird also auch gedrückt.

Lustig wird es dann, wenn Moore, „bewaffnet“ mit einem Geldsack, auf dem ein Dollar-Zeichen prangt, vor die großen Investmentbanken tritt und die Rückzahlung des Konjunkturpakets fordert. Schließlich sollte man das Geld den Bürgern zukommen lassen, anstatt den ohnehin schon überbezahlten Bankmanagern, die große Schuld haben an der Misere ihrer Nation, impertinente Boni auszuzahlen. Natürlich wird der vollschlanke Provokateur an den Drehtüren der Banken in seine Schranken gewiesen. Man will nicht mit Moore reden, man will sich nicht rechtfertigen, man will sich nichts eingestehen in den oberen Etagen. Natürlich nicht.

Der Kuchen wird nicht gerecht aufgeteilt, heißt es an einer Stelle. Etwas stimme nicht in diesem Land. Der „American Dream“, unlängst ein Albtraum. Das spüren auch die Bürger, die Armen, die Mittelschichtler, die sich erheben, an die Wall Street gehen, sich dort versammeln und für das Gemeinwohl und Gerechtigkeit protestieren. Nicht die Reichen „kämpfen“, weil die Politik der USA eine Politik der Wohlhabenden ist. Und das nicht erst seit George W. Bush. Moores Meinung zu Bush und seiner Regierung ist ja ohnehin unlängst bekannt. Nur logisch, dass „Capitalism: A Love Story“ mit dem Amtsantritt Barack Obamas, dem Hoffnungsträger der Nation, als Präsident der Vereinigten Staaten endet.

★★★★★★★☆☆☆

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Autor: Anthony
Datum: Freitag, 9. April 2010 11:28
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4 Kommentare

  1. 1

    Mag er auch ein noch so populistischer Tatsachenverdreher und -zurechtbieger sein: ich mag den Moore und im Zweifel steht er eben doch auf der besseren oder der guten Seite. Capitalism: A Love Story hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, drum dank an diese Review, dass sie mich an den Film erinnert ;)

  2. 2

    Bei Moore ist immer Vorsicht geboten. Aber ich sehe das ähnlich, und mag ihn letzten Endes auch.

    Und bitte :)

  3. 3

    Mittlerweile sollte wohl jeder begriffen haben, dass Moore kein nüchterner Tatsachenfilmer ist. Solange ich aber einer Meinung mit ihm bin, was fast immer der Fall ist, stört mich das herzlich wenig, und seine Filme sind in erster Linie in ihrer geradlinigen Bissigkeit einfach einzigartig. Diesen habe ich noch nicht gesehen, weil die Kritiken zu Kinostart ja eher durchwachsen waren. Nachholen werde ich das aber garantiert noch.

  4. 4

    Das Hauptproblem ist ja, dass Moore der “guten” Sache mit seinen Filmen ein Bein stellt, weil er sich stets ins Abseits der Glaubwürdigkeit stellt und seine Filme allenfalls von seiner liberalen crowd ersehnt werden. Überzeugungsarbeit sieht anders aus. Andererseits muss ich sagen, dass die Liebesgeschichte zumindest erträglicher ist als Sicko.

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