Review: SYNECDOCHE, NEW YORK (2008)

Die Nacherzählung einer Geschichte, die zwischen filmischer Realität, also der Re- produktion der Wirklichkeit, und einer dysfunktionalen, surrealistischen Fantasiewelt pendelt, gestaltet sich zumeist schwierig, weil die Grenze beider Welten entweder kaum vorhanden, als solche nur schwer auszumachen oder eben fließend ist. Der gefeierte Drehbuchautor Charlie Kaufman (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) erzählt solche Geschichten. Bei ihm verkommen sie allerdings nie zur reinen Fantasy, obgleich er die Grenze zwischen „kopierter“ Wirklichkeit und eskapistischer Traumwelt nicht eindeutig definiert. Ein wenig anders verhält es sich mit Kaufmans tragikomischem Regiedebüt Synecdoche, New York. Erstmals verwischt er diese Grenze bis zur Unkenntlichkeit. Eine klare Trennung zwischen filmischer Realität und einem Traum oder einer verzehrten Wahrnehmung besteht nicht. Die beiden Welten, die beiden Ebenen überlappen sich, sie verschmelzen, sozusagen, ineinander.
Charlie Kaufman erzählt die Geschichte des hypochondrischen und erfolgreichen Theaterregisseurs Caden Cotard, der von Selbstzweifeln geplagt, von seiner Frau verlassen und von der Angst vor dem Tod bestimmt wird, oder anders: Kaufman erzählt eine tiefgründige Geschichte über das Scheitern, über Zeit, das Leben und den Tod, er erzählt von Neurosen und Syndromen, von der Sehnsucht nach Liebe und der Suche nach der eigenen Identität. Kaufman bedient sich dabei eines cleveren Kniffs. Er erzählt, wir kennen diese Komposition in ähnlicher Form bereits aus Adaptation, eine Schachtelgeschichte: eine Erzählung enthält eine Erzählung enthält eine Erzählung enthält eine Erzählung und so weiter. Eine Endlosschleife. Denn: Caden Cotard, gefangen in einem Traum, oder in einer verzerrt wahrgenommenen Realität, inszeniert ein detailbesessenes Echtzeit-Stück seines Lebens.
Das kann man sich in etwa so vorstellen: Wenn Caden einen Dialog führt, dann wird dieser Wortlaut kurze Zeit später präzise in seiner Aufführung von seinem schauspielerischen Alter ego wiedergegeben. Alles, was er erlebt, geschieht un- gefühlte Momente später in seinem Stück. Eine Eins-zu-eins-Kopie seines Lebens spielt sich sozusagen unreflektiert vor seinen Augen ab. In einer alten Lagerhalle in New York lässt er eine Nachbildung New Yorks errichten, in der die Lagerhalle steht, in der die Nachbildung New Yorks errichtet wird, in dem eine Lagerhalle steht, in der die Nachbildung New Yorks errichtet wird und so weiter. Eine Endlosschleife. Immer und immer wieder also beobachtet Caden wie Caden-2, Caden-3, Caden-4 etc. seine Fehler begehen. Und lässt diese unkommentiert in Raum und Zeit stehen. Und nicht nur seine Wahrnehmung gegenüber sich selbst und seiner Umwelt ist eine gestörte, auch sein Zeitgefühl hat ihn längst verlas- sen.
Die abstruse Komposition und die surrealistische Atmosphäre des Films, die allen voran durch Kaufmans groteske Einfälle evoziert wird, erschweren die Dechif- frierung der Geschichte. Hinzu kommt, dass sein Film auf mehreren Ebenen, inhaltlich wie metaphorisch, oberflächlich wie latent, gleichzeitig funktioniert. Kaufman lässt bewusst Spielraum für Interpretationsmöglichkeiten offen. Über die Bedeutung von New York als shakespearsche Synekdoche allerdings lässt er indes keinen Zweifel aufkommen: Die Welt, eine Bühne und gleichzeitig die Bühne als Teil der Welt. Diesen Gedanken kann man, wie es Kaufman tut, weiterspinnen: Das Leben, ein Kunstwerk, das Kunstwerk als Teil des Lebens. Der Künstler Kaufman also erschafft eine Welt, in der ein Künstler, der Theaterregisseur Caden Cotard (brillant: Philip Seymour Hoffman) nämlich, eine Kopie seines Lebens erschafft. Die Spirale dreht sich und endet mit dem Tod. Genauso wie Charlie Kaufmans großartiges Regiedebüt.















Freitag, 22. Januar 2010 20:28
Ein großartiger Film, der mir jedoch eine Nummer zu midlifecrisig ausgefallen ist. Der Plot, wenn es denn einen gibt, ist mir einfach zu … zynisch, sarkastisch, gallig? Aber eigentlich ist das ja der ganze Film, auch wenn Kaufman zum Lachen einlädt. Hoffmann ist über jeden Zweifel erhaben, aber auch der Rest des Castes fügt sich ganz der Wertigkeit des gesamten Films.
Samstag, 23. Januar 2010 18:39
Midlifecrisig? Imho durchlebt Caden keine Midlife-Crisis, sondern einen Alptraum, evoziert durch seine Neurosen, sein kaum vorhandenes Selbstbewusstsein und seine Schicksalsschläge. Hinzu kommen künstlerisch selbst auferlegter Druck, die Unfähigkeit mit Frauen umzugehen und sein Cotard-Syndrom. Auf eine Midlife-Crisis wär ich nicht einmal gekommen.
Sonntag, 24. Januar 2010 0:30
Ich dachte eher an Kaufman. So einen Stoff schreibt man ja nicht einfach so aus einer Laune heraus.
Samstag, 30. Januar 2010 18:52
Du hast dich also an einem Text versucht, Respekt.
Sehe darin übrigens auch etwas Midlifecrisis, aber letztlich sieht jeder etwas anderes, deshalb würde ich mich z.B. auch nicht an einer “Dechiffrierung der Geschichte” versuchen – das ist ein Film über Krisen, jede auf ihre Art und ihr Verständnis.
Jedenfalls das Highlight des letzten Jahres.
Samstag, 30. Januar 2010 21:47
Was ja nicht schlecht sein muss. Imho kann eine Midlifecrisis auch etwas Gutes haben, z.B. um sich seiner eigenen Identität bewusster zu werden.
Versucht man nicht zwangsläufig, die Geschichte dieses Films zu entschlüsseln? Der eine mehr, der andere weniger.
Sonntag, 31. Januar 2010 15:35
Ich hatte es gar nicht erst versucht, weil ich schnell merkte, dass ich diesen Film nur intuitiv fassen kann. Ich hatte das Gefühl, das alles zu verstehen, auf eine eigene Art, ohne es in Worten auseinander nehmen zu können.
Sonntag, 31. Januar 2010 16:58
Was imho einer vieler Stärken des Films ist. Man kann ihn aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, seine Ebenen aufzusplitten versuchen, ohne dass es einem gelingen mag bzw. wirklich gelingen kann. Und trotzdem funktioniert er.
Donnerstag, 20. Januar 2011 11:34
Ich kann mich nur anschließen, ein ausgezeichneter Film und zurecht so viele Bewertungspunkte!
Philip Seymour Hoffman ist allerdings auch ein ausgezeichneter Meister seines Fachs…