Gastbeitrag: VIDEOTHEKEN-WAHNSINN
Der treue Intermoviession-Leser alb1no über das Chaos “Videothek”, seltsame, dünne Hüllen und den Wahnsinn der Chipsregale.
„Was hast du gestern gemacht?“ „Hab mir nen Film ausgeliehen.“ Diese Antwort auf die Frage nach der abendlichen Beschäftigung ist in den letzten Jahren immer seltener geworden. Um den Grund dafür zu finden und dem “Rätsel” auf die Spur zu kommen, müssen wir uns an einen altehrwürdigen Ort begeben, der für viele schon fast in Vergessenheit geraten ist. Ich spreche von der Videothek! Jener Laden, der einen Samstagabend retten, oder schlimmstenfalls verderben kann. Ich möchte hier meine kleine Geschichte, der Videothek als Ort der Hoffnung, der Verzweiflung und vielleicht auch der Kuriositäten, erzählen und hoffe, euch das ein oder andere Schmunzeln abzuringen. Das alles natürlich mit freundlicher Genehmigung meines Freundes und unser aller Kaiser Soze persönlich.
Vielleicht wart ihr in letzter Zeit ja mal wieder in einer Videothek und habt noch das Bild des Chaos vor Augen, den leicht gammligen Geruch in der Nase, oder das nervös, zittrige „Die drei hier bitte!“ von dem Kerl aus der Pornoabteilung im Ohr. Das Wort selbst, „Videothek“, wird ja schon immer seltener, wenn man einmal kurz nachdenkt. Da gibt es die Online-Videothek und die 24 Stunden-Videothek, neuerdings hält der Begriff „Mediathek“ Einzug in den Sprachgebrauch. Um nichts auszulassen, muss ich mich in die Vergangenheit, die Glanzzeiten der Videothek begeben.
Es ist Wochenende. Man weiß nicht, was man machen soll, die Ideen der Kumpels überzeugen auch nicht. Der Geldbeutel ist alles andere als prall gefüllt. Die Couch hat einen schon fast gefressen als man… Moment!!! Ich dachte, ich bin in der Vergangenheit!? Es gibt anscheinend Dinge, die sich nie ändern. Aber zurück. Die Uhr deutet schon kurz vor Neun. Alles klar, ich leih mir einen Film aus. Jetzt habe ich ja endlich meinen ersten eigenen VHS-Kassettenspieler! Ein super Teil! Programmierbar! Hat nur 400 Mark gekostet! Anders als die Technik hat sich der Prozess des Ausleihens kaum verändert. Man betritt die Videothek und weiß, entweder was man will und sucht, oder man sucht sich etwas aus und sucht. Es gibt verschiedene Kunden. Die Zielstrebigen, die wissen, was sie möchten und zugreifen, ohne die Hülle überhaupt umzudrehen. Die Verträumten, unent- schlossenen, die von Regal zu Regal pendeln und jeden Film zweimal in die Hand nehmen, um sich von den “Bildchen” überzeugen zu lassen.
Aber es gibt noch zwei weitere Gattungen. Eine davon ist die so genannte “Pärchenkombo”. Er mit verschränkten Armen neben ihr und vor dem Regal. Müde, stumpfsinnig, will Blut sehen. Sie an seinem Ärmel, aufgekratzt mit Dirty Dancing 2 in der Hand, „biiitteeee“ jaulend. Hundeblick. Bevor es dramatischer wird (er will Blut sehen,) komme ich besser zum nächsten und sicherlich der seltensten Gattung. Der Mann, der sich etwas empfehlen lässt. Er hat grundsätzlich keine Ahnung von Filmen und weiß auch eigentlich nicht genau, warum er überhaupt in diesem Laden ist. Vielleicht mag er ein bestimmtes Genre, aber es ist, als würde er Zug fahren – es ist ihm egal, wohin. Er vertraut auf die Kenntnis, nein, den Geschmack des Mitarbeiters! Für ihn geht es hier tatsächlich noch um eine Dienstleistung: Beratung. Ich muss wohl nicht verdeutlichen, was bei dem Versuch sich etwas empfehlen zu lassen ´rauskommt, ich kann aus persönlichen Erfahrungen nur soviel sagen: Eine Militäreinheit in den Sümpfen von Louisiana, die dort eine Übung abhalten sollen, sich verirren und von Hinterwälder-Missgestalten angegriffen werden. Noch Fragen? Eine noch zu erwähnende Klasse für sich bilden allerdings noch die Pornokonsumenten, die anscheinend wirklich noch nichts von diesem „Internet“ gehört haben, der Videothek aber angeblich 70 Prozent des Umsatzes bringen.
Frauen betreten eine Videothek nicht alleine, es sein denn, sie arbeiten dort. Wenn man also einen hoffentlich guten Film ausleiht, sollte man ihn auch irgendwann zurückbringen. Früher bedeutete das: Zurückspulen! Wer das nicht tat, durfte dann gerne mal ne Mark Strafgebühr zahlen. Heute gehören solche Dinge wie der VHS Player und das Zurückspulen der Vergangenheit an. Ich kann mich noch erinnern, als die ersten DVDs in meiner Videothek standen. Seltsame, dünne Hüllen, gemacht für einen viel zu teuren Player. Doch irgendwann waren die VHS Kassetten in der Unterzahl und heute beobachte ich dasselbe Spiel. Seltsame, blaue Hüllen gemacht für einen (für mich) viel zu teuren Player. Und somit sind wir in der Gegenwart angelangt. Ich erzähle in der Schule etwas von einem neuen Film, den ich mir ausgeliehen habe, und bekomme als Antwort: „den hab ich schon längst auf kino.to gesehen“ oder „Junge, warum leihst du dir überhaupt noch Filme aus?“ Das ist der Fluch der Videotheken.
Sie mögen vielleicht nicht mehr zeitgerecht sein. Die Online-Videothek schickt drei Filme zum Preis von einem aus der klassischen Standortfiliale, die 24-Stunden-DVD-Box hat keine Öffnungszeiten und will nicht mehr als meinen Fingerabdruck und spart so am Personal. Doch die gewöhnliche Videothek gibt den Kampf nicht so einfach auf. Wer heute eine Videothek betritt, hat manchmal das Gefühl in einem Supermarkt zu stehen. Noch bevor ich einen Film, oder das Gesicht des stets motivierten Mitarbeiters sehe, falle ich über ein Chipsregal, knalle gegen den Getränkekühlschrank und lande in der Eistruhe! Die Videotheken versuchen Nischen zu nutzen. Werden weniger Film ausgeliehen, müssen wir eben anders Geld machen, scheint das Motto zu sein. Heute kann man eine Vielzahl der Filme auch gleich dort kaufen.
Der Anreiz der Videothek ist wohl nach wie vor noch der Fakt, etwas in der Hand zu haben. Das Produkt begutachten und es direkt mitnehmen zu können. Ähnlich wie die rückläufige Tageszeitung. Vor den Regalen zu stehen und zu stöbern ist jedenfalls für mich keine nervige Beschäftigung. Im Gegenteil, ich gestehe dieser Suche einen ganz eigenen Charme zu. Natürlich könnten sich viele Videotheken bei der Sortierung verbessern. Ich will den “Jäger des verlorenen Schatzes” schließlich sehen und nicht spielen. Ich kenne sogar eine Videothek, die das Neuheitenregal abgeschafft hat und die Novitäten jetzt direkt in die Sparten einsortiert und mit einem kleinen Sticker versieht. Ich suche also die verdammt neue Nadel im verdammt alten Heuhaufen! Vielleicht sollte ich mir doch besser etwas empfehlen lassen…
Die Auswahl der meisten Videotheken lässt häufig zu wünschen übrig. Wirklich große Videotheken sind selten geworden. Kleine Filialen einer großen Kette sind die Regel. Doch selbst diese fahren anscheinend kaum noch Gewinne ein. So wurde erst kürzlich unsere einzige, winzige Videothek dichtgemacht. Vielleicht verschwindet die Videothek irgendwann ganz, wenn Internet, Pay TV und digitales Fernsehen uns die neuesten Filme direkt auf den heimischen Bildschirm bringen. Es könnte aber auch sein, dass sich die Videothek niemals ganz verabschiedet, solange es noch Menschen gibt, die auf die neueste Technik pfeifen, einen Film aussuchen, einlegen und genießen möchten. Und so geht es auch mir. Ich bin ein großer Filmfan und würde mich nicht als Filmkenner bezeichnen. Ich gehe gerne mit meinen Freunden in die Videothek, um nach den neuesten Zombiefilmen Ausschau zu halten und anschließend einen lustigen und geselligen Abend mit ihnen zu verbringen. Da gehört das Aussuchen des Films schon dazu. Möglicherweise gehe ich aber auch ganz allein und stöbere einfach nach einem Film für den planlosen Samstagabend. Und so wie ich mich und auch meinen Freund Kaiser Soze kenne, wird es noch viele dieser Samstage geben.





Mittwoch, 9. Dezember 2009 1:25
köstlich!
Mittwoch, 9. Dezember 2009 3:02
Nett geschrieben… wobei ich denke: all good things – come to an end
so wird es auch mit unseren Videotheken passieren, einschließlich den Kein-Personal-Videotheken. Internet ist zu mächtig, Menschen zu faul! – dem ist nichts mehr hinzuzufügen!
Mittwoch, 9. Dezember 2009 21:59
Hey, wenn das der von Walter Hill war, war der Tip aber gar nicht mal so übel.^^
Mittwoch, 9. Dezember 2009 22:51
Bitte wie?
Mittwoch, 9. Dezember 2009 23:56
Na das hörte sich nach Southern Comfort an, und ich mag Walter Hill Filme.:D
Donnerstag, 10. Dezember 2009 16:03
Hey sehr gut geschrieben,
ich muss jedoch sagen das ich in lezter zeit mal wieder öfter in meiner Videothek gewesen bin. Das Blu-ray Angebot stimmt und auch sonst glaube ich das sich “meine” Videothek, wo ich Kunde bin, sich nicht beschweren kann. Am Wochenende ist es meist sehr voll und die guten Filme sind recht schnell ausgeliehen, auch der Preis von 1€ pro Tag scheint die Kundschaft anzulocken. Solang die Preise Online nicht stimmen, werde ich auch weiterhin meinen Fuß in die Videothek setzen.
Donnerstag, 10. Dezember 2009 16:04
Sehr schön geschrieben – wobei ich ebenfalls befürchte, die Institution Videothek wird über kurz oder lang verschwunden sein, und ich hoffe sehr, dass langfristig das gleiche Schicksal nicht auch den Kinos blüht. Das Internet ist halt sooo viel praktischer …
Donnerstag, 10. Dezember 2009 19:56
@tumulder
Scheiße, ich check einfach nicht, was du sagen willst.^^
Freitag, 11. Dezember 2009 16:15
Man, er will dir damit sagen, dass du noch näher auf den eingehen sollst, damit du endlich verstehst, was er dir mit zu teilen hat! Oder etwa nicht?
Freitag, 11. Dezember 2009 18:36
Ich steh auf´m Schlauch^^
Freitag, 18. Dezember 2009 1:38
Sorry, die Antwort auf deine Frage kommt ein wenig spät. Aber sie kommt.:D
Eine Militäreinheit in den Sümpfen von Louisiana, die dort eine Übung abhalten sollen, sich verirren und von Hinterwälder-Missgestalten angegriffen werden.
Das hört sich nach Walter Hills Southern Comfort an. Der ist jetzt nicht wirklich super, aber alles andere als langweilig.;)
Sonntag, 20. Dezember 2009 19:37
Meine recht gut sortierte Videothek hat zwei bestimmte Eigenschaften, die mich in regelmäßigen Abständen immer wieder hintreiben. Und das sind die Abteilungen der “Lieblingsfilme unserer Mitarbeiter”, sowie die Abteilung “besonderer Film”. Manchmal kommt es vor, dass so ein besagter Samstagabend oder ein Abend mit zumindest ähnlichem nostalgischem Charakter eintritt. Ich befinde mich nach dem Training oder Shoppen in der Innenstadt (wo auch die Videothek ist) und auf einmal habe ich das überraschende Bedürfnis mir einen guten Film anzusehen. Bevor ich nach Hause gehe, stolpere ich dann völlig planlos in den Laden und lese mich von einer Film-Hülle zur nächsten durch, bis ich glaube das Richtige gefunden zu haben.
Ich bin sehr dankbar für diesen Service, den ich weder auf Kino.to noch am DVD-Automaten bekomme.
Dienstag, 22. Dezember 2009 22:01
Ja Yoshimitsu!!! Videothek for the win!
Aber die Abteilung “Lieblingsfilme unserer Mitarbeiter” finde ich mal richtig geil