Kino: AVATAR (2009)

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Vergessen wir die schon fast zum Mythos mutierte und breitgetretene Genesis von James Camerons propagierten Jahrzehntsfilm, vergessen wir den exaltierten Hype um den von vielen Seiten angepriesenen Überfilm, der durch den Einsatz neu entwickelter 3D-Kameras das Kino revolutionieren soll. Konzentrieren wir uns anstatt dessen auf das, was es zu besprechen gilt: Avatar, James Camerons erster Teil seiner (wahrscheinlichen) Science-Fiction-Trilogie.

Der griechischen Mythologie zufolge bricht mit dem Öffnen der Büchse der Pan- dora, der von Hephaistos auf Zeus Geheiß geschaffenen Frau, deren Erschaffung die Menschheit als Strafe für das von Prometheus gestohlene Feuer verstehen soll, alles “Schlechte” und Unheilvolle über die einst trostvolle Erde ein. Auch in Avatar wird die Unberührtheit und der Einklang, das Gleichgewicht und der Frieden mit sich selbst und der Natur ge- und zerstört. Es kommt also nicht von ungefähr, wenn James Cameron mit ungeschickter Holzhammersymbolik den Planeten der Na´vi (dreimetergroße, schlumpffarbene humanoide Eingeborene), der von den Menschen aus kapitalistischen und kolonialistischen Gründen annektiert wird, um an dessen unschätzbare Ressourcen zu gelangen, Pandora nennt, ein erdähnlicher Himmelskörper, dessen atemberaubende Flora fluoreszierende Blumen, riesige Mammutbäume, schwebende Gesteinsfelsen und einen mit einem biologisch-chemischen Netzwerk versehenen Dschungel bestaunen lässt.

Der Planet Pandora und seine Bewohner stammen fast vollständig aus dem Computer, und sie veranschaulichen, was heutzutage mit den neu entwickelten 3D-Technologien möglich ist. Das Kino kennt keine Grenzen mehr, zumindest keine visuellen. James Cameron revolutioniert nicht, er perfektioniert. Seine Bilder faszinieren, seine Spezial-Effekte faszinieren, seine Kampfchoreographien faszinieren. Umso stärker Cameron allerdings die Oberflächenreize des Publikums bedient, umso eher stellt sich der Film als reine Kinoattraktion heraus, als hochgradig unterhaltsames Entertainmentprodukt.

Die Geschichte von Jake Sully, einem verkrüppelten Soldaten, der im Körper eines Na´vi, den er mithilfe eines so genannten Avatars kontrolliert, Geist und Körper verschmelzen sozusagen ineinander, auf Erkundungstour geht, ist nur Mittel zum Zweck, ein zusammengeschustertes Konglomerat aus mythologischen, popkulturellen und literarischen Vorlagen: Sully soll das Vertrauen der Eingeborenen gewinnen, sie studieren und ihnen letzten Endes einen Deal zur Umsiedlung unterbreiten. Während dieser Zeit, in der er zwischen zwei Welten wandelt, zwischen einer militärischen, kapitalistischen, kalten Menschenwelt und einer natürlichen, ausgeglichenen, warmen Na´viwelt, verliebt er sich, wie einst John Smith in Pocahontas, in die Tochter des Stammeshäuptlings und wechselt, wie nicht anders zu erwarten, die Seiten, weil der stark vereinfachte Plot ja deutlich machen will: Die Feinde, die Bösen, das sind die Menschen.

Selbst die herausragende Technik, die James Cameron ununterbrochen und wie kein zweiter zelebriert, birgt einen fragwürdigen Widerspruch in sich. Die Perfektion der hier dargestellten Natur entstammt dem Computer, ist das Produkt des weiter entwickelten Motion-Capture-Verfahrens und einer technischen Neuerung, die sich Performance-Capture-Stage nennt, und die die emotionalen Reaktionen der Schauspieler erfasst und digital bearbeitet. Das Resultat ist kein natürliches, kein echtes. Es ist eine Kopie ohne Makel, ohne Fehler. Eine Kopie, die besser und perfekter ist als die eigene Vorlage. Avatar, der mit Produktionskosten von rund dreihundert Millionen US-Dollar ohnehin als teuerster Film der ersten Dekade der 2000er-Jahre in die Filmgeschichte eingeht, ist ein technologischer, höchst unterhaltsamer High-End-Kinomeilenstein. Eine Kino-Revolution, von der das Feuilleton im Kontext der Filmrezeption gerne gesprochen hat, sieht dennoch anders aus.

★★★★★★☆☆☆☆

Ich wünsche allen Lesern und Bloggern schöne und erholsame Feiertage. Merry Christmas.

Autor: Anthony
Datum: Donnerstag, 24. Dezember 2009 0:52
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Filmkritiken

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17 Kommentare

  1. 1

    Dir auch ein frohes und entspanntes Weihnachtsfest!

    Zum Film kann ich nur sagen: Ich fand auch die Geschichte mitreißend. Hatte mir nicht mehr und nicht weniger erwartet und konnte mich demnach komplett “in den Film” fallen lassen. Großartig!

  2. 2

    Leider konnte mich der Film nie wirklich in seinen Bann ziehen. Für mich war das eine reine Technikdemonstration.

  3. 3

    Vollkommen richtig: Technik wow, Inhalt mau. Aber dennoch ist der Film einen Blick auf der großen Leinwand in 3-D wert. Denn im Wohnzimmer wird diese technische Klasse womöglich auch im kommenden Jahr noch nicht erreicht werden.

  4. 4

    Ganz genau. Jeder Kinofan sollte sich AVATAR auf der großen Leinwand mit 3D-Brille ansehen. Hat schon etwas.

  5. 5

    Militärpathos

    Wo hast du den Militärpathos entdecken können? Die Militärs sind doch in “Avatar” (bis auf zwei Ausnahmen) die Ärsche vom Dienst. :)

  6. 6

    Die Militärs sind doch in “Avatar” (bis auf zwei Ausnahmen) die Ärsche vom Dienst.

    Das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich verstehte Col. Quaritch (Stephen Lang) als ein schönes Exempel für Militärpathos mit falschen Überzeugungen, theatralischen Entscheidungen und Sprüchen wie “You haven’t got lost in the woods, have you? You still remember what team you’re playing for?” oder “You are not in Kansas anymore. You are on Pandora, ladies and gentleman.[...]Gives me the goosebumps!”.

  7. 7

    “You’re not on Kansas anymore”
    Was an einem netten Zitat aus “The Wizard of Oz” (welches von der Figur auch noch als (Militär-)Humor benutzt wird) mit Militärpathos zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht.

    Auf der Meta-Ebene ist es ebenfalls als ironisches Augenzwinkern des Regisseurs zu verstehen, der gleich zu Beginn des Films eine Parallele zu Oz aufbaut: Hallo, hier kommt eine ähnliche Revolution, wie damals die Farbe.

    Avatar ist ein großartiger Film, dessen Handlung zugegebenermaßen nicht äußerst vertrackt oder originell – dafür aber viel hintergründiger ist, als sie zunächst scheint.
    Das Visuelle ist natürlich das Wichtigste an dem Film – aber dafür gehe ich ins Kino, sonst kann ich ein Buch lesen ;)

    Frohe Weihnachten!

  8. 8

    Huch, das Zitat muss natürlich “You’re not IN Kansas anymore” heißen… bin wohl noch zu sehr “ON Pandora”… ;)

  9. 9

    Schöne “Oz”-Parallele zugegeben, aber der Militärpathos, vllt. weniger in diesem Zitat, ist für mich durchaus ersichtlich. Zumal das Militär in aller brachialer Art zeigt, was es wie zu bieten hat. Für mich ist Col. Quaritch so etwas wie das personifizierte Militär-Pathos mit eingeschworenem Militär-Kodex und verrücktem Verantwortungsgefühl und Vernunftsverständnis.

  10. 10

    Deine Einschätzung des Colonels ist völlig zutreffend und auf den Punkt gebracht, nur schilderst Du dies als nervigen Bestandteil des Films.
    Die Figur muss aber doch ebenso wie die Darstellung des Militärs in diesem Film so sein, ein toller Bösewicht, überzeichnet und etwas klischeehaft, aber dennoch eine tolle Figur. Und das Milität kommt doch insgesamt sehr schlecht weg (trotz Camerons Begeisterung für Maschinen ;) ).
    Daher verstehe ich Deine Kritik in diese Richtung nicht so ganz :)
    Aber ich denke mal, dass Du die zugegebenermaßen eindimensionale Darstellung bemängelst? Die Guten sind gut – die Bösen sind böse, keine Zwischentöne und dann noch typischer Militärpathos, wenn auch negativ behaftet, oder?

  11. 11

    Die Figur muss aber doch ebenso wie die Darstellung des Militärs in diesem Film so sein, ein toller Bösewicht, überzeichnet und etwas klischeehaft, aber dennoch eine tolle Figur. Und das Milität kommt doch insgesamt sehr schlecht weg

    Ja, das stimmt. Aber das heißt doch nicht umgekehrt, dass es keinen Pathos gibt?

    Hier mal die Definition von (Film-)Pathos, wie ich es verstehe bzw. hier verwende (Quelle: Wikipedia):

    Gegenwärtig steht Pathos unter Verdacht und ist zum (ab)wertenden Schlagwort geworden, etwa in der Film- und Literaturkritik. Der Differenziertheit der Pathos-Begriffe entsprechend kann sich dieser Verdacht gegen äußerst unterschiedliche Phänomene richten.

    Die Guten sind gut – die Bösen sind böse, keine Zwischentöne und dann noch typischer Militärpathos, wenn auch negativ behaftet, oder?

    So in etwa ;-)

  12. 12

    Hm, wobei du bei dem Wiki-Zitat natürlich den nachfolgenden (und interessanten Teil) unterschalgen hast:

    In diesem Sinne werden z. B. die Filme des amerikanischen Produzenten Jerry Bruckheimer – meist von europäischen Zuschauern – als pathetisch wahrgenommen, verbinden sie doch eindrückliche filmische Mittel mit einem emphatischen Verhältnis zu Konzepten wie Nation, Heldentum oder Heimat.

    Ich weiß ja, worauf du in Sachen Col. Quaritch (Stephen Lang) hinauswillst. Cameron hat den ja in seiner ganzen Attitüde auf (pejorative) militärisch-zackige Coolness nebstt markigen Sprüchen getrimmt, so wie es sich für einen chrismatischen Antagonsiten gehört. Aber daraus Pathos ableiten, der doch eigentlich immer die Prämisse einer berauschenden Emotionalisierung des Auditoriums in sich trägt (und ich werde von Quaritch nicht gerade angefixxt), halte ich für schwierig. Gleichwohl hönnte man “Avatar” in der Tat glorifizirenden Militärpathos im Sinne von “Nation, Heldentum oder Heimat” vorwerfen, nämlich an den Stellen, in denen Jake die Na’vi-Stämme um sich sammelt und seine großen Reden schwingt. Das ist klassischer Pathos in Reinkultur. Ich will den Film daraus keinen Strick drehen, ich mag den ja bekanntlich sehr. Aber da ist definitiv Pathos ins einer reinsten Form zu finden. :)

  13. 13

    Aber daraus Pathos ableiten, der doch eigentlich immer die Prämisse einer berauschenden Emotionalisierung des Auditoriums in sich trägt

    In diesem Sinne werden z. B. die Filme des amerikanischen Produzenten Jerry Bruckheimer – meist von europäischen Zuschauern – als pathetisch wahrgenommen

    Von den Bruckheimer-Filmen werde ich auch nicht emotionalisiert und ich verstehe sie als durchaus pathetisch.

  14. 14

    Von den Bruckheimer-Filmen werde ich auch nicht emotionalisiert und ich verstehe sie als durchaus pathetisch.

    Ja, und? Es geht doch nicht darum, wie die Szene XY bei dir, oder einem anderen wirkt. Es geht um die Intention der ganzen Angelgenheit (in diesem Fall von Pathos): Das ist doch der Grund, warum du Pathos bei Bruckheimer entdecken kannst, ohne ihm “zum Opfer zu fallen”: Du entlarvst eine Szene in ihrer emotional mobilisierenden Funktion und kannst sagen: Fixxt mich an, oder eben nicht; auf jeden Fall ist sie pathetisch. Ich bleibe also dabei: Pathos (als Stilmittel des modernen Kinos) will immer emotional berühren, ob sich das auf den Zuschauer überträgt oder vielleicht auch nicht, steht auf einem ganz anderem Blatt Papier.

  15. 15

    Edit: Mir ist gerade noch eingefallen, dass ich mit meinem letzten Kommentar einen Teil des vorigen (zu Recht) ad absurdum geführt habe. Der Satzteil in Klammern “und ich werde von Quaritch nicht gerade angefixxt” ist somit natürlich auch kein Argument auf die Frage ob Pathos, oder eben nicht. Nun aber. :)

  16. 16

    Pathos (als Stilmittel des modernen Kinos) will immer emotional berühren, ob sich das auf den Zuschauer überträgt oder vielleicht auch nicht, steht auf einem ganz anderem Blatt Papier

    Und genau das macht Cameron zu Beginn des Films… dass er das nicht durchhält, wiel die Menschen ja die Bösen sind, auch das steht auf einem anderen Blatt.

    Ein Film muss ja nicht durch und durch pathetisch sein. Selbst einzelne Szenen/Charaktere/Einstellungen können das beanspruchen. Deswegen halte ich das hier für Haarspalterei. Ich verstehe schon, worauf du hinaus willst, aber du sagtest ja schon selbst, du führt das ad absurdum.

    Wie auch immer. Für mich beinhaltet aus oben genannten Gründen Avatar Militärpathos, wenn auch nicht stark ausgeprägt, und schon gar nichts im Vergleich zum jaulenden Eingeborenenpathos.

  17. 17

    [...] Intermoviession – 6/10 [...]

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