Essay: Die cineastischen Nuller-Jahre

Es geht schon in Ordnung, wenn “Der Spiegel” die jetzt auslaufende Dekade als “verlorenes Jahrzehnt” bezeichnet. Zumindest in einem gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Sinn mag das durchaus zutreffen. Die Bestandsaufnahme der so genannten “Nuller-Jahre” ist indes in vielerlei Hinsicht kein erfreulicher An- blick und sie beweist, dass der Mensch nicht nur apathisch dabei zusieht, wie er vorsätzlich Fehler begeht, schlimmer noch, er lernt nicht dazu und begeht sie ein weiteres Mal. Die Weltwirtschaftskrise untermauert diese These gleich in mehr- facher Hinsicht. Während die Regierungen und Zentralbanken dieser Welt die geplatzten Finanzblasen zu schließen versuchen, indem sie die Märkte und Börsen mit Finanzspritzen, Konjunkturpaketen und Staatssubventionen versorgen, ent- steht das oben beschriebene Paradoxon. Anstatt aus den Fehlern zu lernen, wächst die Gier nach Geld so wie sie zu Beginn der Weltwirtschaftskrise von der Gesellschaft verdammt wurde. Die Banker und Manager, die eigentlich aufgrund ihres Verschuldens als die Verlierer der Krise zu verstehen sein sollten, zocken wieder maßlos, spekulieren, und sie werden sich abermals verschätzen.
Die nächste “Wirtschaftsbombe”, die voraussichtlich an der Chinesischen Börse, dem gefährlichen “Musterschüler” der amerikanischen Wall Street, hochgehen wird, würde das Finanz- und Wirtschaftssystem noch härter treffen als die ak- tuelle. Die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Krise ist hoch. Und selbst mit diesem Wissen, das den puristischen Leitgedanken des Kapitalismus gerne ignoriert, wird sich diese kaum verhindern lassen. Dieses reaktionäre und unverantwortliche Handeln der Banker scheint für sie selbstverständlich. Sie wissen, wenn die Bombe platzt, dann werden die Staaten und somit auch die Bürger dieser Welt die Konsequenzen tragen. Wieder. Die… Moment. Stop. Das ist ein Filmblog. Eigentlich sollte sich dieser 2000er-Rückblick mit dem Kino beschäftigen, seiner Bedeutung und Einordnung in die Filmgeschichte, und nicht einen politischen Rundumschlag, ein wirtschaftliches Fazit oder ein gesellschaftskritisches Zeugnis geben. Nun denn, kommen wir zum eigentlichen Thema: Die cineastischen “Nuller-Jahre”, sie werden als Jahrzehnt der Oberflächenreize/Technikdemonstrationen, als Jahr- zehnt der Comicverfilmungen, als Jahrzehnt des Kinos 2.0 und als Jahrzehnt der Fortsetzungen/Remakes in die Filmanalen eingehen. Die Nuller-Jahre, eine cine- astische Dekade, in der, selbst inflationsbereinigt, das meiste Geld ausgegeben und gewonnen wurde, was sich mit dem kommenden Jahrzehnt allerdings schnell egalisieren wird.
Das Jahrzehnt der Oberflächenreize/Technikdemonstrationen: Bereits zu Beginn dieses Jahrzehnts demonstrierte der einstige Horror-Regisseur Peter Jackson mit seiner dreiteiligen Romanadaption von Tolkiens großem Fantasy-Klassiker “Herr der Ringe”, dass die visuellen und narrativen Grenzen des Kinos kaum mehr existieren. Die vielfältigen Spezialeffekte aus dem Computer schaffen Welten und Wesen, so authentisch und täuschend real, wie niemals zuvor und sie ermög- lichen somit die Realisierung und getreue Umsetzung von literarischen Werken, die jahrzehntelang als unverfilmbar abgestempelt wurden. Ein Michael Bay ver- steht diese Technik-Eventualität allerdings anders: Er zelebriert, in “Transformers” beispielsweise, den Destruktionsgedanken, das puristische, sinnfreie Actioncredo: Die Gunst des Publikums soll durch coole Effekthascherei, Explosionen, Feuer- gefechte, Verfolgungsjagden, Zerstörungswut et cetera gewonnen werden. Main- streamkino in Reinkultur sozusagen, das, wie bereits erwähnt, lediglich die Ober- flächenreize bedienen will und bedienen wird. Filme ohne Substanz eben, deren Bedeutung für die Filmgeschichte keine Erwähnung finden.
Das Jahrzehnt der Comicverfilmungen: Eigentlich jeder große und erfolgreiche Comic schaffte es in den Nuller-Jahren auf die große Leinwand: “Spider-Man” durch Sam Raimi, “Batman” durch Christopher Nolan, “Fantastic Four” durch Tim Story, “300″ und die Mutter aller Comicbücher “Watchmen” durch Zack Snyder, “Sin City” durch Robert Rodriguez, “Hellboy” durch Guillermo del Toro, “Iron Man” durch Jon Favreau, “Hulk” durch Ang Lee und Louis Leterrier, “X-Men” durch Bryan Singer, Brett Ratner und Gavin Hood. Diese Liste, die zahlreiche Sequels bein- haltet, könnte man mit weniger bekannten adaptierten Comichelden fortführen. Trotz der Vielzahl an Umsetzungen sind nur wenige gut (”V for Vendetta”, “Hell- boy”, “Hulk” durch Ang Lee) und wenige sehr gut (”Spider-Man”, “Batman”, “Sin City”). Einige Regisseure verstanden/verstehen die von ihnen adaptierte Vorlage nicht (Zack Snyder) oder interpretierten sie falsch (Jon Favreau). Sei´s drum. Die Welle der Comicverfilmungen wird weitergehen, unter anderem, oder hauptsäch- lich weil diese finanziellen Erfolg versprechen. Mainstream muss, wie im Falle von Sam Raimis “Spider-Man”-Trilogie, nicht immer schlecht konnotiert sein.
Das Jahrzehnt des Kinos 2.0: Mit “Blair Witch Project” nahm in den 1990er Jahren alles seinen Anfang. Rein formal hat sich an diesen (Low-Budget-) Filmen bis heu- te nichts geändert: semi-dokumentarische Aufnahmen, eine wackelige Handkame- ra und teilweise dilettantische Amateurphotographien sollen Authentizität, Sus- pense und Spannung generieren. Nur das Marketing ist ein anderes, ein klü- geres und trügerisches. Mit dem Internet, mit weltweit zu erreichenden Video-Plattformen wie “Youtube” und eigens eingerichteten Designer-Internetseiten wird ein Hype erzwungen, wird geteast und auf sich aufmerksam gemacht. Nur selten erfüllen die 2.0-Filme (”Cloverfield”, “Paranormal Activity”) ihre Verspre- chen, nur selten wird dieses Stilmittel virtuos eingesetzt.
Das Jahrzehnt der Fortsetzungen/Remakes: Die wohl erste und bis heute unge- brochene Regel des “Hollywood-Kodex” lautet: “Die Kuh solange melken, wie sie Milch gibt”. Eine sehr treffende und wahrhaftige Metapher, die sich vor allem in dieser Dekade als ehrlich erwies. Nahezu jeder Film, der hohe Summen einspielte und damit sehenswerte schwarze Zahlen schrieb, wurde nicht nur einmal fort- gesetzt: “Harry Potter”, “Herr der Ringe”, “Fluch der Karibik”, “Star Wars”, um nur einige zu nennen (von den bereits erwähnten und mit zahlreichen Sequels be- schenkten Comicadaption einmal abgesehen). Selbst tot geglaubte Filmreihen wie “Indiana Jones”, “Rambo” oder “Rocky Balboa” wurden wiederbelebt und fort- gesetzt. Auch als “Jahrzehnt der Remakes” könnte diese Dekade verstanden wer- den, vor allem im Horrorgenre (von us-amerikanischen Asia-Remakes ganz zu schweigen): Genre-Klassiker wie “Texas Chainsaw Massacre”, “The Hills Have Eyes”, “Friday the 13th” legte man (selten gelungen) neu auf, brachte sie ins Kino und schob ein Sequel/Prequel nach.
Abschließend ein kommentarloses Ranking der zehn “Besten Filme dieses Jahrzehnts“:

10 The Assassination of Jesse James… (Andrew Dominik, 2007)

9 IngloUrious Basterds (Quentin Tarantino, 2009)

8 BRICK (Rian Johnson, 2005)

7 INFERNAL AFFAIRS (Andrew Lau & Alan Mak, 2002)

6 CHILDREN OF MEN (Alfonso Cuarón, 2006)

5 PANS LABYRINTH (Guillermo del Toro, 2006)

4 SWEENEY TODD (Tim Burton, 2007)

3 LOTR: The Return of the King (Peter Jackson, 2003)

2 DONNIE DARKO (Richard Kelly, 2001)

1 THERE WILL BE BLOOD (Paul Thomas Anderson, 2007)
Ich wünsche allen Lesern und Bloggern einen guten Rutsch ins neue Jahr. Feiert schön!





Donnerstag, 31. Dezember 2009 13:09
There will be blood verdient auf Platz 1!
Donnerstag, 31. Dezember 2009 14:45
Ich finde ein Top 10 eines Jahrzehnts irgendwie problematisch, würde mit den meisten Filmen deiner Auflistung auch nicht d’accord gehen. Und um noch klug zu scheißen: wenn man schon (den unfassbar schlechten) RETURN OF THE KING aufnimmt, dass böte sich dazu auch ein Bild aus dem Film und nicht aus FELLOWSHIP OF THE RING an
Egal, auch dir einen guten Rutsch!
Donnerstag, 31. Dezember 2009 15:39
Wo liegt der Unterschied zu einem Jahresrückblick???
Überrascht mich nicht
Ich wusste, dass du den kommentieren wirst. So berechenbar bist du
PS: Ich verbesser es mal. War keine Absicht.
Donnerstag, 31. Dezember 2009 16:04
Ein Jahrzehnt is komplexer als ein Jahr. Die Frage ist, wie will man an eine Dekade herangehen? Du hast z.B. gleich drei Filme aus 2007 in deiner Liste. Was den Eindruck erweckt, dass gerade dieses Jahr wohl das stärkste Kinojahr dieses Jahrzehnt gewesen ist oder sein könnte. Grundsätzlich fände ich es fairer, aus jedem Jahr nur einen Film zu zu lassen, was aber nicht minder verfäschend wäre, da gerade die letzten Jahre weitaus schwächer waren, als zu Beginn des Jahrzehnts. Hinzu kommt, dass man innerhalb eines Jahrzehnts auch eine gesellschafts-politische Entwicklung berücksichtigen muss oder kann. Beispielsweise 9/11, was uns schließlich Filme wie THE KINGDOM, WTC oder auch (in gewisser Hinsicht) THE DARK KNIGHT beschert hat (dessen Abwesenheit mich jetzt wo ich über ihn rede verwundert).
Letztlich war meine obige Kritik aber auch hinfällig, sind es schließlich einfach die 10 Filme, die dir dieses Jahrzehnt am besten gefallen haben. Bei einer Einordnung wie drüben bei The Gaffer, mit einfacher Rückschau auf die persönlichen Favoriten, hätte ich mich auf Anhieb wohl weniger gestört
Immerhin sind wir uns einig, dass MOU GAAN DOU einer der eindrucksvollsten Filme der “Nuller-Jahre” ist.
Donnerstag, 31. Dezember 2009 16:48
Und dennoch kann man eine Rangliste erstellen. Sind halt mehr Filme, weiß aber nicht, wo das Problem liegt.
Ist es auch.
So ist das nun mal. Du nimmst ja auch nicht nur einen Film pro Monat in deine Jahresliste, weil einige Monate schwächer als die anderen sind.
Die sich ja auf die Qualität der Filme auswirkt, und wenn diese gut sind, dann kommen sie halt auch in so ein Ranking.
Ist das nicht immer subjektiv? Selbst wenn man objektiv sein möchte.
Das sind nichts anderes als meine persönlichen Favoriten
Puuh, grad noch mal Glück gehabt.
Freitag, 1. Januar 2010 15:56
Interessante Liste in der ich jeden der von mir gesehen Filme (Ausnahme vielleicht “Donnie Darko”)auch in meiner Liste des Jahrzehtns haben könnte, so ich eine gemacht hätte. Ich fürchte nur, dass ich mich da niemals auf 10 Filme würde einigen können.
Freitag, 1. Januar 2010 16:12
Fiel mir, ehrlich gesagt, auch nicht leicht.
Freitag, 1. Januar 2010 20:29
Mir ist doch tatsächlich erst beim Lesen klar geworden, wie viele Comic-Verfilmungen in den letzten 10 Jahren im Kino waren.
Bei all den Jahresrückblicken ist es auch mal sehr angenehm, einen Dekadenrückblick zu lesen, was sicherlich nicht einfacher zu bewerkstelligen ist.
Freitag, 1. Januar 2010 23:25
Wenn ich eine solche Liste erstellen würde - und das mache ich sicherlich auch, ich Posting-Klauer, ich - wären 7-8 deiner Filme garantiert nicht in meiner.^^ Hätte eigentlich gedacht, dass der von dir sehr geschätzte “Brokeback Mountain” auch vorkommt.
Samstag, 2. Januar 2010 11:45
Ich schätze BM auch sehr. Er ist, ähnlich wie “DAS MEER IN MIR”, nur keiner meiner Lieblingsfilme bzw. persönlichen Favoriten dieser Dekade. Sei´s drum. BM ist ein großartiger Film.
Samstag, 2. Januar 2010 22:42
Im Großen und Ganzen kann ich mich mit der Top 10 anfreunden, auch wenn in meiner wohl “nur” drei, vielleicht vier der Filme auftauchen würden (wenn ich denn mal dazu käme - demnächst halt). Gerade “Donnie Darko” auf Rang 2 kann ich doch sehr gut nachvollziehen.
Sonntag, 3. Januar 2010 0:09
Jawoll, Jesse James, Brick, Children of Men. Du hast den Plan.:D
Montag, 4. Januar 2010 5:05
Definitiv eine Liste, mit der es sich leben lässt!
Montag, 4. Januar 2010 17:22
Eine schöne Liste mit einigen Filmen, die auch bei mir auftauchen/im Verfolgerfeld waren. Einziger Ausrutscher ist IMO Die Rückkehr des Königs, der mich mit seinen zwanzig Enden und dem endlos-Geschlachte-Pathetik-Kram etwas genervt hat. Finde die Gefährten selbst am besten, aber das ist wohl Ansichtssache. Zustimmung natürlich für Infernal Affairs!
Montag, 4. Januar 2010 18:10
Der ja beliebter ist als ich gedacht hätte.
Freitag, 8. Januar 2010 17:01
Huh? Ist ja nur einer der besten Filme der Dekade
Also mich wunderts nicht ;D
Ist wirklich ne schöne Liste und ein paar wären sicherlich auch in meiner vertreten. Mit Sweeney kann ich mich zwar überhaupt nicht anfreunden, Basterds ist auch so ne Sache, aber der Rest ist wirklich gut ausgewählt!