Retro: VINCENT (1982)

Vieles, was Tim Burton in seinen 1982 erschienenen Kurzfilm „Vincent“ packte, wird sich in seinen nachfolgenden Werken wiederholen und selbstreferenzieren. Der gebürtige Kalifornier nämlich gibt mit seinem fast sechsminütigen Puppenfilm - ein gelungener Mix aus Stop-Motion und Zeichentrick – einen Vorgeschmack auf den außergewöhnlichen Stil und die fantastisch-schräge Bilderwelt eines seltsam-eigenwilligen Künstlers.
Nachdem Burton sein dreijähriges Studium am renommierten California Institute of the Arts beendete, begann er 1979 bei Disney eine Festanstellung als Konzept- designer und Assistenzzeichner. Er entwarf Skizzen für verschiedene Disney-Filme, die es allerdings nie in einen fertigen Film schaffen sollten. Sein Stil, so hieß es, sei nicht konform mit dem des Studios. Talent hingegen hatte er, keine Frage, weswegen man sich von dem sonderlichen Jüngling nicht trennen wollte.
Im stillen Kämmerlein, oder im engen Büro des Studios, entwarf Burton die Idee zu seinem Kurzfilm „Vincent“. Die Disney-Verantwortlichen stimmten einer Um- setzung des für die eher konservativen Ansichten des Studios ungewöhnlichen Projektes zu und stellten Burton ein Budget von rund 60.000 Dollar zur Verfü- gung.
„Vincent Malloy is seven years old. He’s always polite and does what he’s told. For a boy his age he’s considerate and nice. But he wants to be just like Vincent Price. He doesn’t mind living with his sister, dog and cat. Though he’d rather share a home with spiders and bats.“
Der kindliche Vincent flüchtet nicht selten vor dem bürgerlichen und langweiligen Vorstadtleben in eine imaginierte Scheinwelt voller Monster und Kreaturen. Er springt zwischen Wirklichkeit und Tagestraumhalluzination, zwischen Vincent, dem kleinen Jungen, und Vincent Price, dem verrückten Professor mit strubbligen Haa- ren, hin und her.
„There he could reflect on the horrors he’s invented. And wander dark hallways alone and tormented. Vincent is nice when his aunt comes to see him. But ima- gines dipping her in wax for his wax museum. He likes to experiment on his dog Abercrombie. In the hopes of creating a horrible zombie.“
Vincent verliert sich ganz in seiner Vorstellung mit Monstern zu operieren, das neblige London zu durchstreifen, um Jagd nach Opfern für seine Experimente zu machen. Selbst das Blumenbeet der Mutter wird zum unheimlichen Friedhof um- gedacht. Auch in die Kunst flüchtet er sich: Er malt und liest, natürlich, überaus fesselnde Kriminalgeschichten von Edgar Allan Poe.
„Unaware that her grave was his mother’s flower bed. His mother sent Vincent off to his room. He knew he’d been banished to the tower of doom. Where he was sentenced to spend the rest of his life. Alone with a portrait of his beautiful wife. While alone and insane, encased in his tomb. Vincent’s mother suddenly burst into the room. “If you want to you can go outside and play.“
Der Moralpredigt seiner Mutter allerdings entgegnet Vincent mit Schweigen. Er zieht sich, wie zu erwarten, in sein Zimmer und damit in seine düstere Traumwelt zurück. Diese aber wird ihm zum Verhängnis: „Every horror in his life that had crept through his dreams. Swept his mad laugh to terrified screams. To escape the madness, he reached for the door. But fell limp and lifeless down on the floor […] And my soul from out that shadow that lies floating on the floor. Shall be lifted - Nevermore!“
Für Tim Burton funktioniert das Kino, unter anderem, als Projektionsfläche für äs- thetische Erinnerungen aus der Literatur, dem Fernsehen und Filmen. Das, was ihn als Kind und Jugendlicher faszinierte, und wohl noch heute fasziniert, refe- renziert und zitiert er zur Genüge in seinen Werken.
Unschwer zu erkennen also, dass Burton den Universal-Horror und die Monster- und B-Movies der 1940er und 1950er Jahre liebte, und die Trashikone Vincent Price (der übrigens den Erzähler gibt) sowie den Stop-Motion-Pionier Ray Harry- hausen verehrt(e). Literarisch zeigt sich Burton zudem von Mary Shelleys Fran- kenstein-Stoff und Edgar Allan Poes kriminalistischen Romanen geprägt und be- geistert.
„Vincent“ versteht sich demnach in erster Linie als ehrwürdige und veritable Hom- mage an Vincent Price und dessen trashiges Camp-Kino (allen voran die Roger-Corman-Produktionen). Trotz zahlreicher Reminiszenzen, Querverweise und Zitate bleibt Burtons Erstlingswerk allerdings selbstständig, weil der von ihm ästheti- sierte Stil einen eigenen Charakter entwickelt.
Das Burtoneske vermischt expressionistische Formen und Muster (vgl. „Das Cabi- net des Dr. Caligari“) mit einer seltsam-schrägen, bizarr-morbiden und formalis- tischen Bilderwelt, die sich wie ein roter Faden durch das avantgardistische Ge- samtwerk dieses außergewöhnlichen Filmemachers zieht.
Gleiches gilt für die immer wiederkehrenden Motive (das Frankenstein-Motiv bei- spielsweise findet ebenso Eingang in Burtons nächstem Kurzfilm „Frankenweenie“ sowie in der Suburb-Parabel „Edward Scissorhands“) und Themenkomplexe der Burton-Filme, die, teilweise, auch in „Vincent“ behandelt werden: das komplexe Verhältnis zweier Welten, der Tod und das Leben danach, und die oftmals schwierige Beziehung zwischen Vater und Sohn (in „Vincent“ findet sich keine Vaterfigur).
In Vincent, dem Jungen, dem Außenseiter (ein oft anzutreffender Typus in dem Filmen von Burton) spiegelt sich, wie unschwer zu erkennen, der Filmemacher selbst wider. Nicht nur äußerlich sind die Gemeinsamkeiten verblüffend. Mit seinem poetischen Kurzfilm verarbeitet Burton neben cineastischen ebenso biografische Erinnerungen und Empfindungen.
Wie auch Vincent fühlte sich Burton gefangen im scheinheiligen Suburb (vgl. In- terview zwischen Burton und Breskin). Seine Zuflucht: Die Kunst, die Literatur, das Fernsehen, das Kino. Eskapismus in seiner reinsten Form. Und mehr noch ver- bindet die beiden zudem die ungewöhnliche Neigung zum Makaberen und Gru- seligen, zu Kreaturen und Monstern. Was die beiden aber zweifelsohne unter- scheidet, ist die Tatsache, dass Burton nicht von seinem geistigen Produkt heimgesucht und in den Wahn getrieben wird. Was wäre das sonst für ein künst- lerischer Verlust.















Freitag, 12. März 2010 13:29
Netter Text, wobei ich selbst dem Film wohl noch einen Punkt mehr geben würde.
Freitag, 12. März 2010 14:33
Ja, ein herrlicher Kurzfilm! Würde von mir wohl auch noch einen Punkt mehr bekommen - welch seltene Einigkeit zwischen uns…
Freitag, 12. März 2010 16:00
Ich tat mir ohnehin schwer mit der Bewertung.
Für einen Kurzfilm würde er sogar fast die Vollzahl bekommen. Wenn ich ihn in Burtons Gesamtwerk einordne, dann denke ich, gehen die 8 Punkte in Ordnung. Und auch sonst: 1 Punkt hin oder her. Das Geschriebene zählt
Freitag, 12. März 2010 16:24
Ich seh da keinen Zusammenhang. Muss ich aber zum Glück auch nicht.
Freitag, 12. März 2010 19:20
Ich merk´s.^^
Mittwoch, 2. Juni 2010 15:57
[…] „Vincent“, der zuvorderst als ehrwürdige Hommage an die Trashikone Vincent Price zu verstehen ist, entsprach in keinster Weise den Erwartungen der Disney-Verantwortlichen. Ohnehin gilt Burtons Erstlingswerk als kompletter Gegenent- wurf zu einem klassischen Disneyfilm. Gefeuert wurde der Kalifornier dennoch nicht. Im Gegenteil. „Vincent“ wurde ein Achtungserfolg, der Burton zwar keine Zukunft bei Disney garantierte, ihm jedoch eine Tür öffnete: Man stimmte seiner Idee eines knapp dreißigminütigen Kurzfilms zu, der gekonnt Mary Shelleys Fran- kenstein-Stoff aufgreift und Burtons unverkennbare Handschrift trägt. […]