Retro: FRANKENWEENIE (1984)

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Zwischen Tim Burton und der Disney wollte der Funke einfach nicht überspringen. Die Zusammenarbeit zwischen dem künstlerisch hochbegabten Jüngling und dem weltweit größten Zeichentrickproduzenten erwies sich in gleich mehrfacher Hinsicht als kompliziert, weil der düster-schräge Stil Tim Burtons so gar nicht mit den verkitschten, liebenswerten und farbenfrohen Entwürfen der Disney-Zeichner harmonisieren wollte. Dem Eigensinn Burtons stand dennoch sein großes Talent und sein künstlerisches Verständnis gegenüber, weswegen man der Umsetzung eines expressionistischen, an die trashigen Universal-Horror- und Monsterfilme der 1950er Jahre angelehnten, sechsminütigen Stop-Motion-Films zustimmte.

Vincent“, der zuvorderst als ehrwürdige Hommage an die Trashikone Vincent Price zu verstehen ist, entsprach in keinster Weise den Erwartungen der Disney-Verantwortlichen. Ohnehin gilt Burtons Erstlingswerk als kompletter Gegenentwurf zu einem klassischen Disneyfilm. Gefeuert wurde der Kalifornier dennoch nicht. Im Gegenteil. „Vincent“ wurde ein Achtungserfolg, der Burton zwar keine Zukunft bei Disney garantierte, ihm jedoch eine Tür öffnete: Man stimmte seiner Idee eines knapp dreißigminütigen Kurzfilms zu, der gekonnt Mary Shelleys Frankenstein-Stoff aufgreift und Burtons unverkennbare Handschrift trägt.

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Die Kamera ist statisch. Das Bild zeigt eine nicht allzu große Leinwand, die den im heimischen Garten mit Strümpfen und einem Zelt gedrehten Super-8-Film – „Monsters from Long Ago“, ein von Kinderhand inszeniertes Werk über Urzeitmonster – des kleinen Victor Frankenstein zeigt. Familie und Freunde schauen begeistert zu, wie Sparky, der Hund der Franksteins und Hauptdarsteller im Kurzfilm seines „Herrchens“, kostümiert im unfreiwillig komischen Monstergewand das Geschehen auf der Leinwand bestimmt. Unterbrochen wird diese schier perfekte Vorstadtidylle kurze Zeit später von einem tragischen Unfall: Beim Ballspielen mit Victor läuft Sparky vor ein Auto und stirbt. Die Frankensteins setzen den Leichnam ihres Köters auf dem hiesigen Tierfriedhof, der glatt einem deutschen expressionistischen Stummfilm entsprungen sein könnte, bei.

Von dem Verlust seines besten Freundes gezeichnet vermögen nicht einmal seine Eltern den trauernden Jüngling aufzuheitern. Ausgerechnet in der Schule schöpft Victor neuen Lebensmut, nachdem sein Physiklehrer einen toten Froschleichnam mit Elektrizitätsstößen zum Leben erweckt. Kurzerhand greift er zum wissenschaftlichen Standardwerk „Electricity and the Creation of New Life“, gräbt den Leichnam seines verstorbenen Hundes aus, streift sich einen weißen Professorenkittel um und versucht Sparky mithilfe einer eigens zusammengeschusterten Maschine wieder Leben einzuhauchen. Und tatsächlich: Victor gelingt es, die elektrische Kraft der vorherrschenden Blitzeinschläge in den regungslosen Körper seines Hundes zu leiten, und ihn damit von den Toten auferstehen zu lassen.

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In gewisser Hinsicht näherte sich Tim Burton mit seinem zweiten unter dem Disney-Label inszenierten Kurzfilm dem familienfreundlichen Ton des erz-amerikanischen Traditionsunternehmens an. Im Gegensatz zum deutlich komisch-unheimlicheren „Vincent“ wirkt sein Nachfolgewerk erheblich kompromissbereiter. Dennoch ist „Frankenweenie“ weit davon entfernt, ein konventioneller Disney-Film zu sein. Für einen solchen nämlich ist Burtons Schwarzweiß-Film schon einmal zu farblos. Mit dem obligatorischen Disney-Kitsch kann einer wie Burton ohnehin wenig anfangen (was sich Jahrzehnte später mit seiner eher harmlosen „Alice in Wonderland“-Interpretation bestätigen sollte). Wie zu erwarten landete Burtons großartiger Kurzfilm in den Archiven des Studios. Und wurde erst dann wieder ausgekramt, abgestaubt und tatsächlich veröffentlicht, als der Regisseur mit der erfolgreichen Comicadaption „Batman“ in die A-Liga Hollywoods aufstieg.

Im Grunde kann man „Frankenweenie“ als Sequel zu Burtons Erstlingswerk „Vincent“ verstehen. Die visuellen und inhaltlichen Parallelen sind offensichtlich. Vincent, der kindliche Protagonist aus dem gleichnamigen Kurzfilm, und Victor leben in einer friedlichen, einer heilen Welt, einem Suburb, beide hegen sie eine seltsame Affinität für Monster und Kreaturen und in beiden spiegelt sich, mehr oder wenige, Tim Burton selbst wider. Der vielleicht größte Unterschied zwischen den beiden Jungen ist deren persönlicher Umgang mit dem Ungeheuerlichen.

Vincent flüchtet in eine surrealistische Welt, eine Traumwelt voller gruseliger Din- ge und Wesen, und geht an seiner Wahnvorstellung letzten Endes zu Grunde. Die Imagination Vincents wird für Victor hingegen (filmische) Realität. Das, was sich sein Stop-Motion-Pendant nur einbildet, ist für ihn Wirklichkeit. In Vincents Wahn beispielsweise schlüpft er in die Rolle eines irren Professors, der Experimente an seinem Hund Abercrombie vollführt, um diesen in einen Zombie zu verwandeln. Victor hingegen operiert tatsächlich am Leichnam seines geliebten Hundes Sparky herum, um diesen wieder zum Leben zu erwecken. Er erschafft, rein äußerlich, ein Monster (Sparky ist nach dem Eingriff mit Narben übersät). Thematisch sind sich die Filme sehr ähnlich.

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Für einen Disney-Film ist „Frankenweenie“ schon deshalb untypisch, weil er, ohnehin ungewöhnlich für einen „Kinderfilm“, gesellschaftskritische Themenkomplexe behandelt. Wie auch in Mary Shelleys Frankenstein-Stoff, von dem sich Burton hat inspirieren lassen, geht es in „Frankenweenie“ um den Einbruch des Andersartigen, des Entfremdeten in eine scheinheilige Welt und oberflächliche Gesellschaft. Das Monster, Sparky der Hund, wird allerdings nicht als unheimliche Kreatur dargestellt, sondern als Sympathiecharakter. Die Suburb-Gesellschaft hingegen, die Jagd macht auf den liebenswerten Köter, ehe sie den „guten Geist“ des Hundes erkennt, wird als Monster entlarvt.

Burton wird diese aufklärerische Sichtweise in seinem romantischen Suburb-Märchen „Edward Scissorhands“ abermals aufgreifen. Ein weiterer Themenkomplex, der in „Frankenweenie“ allerdings nur angeschnitten wird, ist folgender: der Mensch, hier: Victor (in „Edward Scissorhands“ der Erfinder) spielt Gott, indem er die Grenzen der Natur, den Tod, zu überwinden versucht. Für einen Disney-Kinderfilm, der zur Mittagsstunde im Fernsehen ausgestrahlt werden sollte, vielleicht doch zu tiefsinnig. Wobei Burtons „Frankenweenie“ auch auf der Unterhaltungsebene prächtig funktioniert. Die Disney-Verantwortlichen sahen das anders. Und Burton wurde gefeuert. Andere, zum Beispiel die hohen Tiere von der Warner, erkannten die Brillanz dieses kleinen Filmchens und das virtuose Handwerk seines Machers. „Frankenweenie“, für Burton also doch ein Wegbereiter. Der Rest ist Geschichte.

★★★★★★★★☆☆

Ironischerweise planen Disney und Tim Burton ein “Frankenweenie”-Remake, das 2011 erscheinen soll.

Autor: Anthony
Datum: Dienstag, 16. März 2010 21:44
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5 Kommentare

  1. 1

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  2. 2

    Den würd ich jetzt wiederum niedriger bewerten.

  3. 3

    Ich mag sie beide aus ähnlichen und anderen Gründen gleich.

    Was gefiel dir denn nicht an ihm bzw. weniger?

  4. 4

    Der 2. und 3. Akt sind mir zu langatmig, man hätte das alles auch gut in der Hälfte der Zeit erzählen können, da gerade das Finale ja nur ein mit einem Hund nachgespielte Version von FRANKENSTEIN ist. Bloß mit Happy End. Da fand ich VINCENT sehr viel stärker/gelungener.

  5. 5

    Unser Drehbuchfetischist, wenigstens auf dich ist noch Verlass ;)

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