Kino: ALICE IN WONDERLAND (2010)

Das Kino des Tim Burton ist ein Kino des Fantastischen, des Sonderbaren, des Schrägen, ein Kino, das sich vor allem für die Abtrünnigen, die Außenseiter und die Andersartigen interessiert. Die märchenhaften Geschichten, die es erzählt, erzählen immer auch etwas über Burton und das Kino selbst, über die cineastischen und popkulturellen Vorlieben und Erinnerungen eines „seltsamen Jungen“, eines Weirdo, eines Sonderlings, aus dem längst ein gestandener und verheirateter Mann geworden ist.
Diese charakteristische Metamorphose, vom zurückgezogenen Suburb-Adoleszenten hin zum scheinbar angekommenen A-Regisseur Hollywoods, spiegelt sich in seinen neueren Werken wider. Wo Burton einst das Andersartige, oder anders: das Menschliche in einer abartigen, einer seltsamen Welt (vgl. „Edward Scissorhands“ oder „Batman Returns“), erklärt, zeigt er sich heute eher von kindlicher Faszination begeistert (sein düster-schauriges Grusical „Sweeney Todd“ bildet hier lediglich die Ausnahme).
Wenn Tim Burton also den populären Kinderbuchklassiker „Alice in Wonderland“ verfilmt, dann passt das schon. Zumindest im Hinblick dieser filmographischen Entwicklung. Ohnehin scheint es nur plausibel, dass ein Regisseur wie Burton eine Geschichte wie die von Schriftsteller Lewis Carroll verfilmt, die voll ist von sonderbaren Figuren und märchenhaften Fantasiebildern. Zudem behandelt die literarische Vorlage ein wiederkehrendes Themenkomplex Burtons: die Beziehung zweier grundverschiedener Welten.
Auf einer aristokratischen Gartenfeier hält der spießige Lordnachkomme Hamish vor den Augen aller Gäste um die Hand der aufgeweckten Alice an. Die allerdings scheint sich furchtbar unwohl zu fühlen. Anstatt den Heiratsantrag zu kommentieren, verlässt sie die Verlobungsfeier und folgt einem weißen Dandy-Kaninchen mit Taschenuhr. Sie gelangt zum Erdloch eines Kaninchenbaus, in das sie, plumps, hineinfällt. Sie findet sich an einem seltsam-märchenhaften Ort wieder, der ihr unheimlich vertraut vorkommt. Es scheint so, als erwarte man sie bereits.
„Alice in Wonderland“ ist das realverfilmte Komplementärstück zu Tim Burtons Stop-Motion-Film „Corpse Bride“. In beiden Filmen sollen unentschlossene, noch an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehende Spät-Jugendliche zu einer Hochzeit in eine viktorianische Adelsfamilie getrieben werden. In beiden Filmen geht es dabei um das Treffen der richtigen Entscheidung, um das Konstatieren und Manifestieren der eigenen Identität und um die individuelle Emanzipation aus einer verpflichtenden Gesellschaftsideologie.
Tim Burton und Disney, das ist schon eine Geschichte für sich. Burton nämlich, der „Alice in Wonderland“ unter den Fittichen des Zeichentrickriesen umsetzte, begann seine Karriere vor rund dreißig Jahren als Assistenzzeichner und Kon- zeptdesigner bei Disney. Umso schwieriger dürfte es für Burton gewesen sein, sich vom verkitschten Zeichentrickklassiker (1951) seines neuen Arbeitgebers loszulösen. Gelingen mag ihm das nicht immer.
Burton scherte sich nie wirklich um Konventionen. Er hielt sich so gut wie nie mit konventionellen Erzählmustern oder klassischen Erzählstrukturen auf, er vertraute hingegen seiner Intuition, seinem eigenen Gespür fürs Filmemachen. Nur unter den Zwängen der Warner, zum Ende der 1980er Jahre hin, inszenierte Burton gegen sich selbst. Die Comicverfilmung „Batman“ ist somit nicht ein Burton-Film, es ist lediglich eine kokette Studioproduktion mit der unverkennbaren Handschrift des Filmemachers.
Im Grunde trifft das auch auf das Märchenabenteuer „Alice in Wonderland“ zu. Burton mag der literarischen Vorlage Carrolls trotz überschaubarer Verände- rungen näher sein als es der gezeichnete Disney-Klassiker von 1951 ist. „Alice in Wonderland“ ist nichtsdestotrotz eher ein Disney- als ein Tim Burton-Film. Zu oft unterliegt der Regisseur den traditionellen Formen und der kinderfreundlichen Narration des Trickfilmstudios. Die Geschichte verläuft so konventionell wie nur erdenklich. Ohne Umwege führt sie dahin, wo ein Disneyfilm nur hinführen kann: zu einem Happy Ending.
Der Einfluss Tim Burtons spiegelt sich, vor allem und fast ausschließlich, visuell wider. Das surrealistische Unter- oder Wunderland, ein verspielter, farbenfroher Gegenentwurf zum viktorianischen Sittengemälde, verweist geradezu auf das signifikante Burtoneske: aus Hecken geschnittene Fabelwesen und Tiere (Edward mit den Scherenhänden), expressionistische Formen und Muster („Batman“), die zum Markenzeichen gewordene Burton-Spirale und mehr.
Das alles würde aus „Alice in Wonderland“ nicht annähernd so etwas wie einen Burton-Film machen, hätte Burtons Hofkomponist Danny Elfman die entworfenen Bilder seines langjährigen Freundes nicht mit kongenialen Klängen unterlegt. Erst dieser Soundtrack beschwört ein wenig den Zauber eines Burton-Films. Das ist, man mag es gar nicht aussprechen, ein wenig ernüchternd. Nicht wahr?















Samstag, 6. März 2010 18:15
Und wieder eine Besprechung die nicht so positiv ausfällt.
Die Geschichte verläuft so konventionell wie nur er- denklich. Ohne Umwege führt sie dahin, wo ein Disneyfilm nur hinführen kann: zu einem Happy Ending.
Na gut, aber was hättest Du dir erwartet außer einem Friede-Freude-Eierkuchen Ende? Dazwischen hätte Burton aber natürlich sein Talent nutzen können, muss den Film aber erst noch selbst sichten um hier vollends mitreden zu können.
…Hofkomponist Danny Elfman die entworfenen Bilder seines langjährigen Freundes nicht mit kongenialen Klängen unterlegt
Das kann ich hingegen bezeugen, denn der Soundtrack ist wirklich vorzüglich, hab ihn mir heute morgen erst angehört.
Samstag, 6. März 2010 20:55
Ein Burton-Ende
In einem Interview meinte Burton übrigens, er wollte, dass Alice nicht von einer schrägen Figur zur nächsten springt, sondern der Geschichte eine Form und Tiefgang geben. Das habe ich eigentlich so nicht gesehen. Leider.
Sonntag, 7. März 2010 17:01
Freut mich, dass der Film trotzdem noch verhältnismäßig gut weggekommen ist. Ich war mir nämlich ziemlich sicher, dass bei dir und “Alice” das eintreten wird, was bei dir und “Benjamin Button” eingetreten ist.
Dienstag, 26. Oktober 2010 18:54
[...] einer wie Burton ohnehin wenig anfangen (was sich Jahrzehnte später mit seiner eher harmlosen „Alice in Wonderland“-Interpretation bestätigen sollte). Wie zu erwarten landete Burtons großartiger Kurzfilm in den [...]