Review: THE DEPARTED (2006)

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Betrachtet man Martin Scorseses Asia-Remake The Departed als autonomen Film, gäbe es nicht viel zu kritisieren. Man würde Scorsese loben, von seinem brillant bebilderten Cop-Thriller schwärmen, den großartigen Soundtrack hervorheben und das hochkarätig besetzte Starensemble um Leonardo DiCaprio und Matt Damon über Martin Sheen und Jack Nicholson bis hin zu Mark Wahlberg und Vera Farmiga auszeichnen. Nur ist diese Betrachtungsweise eine ziemlich engstirnige, weil sie dem direkten Vergleich mit der chinesischen Vorlage, Infernal Affairs, aus dem Weg geht. Und diese Gegenüberstellung ist in diesem Fall eine dringend notwendige.

Im Grunde erzählen beide Filme dieselbe Geschichte: Ein Cop, eigentlich ein Spit- zel, informiert seinen Boss, den Mafiachef, über die Pläne und Vorgehensweisen seines Reviers. Ein Spitzel, eigentlich ein Cop, infiltriert die Mafia und informiert das Polizeirevier über deren Pläne und Vorgehensweisen. Sowohl die Cops als auch die Mafia bekommen heraus, dass sich in ihren Reihen eine „Ratte“ befindet. Die „Ratten“ sollen sich selbst und den jeweils anderen aufdecken. Ein span- nendes und lebensgefährliches Katz- und Mausspiel beginnt. Am Ende kommt es zum großen Showdown.

Different movie, same story. Die Geschichte unterscheidet sich, hinsichtlich der Plotkonstruktion, nur wenig: die Figurenkonstellation ist eine etwas andere, man verlegte den Handlungsort von Hongkong nach Boston, irische Mafiosi lösen die Triaden ab und so weiter und so fort. Natürlich, die Dialoge sind andere, ähnliche, aber andere. Im Endeffekt aber bleibt die Narration bestehen, der Plot folgt der- selben Logik. Scorsese kopiert gar ganze Szenenabläufe, er bleibt, trotz exzes- sivem Storyausbau (sein Film braucht für die gleiche Geschichte über vierzig Minuten länger; mehr kommt dabei allerdings nicht herum), der Vorlage sehr nahe.

Der gravierende und evidenteste Unterschied zwischen The Departed und In- fernal Affairs ist der Fokus. Scorseses Augenmerk liegt auf der komplexen Figuren- und Situationskonstellation, die er mit der Zusammenführung der Frau- enfiguren (die Psychotherapeutin des Undercovercops und die Freundin des Mafiaspitzels werden eine Person) dramaturgischer gestalten will. Spannung also, wo es nur geht. Andrew Laus und Alan Maks Gangsterfilm hingegen interessiert sich für die Psyche seiner beiden Protagonisten. Es geht um die Suche nach der eigenen Identität, um die Definition von Gut und Böse und um die Reflexion von Schuld und Sühne.

Die essentiellen Ruhemomente des Originals (auf dem Dach eines Hochhauses, fernab und relativ sicher vor dem Pflaster der Kriminellen, der scheinbar einzige Ort, an dem sich der Undercovercop und sein Vorgesetzter treffen können, oder das Zimmer der Therapeutin, der scheinbar einzige Ort, an dem der Under- covercop endlich zur Ruhe kommen kann, weil er sich in der Nähe der Psycho- therapeutin nicht einsam fühlt), spult Scorsese vor, als verstehe er ihre Bedeu- tung nicht.

Wie lange kann man den Bösen spielen, bis man selbst zum Bösen wird? Diese und ähnliche Fragen stellen Lau und Mak, während sie zwischen Charakterstudie und Suspense-Thriller hin und her pendeln und immer den richtigen Ton treffen. Selbst Scorsese kommt nicht um diesen Identitätsansatz herum. Bei ihm ver- kommt dieses komplexe Gedankenspiel allerdings zur Staffage. The Departed ist ein großartig inszenierter Gangster-Cop-Thriller, aber sicherlich keine gelungene Charakterstudie. Und schon gar nicht beides.

★★★★★★★☆☆☆

Autor: Kaiser_Soze
Datum: Donnerstag, 7. Januar 2010 20:43
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9 Kommentare

  1. 1

    Betrachtet man Martin Scorseses Asia-Remake The Departed als autonomen Film, gäbe es nicht viel zu kritisieren.

    Und so weiter und so fort: Finde deinen ersten Absatz der Rezension wirklich sehr gelungen. Klasse. Gut, um das “engstirnig” kann man streiten, weil dies schon ein wenig aggressiv klingt, aber gut: In diesem Fall ist das wahrscheinlich sogar gerechtfertigt. Jedenfalls treffen deine ersten Sätze voll ins Schwarze: “The Departed” ist eigentlich gar kein schlechter Film, wenn… Was mich wundert ist, dass du gar nicht auf das divergierende Ende zwischen beiden Filmen zu sprechen kommst. Seitdem ich “Infernal Affairs” gesehen habe, kann ich das Ende von “The Departed” so was von nicht mehr leiden, das ist schon nicht mehr feierlich.

  2. 2

    Ich mag es auch nicht. Das von IA ist imho ein viel besseres. Bei Damons Figur kommt keine Einsicht, er würde so weiter machen, wäre weiter der “Böse”. In IA kommt der Mafiaspitzel ja zur Einsicht, dass er ein Guter sein möchte. IA zeigt, dass es auch anders herum geht: Wenn man lange genug den Guten spielt, wird man zum Guten. Finde ich interessant und es gefällt mir auch viel besser.

  3. 3

    PS: Hab es nur nicht erwähnt, weil die Moral-Diskussion dann wieder losgegangen wäre^^

  4. 4

    Ah :). Ja, und das ist eben genau der Punkt: “Infernal Affairs” traut sich eben mit seiner “dreckigen Moral von der Geschicht’” vor das Antlitz der Welt, und biedert sich nicht so - wie Scorsese leider in diesem Fall - diesem Bild von einer fast ekelhaft korrekten Moralvorstellung an. Und dann lief die Ratte über das Geländer. Brr… ;-)

  5. 5

    Ich seh das eigentlich anders herum. Mal abgesehen von der Anbiederung.

    Mir gefällt bei IA, dass der Mafiaspitzel sich am Ende gegen die Mafia und für ein “gutes” Leben entscheidet, weil seine Reflexion und seine Erfahrungen gezeigt haben, dass die Mafia nicht die richtige Entscheidung ist.

    Bei TD hingegen entscheidet sich Damon nicht deswegen, Costello zu verraten/zu erschießen, weil er von der guten Seite überzeugt ist, sondern weil ihm klar wird, dass der Druck von Costello zu hoch und zu gefährlich für ihn ist und wird. Am Ende bleibt er also trotzdem der Böse. Das fand ich hinsichtlich der Reflexion von Schuld und Sühne und Gut und Böse ziemlich verkorkst.

  6. 6

    Ich sehe es so. Scorseses Version ist ein aufgeblasener, top besetzter Hollywoodthriller. Kein wirklich atemberaubender, jedoch durchaus annehmbar. IA ist atemberaubende Charakter- und aber auch vor allem Genrestudie. Punkt.;)

  7. 7

    Ganz genau ;)

  8. 8

    Sehr schön auf den Punkt gebracht, auch von den Kommentaren her =)
    Ich hab unverständlicher Weise irgendwann (vor ein paar Jahren) The Departed mal die Wertung 8,5/10 gegeben. Eigentlich ein totaler Witz. Müsste ich nochmal einen Vergleich zum Original ziehen, würde der Film weitaus schlechter ausfallen. Besonders gestört hat mich die Figur der Vera Farmiga, die wirklich keinen Funken Sinn hat, außer der Geschichte mehr Komplexität zu verleihen. Das Ende ist sowieso Banane.
    Ich schüttel mich immernoch vor Ekel, wenn ich in irgendwelchen Top-Listen diesen Film entdecke, da man selbst doch weiß, dass es viel, viel, VIEL besser geht. Von der charakterlichen Tiefe, der Spannung bis hin zu dem Katz und Maus Spiel und den Fragen über Gut und Böse.

  9. 9

    Scorseses Augenmerk liegt auf der komplexen Figuren- und Situationskonstellation, die er mit der Zusammenführung der Frau- enfiguren (die Psychotherapeutin des Undercovercops und die Freundin des Mafiaspitzels werden eine Person) dramaturgischer gestalten will.

    Tschuldige das lange Zitat. Aber genau das ist der Knackpunkt - deswegen sind Scorseses Filme allesamt Meisterwerke. Sie sind fesselnd … und i.d.R. Auch reich an Action .. also alles in allem ein grosser Unterhaltungswert

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