Beiträge vom Januar, 2010

Retro: DEEP IMPACT (1998)

Samstag, 30. Januar 2010 23:06

deepimpact.jpg

1998 kamen fast zeitgleich zwei Astro-Katastrophenfilme in die Kinos, die beide den Untergang der menschlichen Zivilisation durch einen Meteoriteneinschlag thematisierten: Michael Bays Armageddon und Mimi Leders Deep Impact. Zwei sehr amerikanische Filme, ausschließlich aus amerikanischer Sicht erzählt, zumal der eine, Armageddon, obendrein auch noch erzpatriotisch daherkommt. In beiden Filmen nimmt ein Komet Kurs auf die Erde und in beiden Filmen versuchen amerikanische Astronauten, mit Sprengköpfen die zerstörerischen Gesteinsbrocken zu eliminieren. Während Bays hoch budgetierter Blockbuster vor allem die geglückte Sprengung des Kometen zum Highlight erklärt, und damit seine amerikanischen Weltenretter in allzu ästhetisierten Bildern romantisiert, geht Leders Film trotz hollywoodscher Muster (im Grunde ist der Film ebenso an computergenerierten Katastrophenbilder und Effekthascherei interessiert) durchaus unkonventionelle Wege. In Deep Impact nämlich scheitern die USA vorerst mit der geplanten Sprengung des Kometen. Fortan behandelt der Film in parallel ablaufenden Geschichten die individuellen Entscheidungen verschiedenster Menschen: die an ihrer Mission gescheiterte Astronautencrew muss sich entscheiden, ob sie heimkehren oder sich für den Fortbestand der menschlichen Rasse opfern soll; der pubertierende Junge Leo, der den Kometen entdeckte, muss sich entscheiden, ob er seine Familie in den vom amerikanischen Präsidenten angeordneten Bunker zum Überleben der Menschheit begleiten, oder ob er umkehren soll, um seine Freundin Sarah zu retten; die aufsteigende Journalistin Jenny Lerner muss sich ihrer konfliktbeladenen Familiensituation bewusst werden, ehe es zu spät ist. Bei Bay verkommen solche menschlichen Zwischentöne. Bei Leder nicht. Und das ist nur einer weniger Gründe, wieso man den durchaus unterhaltsamen Deep Impact Bays nervig-patriotischen Machwerk vorziehen sollte.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (7) | Autor: Anthony

Review: SYNECDOCHE, NEW YORK (2008)

Freitag, 22. Januar 2010 18:57

synecdoche-new-york_scene.jpg

Die Nacherzählung einer Geschichte, die zwischen filmischer Realität, also der Re- produktion der Wirklichkeit, und einer dysfunktionalen, surrealistischen Fantasiewelt pendelt, gestaltet sich zumeist schwierig, weil die Grenze beider Welten entweder kaum vorhanden, als solche nur schwer auszumachen oder eben fließend ist. Der gefeierte Drehbuchautor Charlie Kaufman (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) erzählt solche Geschichten. Bei ihm verkommen sie allerdings nie zur reinen Fantasy, obgleich er die Grenze zwischen „kopierter“ Wirklichkeit und eskapistischer Traumwelt nicht eindeutig definiert. Ein wenig anders verhält es sich mit Kaufmans tragikomischem Regiedebüt Synecdoche, New York. Erstmals verwischt er diese Grenze bis zur Unkenntlichkeit. Eine klare Trennung zwischen filmischer Realität und einem Traum oder einer verzehrten Wahrnehmung besteht nicht. Die beiden Welten, die beiden Ebenen überlappen sich, sie verschmelzen, sozusagen, ineinander. [...]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (8) | Autor: Anthony

Review: ADAPTATION. (2002)

Sonntag, 17. Januar 2010 14:50

adaptation_scene.jpg

Man stelle sich vor, man stehe vor einem Spiegel und blicke hinein. Doch anstatt sein verdrehtes Ebenbild zu betrachten, sehe man seinen eigenen Rücken, man sehe sich selbst von hinten, wie man in den Spiegel blickt und sein eigenes verdrehtes Spiegelbild betrachtet. Man kennt dieses, oder ein ähnliches, Bild aus René Magrittes berühmtem Gemälde “Not to be reproduced”. Spike Jonzes Adaptation. funktioniert im Grunde genauso: Der gefragte Drehbuchautor Charlie Kaufman, dessen Skript zu Being John Malkovich mehrere Auszeichnungen erhielt, soll ein Buch mit dem Titel “Der Orchideendieb”, eine Biographie über den eigenartigen Orchideenexperten John Laroche, adaptieren. Charlie Kaufman liebt dieses Buch, allerdings weiß er nicht, wo er wie anfangen soll, um Susan Orleans Bestseller gerecht zu werden. Charlie Kaufman hat eine Schreibblockade, während sein Zwillingsbruder Donald gerade im Stande ist, ein viel versprechendes Drehbuch über einen schizophrenen Killer abzuliefern. Dazu kommt, dass Charlie unter Schlafstörungen und Neurosen, unter Angstzuständen und Schweißausbrüchen leidet, er fühlt sich alleine. Keine Freundin. Keine Sex. Ein Versager. Er ist kurz vor dem Zusammenbruch, ehe ihm eine geniale Idee kommt. Er schreibt ein Drehbuch über sich selbst, über Charlie Kaufman, der eine Schreibblockade besitzt und ein Drehbuch über sich selbst schreibt, wie Charlie Kaufman ein Drehbuch über sich selbst schreibt. Eine Endlosschleife sozusagen. Charlie Kaufman, der reelle, verarbeitete mit Adaptation. eine schwierige Phase seines privaten wie beruflichen Lebens. Die Idee eines Drehbuchautors, der ein Drehbuch über sich selbst schreibt, wie er ein Drehbuch über sich selbst schreibt, ist keine neue, genau genommen sogar eine ziemlich abgedroschene. Kaufman allerdings schreibt derart selbstironisch, springt fast beliebig zwischen verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen hin und her, lässt Realität und Fiktion kaum noch voneinander trennen und bleibt dabei immer so ehrlich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Kaufmans Skript ist also nicht nur ein äußerst eigenwilliges und gelungenes, weil es bewusst konventionelle Drehbuchprinzipien ignoriert, sondern auch das vielleicht intimste autobiographische Screenplay seit einer gefühlten Ewigkeit.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (4) | Autor: Anthony

Review: THE DEPARTED (2006)

Donnerstag, 7. Januar 2010 20:43

thedeparted.jpg

Betrachtet man Martin Scorseses Asia-Remake The Departed als autonomen Film, gäbe es nicht viel zu kritisieren. Man würde Scorsese loben, von seinem brillant bebilderten Cop-Thriller schwärmen, den großartigen Soundtrack hervorheben und das hochkarätig besetzte Starensemble auszeichnen. Nur wäre diese Betrachtungsweise eine ziemlich oberflächliche, weil sie dem direkten Vergleich mit der chinesischen Vorlage Infernal Affairs aus dem Weg gehen würde. Und diese Gegenüberstellung ist in diesem Fall eine dringend notwendige. [...]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (9) | Autor: Anthony