Beiträge vom Dezember, 2009

Essay: Die cineastischen Nuller-Jahre

Donnerstag, 31. Dezember 2009 0:05

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Es geht schon in Ordnung, wenn “Der Spiegel” die jetzt auslaufende Dekade als “verlorenes Jahrzehnt” bezeichnet. Zumindest in einem gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Sinn mag das durchaus zutreffen. Die Bestandsaufnahme der so genannten “Nuller-Jahre” ist indes in vielerlei Hinsicht kein erfreulicher Anblick und sie beweist, dass der Mensch nicht nur apathisch dabei zusieht, wie er vorsätzlich Fehler begeht, schlimmer noch, er lernt nicht dazu und begeht sie ein weiteres Mal. Die Weltwirtschaftskrise untermauert diese These gleich in mehrfacher Hinsicht. Während die Regierungen und Zentralbanken dieser Welt die geplatzten Finanzblasen zu schließen versuchen, indem sie die Märkte und Börsen mit Finanzspritzen, Konjunkturpaketen und Staatssubventionen versorgen, entsteht das oben beschriebene Paradoxon. Anstatt aus den Fehlern zu lernen, wächst die Gier nach Geld so wie sie zu Beginn der Weltwirtschaftskrise von der Gesellschaft verdammt wurde. Die Banker und Manager, die eigentlich aufgrund ihres Verschuldens die Verlierer der Krise sein sollten, zocken wieder maßlos, spekulieren, und sie werden sich abermals verschätzen. [...]

Thema: Essays | Kommentare (16) | Autor: Anthony

Retro: UNFORGIVEN (1992)

Dienstag, 29. Dezember 2009 1:48

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Mit den militärischen Interventionen der USA in Vietnam nahm das Vertrauen des amerikanischen Volkes in die eigene Regierung aufgrund von fragwürdigen politischen Entscheidungen ab. Das war gegen Ende der 1960er Jahre. Zur gleichen Zeit, sozusagen als cineastische Antwort auf diesen soziokulturellen Umstand, brach ausgerechnet ein Europäer mit den Konventionen eines Genres, das jahrzehntelang als Plattform für unreflektierten Patriotismus und romantische Heldengeschichten misshandelt wurde: der Western. Ein Genre, so amerikanisch wie die Geschichten, die es erzählt. Sergio Leone krempelte den klassischen Western um. Die traditionelle Gut-Böse-Charakterisierung wurde durch selbstgerechte Antihelden substituiert, die auf beiden Seiten des Gesetzes standen. Trotz des umgekehrten Verständnisses von heroischer Cowboy-Romantik besitzen die Anti-Western der 1960er Jahre im allgemeinen und die von Leone im speziellen eine wenig idealisierte Darstellung von Gerechtigkeit und Selbstjustiz. Clint Eastwood, die Galionsfigur der Anti-Western dieser Zeit und einstiger “Protegé” von Sergio Leone, kommentiert und analysiert mit seinem 1992 erschienenen Spät-Western Unforgiven die Verkörperung und Legitimierung gnadenloser Gewaltverbrechen, und arbeitet gleichzeitig einen kulturhistorischen Gender-Beitrag aus, der die gesellschaftliche Position der Frau zu Zeiten des wilden Westens kritisiert. Eastwoods veritables Statement ist als Abgesang des Italo-Westerns zu lesen, das den Mythos des romantischen Revolverhelden, des Cowboys als ur-amerikanische Traditionsfigur, entmystifiziert. William Munny, ein einst kaltblütiger Killer, skrupelloser Mörder, jetzt bescheidener, allein erziehender Vater, den Eastwood selber verkörpert, versteht Gewalt nicht als Gerechtigkeit, nicht als Mittel zum Zweck, sondern als subversiven Habitus, als Niederlage und Stigma. Und nicht nur aufgrund dessen gilt Eastwoods oscarprämiertes Meisterwerk als intelligenter Film über Amerika und den wilden Westen.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (1) | Autor: Anthony

Kino: AVATAR (2009)

Donnerstag, 24. Dezember 2009 0:52

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Vergessen wir die schon fast zum Mythos mutierte und breitgetretene Genesis von James Camerons propagierten Jahrzehntsfilm, vergessen wir den exaltierten Hype um den von vielen Seiten angepriesenen Überfilm, der durch den Einsatz neu entwickelter 3D-Kameras das Kino revolutionieren soll. Konzentrieren wir uns anstatt dessen auf das, was es zu besprechen gilt: Avatar, James Camerons erster Teil seiner (wahrscheinlichen) Science-Fiction-Trilogie.

Der griechischen Mythologie zufolge bricht mit dem Öffnen der Büchse der Pan- dora, der von Hephaistos auf Zeus Geheiß geschaffenen Frau, deren Erschaffung die Menschheit als Strafe für das von Prometheus gestohlene Feuer verstehen soll, alles “Schlechte” und Unheilvolle über die einst trostvolle Erde ein. Auch in Avatar wird die Unberührtheit und der Einklang, das Gleichgewicht und der Frieden mit sich selbst und der Natur ge- und zerstört. Es kommt also nicht von ungefähr, wenn James Cameron mit ungeschickter Holzhammersymbolik den Planeten der Na´vi (dreimetergroße, schlumpffarbene humanoide Eingeborene), der von den Menschen aus kapitalistischen und kolonialistischen Gründen annektiert wird, um an dessen unschätzbare Ressourcen zu gelangen, Pandora nennt, ein erdähnlicher Himmelskörper, dessen atemberaubende Flora fluoreszierende Blumen, riesige Mammutbäume, schwebende Gesteinsfelsen und einen mit einem biologisch-chemischen Netzwerk versehenen Dschungel bestaunen lässt. [...]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (17) | Autor: Anthony

Magic Moments: AMERICAN PSYCHO

Mittwoch, 23. Dezember 2009 16:00

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There’s this girl that’s been on my mind / All the time, Sussudio oh oh
Now she don’t even know my name / But I think she likes me just the same
Sussudio oh oh

Do you like Phil Collins? I’ve been a big Genesis fan ever since the release of their 1980 album, Duke. Before that, I really didn’t understand any of their work. Too artsy, too intellectual. It was on Duke where Phil Collins’ presence became more apparent. I think Invisible Touch was the group’s undisputed masterpiece. It’s an epic meditation on intangibility. At the same time, it deepens and enriches the meaning of the preceding three albums. Christy, take off your robe. Listen to the brilliant ensemble playing of Banks, Collins and Rutherford. You can practically hear every nuance of every instrument. Sabrina, remove your dress. In terms of lyrical craftsmanship, the sheer songwriting, this album hits a new peak of professionalism. Sabrina, why don’t you, uh, dance a little. Take the lyrics to Land of Confusion. In this song, Phil Collins addresses the problems of abusive political authority. In Too Deep is the most moving pop song of the 1980s, about monogamy and commitment. The song is extremely uplifting. Their lyrics are as positive and affirmative as anything I’ve heard in rock. Christy, get down on your knees so Sabrina can see your asshole. Phil Collins’ solo career seems to be more commercial and therefore more satisfying, in a narrower way. Especially songs like In the Air Tonight and Against All Odds. Sabrina, don’t just stare at it, eat it. But I also think Phil Collins works best within the confines of the group, than as a solo artist, and I stress the word artist. This is Sussudio, a great, great song, a personal favorite.

- Christian Bale alias Patrick Bateman in Mary Harrons American Psycho

Thema: Zitate | Kommentare (3) | Autor: Anthony

Essay: YOU ARE NOT WELCOME

Montag, 21. Dezember 2009 21:27

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Das Kino versteht den Extraterrestrischen, den Außerirdischen, mit wenigen Ausnahmen, von denen Steven Spielbergs „E.T.“ die bekannteste ist, zumeist als fremdartige Bedrohung, als Weltenvernichter, Menschheitszerstörer oder feindseligen Imperialisten. Spielbergs Alien-Film über den wohl menschlichsten aller Außerirdischen verkehrte das Alien-Mensch-Verständnis ins Gegenteil: Nicht der weit gereiste Unbekannte verkörpert das personifizierte Böse, das Unheil in Gestalt von experimentiergeilen Wissenschaftlern geht von den Menschen aus. Am Ende dieses 80er-Jahre-Genreklassikers ist alles wieder in Ordnung: E.T. kehrt nach Hause zurück und verschwindet. Ein guter Gastgeber scheint der Mensch also nicht zu sein. Das hat unter anderem folgenden Grund: Nicht selten musste der Alien als Allegorie herhalten, als Sinnbild für den amerikanischen Feind. Während des Kalten Krieges hieß dieser Russland. Ein Angriff aus dem All, das bedeutete nichts anderes als ein Präventivschlag der Kommunisten. [...]

Thema: Essays | Kommentare (18) | Autor: Anthony

Review: G.I. JOE: THE RISE…

Mittwoch, 16. Dezember 2009 19:05

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… of Cobra (2009)

Schon seit Jahren arbeitete man an einer Kinoadaption der in den USA beliebten, in Europa eher unbekannten Spielzeugserie „G.I. Joe“ um eine gleichnamige militant-militärische US-Spezialeinheit. Das Projekt nahm zu Beginn dieses Jahrzehnts konkrete Züge an, geriet mit den kriegerischen Interventionen der USA in Irak allerdings ins Stocken, weil der Zeitpunkt einer Filmveröffentlichung mit dem Titel „G.I. Joe“ (zumeist eine abwertende Bezeichnung für einen G.I., einen amerikanischen Soldaten) schlechter nicht sein konnte. Erst mit dem erfolgreichen Einspielergebnis des ersten „Transformers“-Films sollte die Produktion so schnell wie möglich vorangetrieben werden. Die Paramount und der Spielzeughersteller Hasbro kollaborieren demnach zum zweiten Mal miteinander (das Sequel zu Bays maßloser Zerstörungsorgie ausgenommen). Und zum zweiten Mal erweißt sich diese Zusammenarbeit zwar als äußerst wirtschaftlich, künstlerisch hingegen entsteht ein mehr als nur bescheidenes Stück Film. Ohnehin gleichen sich die einfältigen, effekthascherischen Intentionen der „Transformers“-Werke und die des „G.I. Joe“-Films: Es geht um Militär-Explosions-Action, heiße Miezen in engen Outfits und infantilem Destruktionswahnsinn. Das pathetische und konstruierte Drehbuch klappert obendrein alle Genreklischees ab: Vom geldgeilen Planetenterroristen bis hin zur scheinbar unbesiegbaren Supergeheimtruppe, die im Verborgenen selbstlos gegen die Feinde dieser Welt reagiert. Ursache und Plotbeschleuniger ist, wie auch bei den „Transformers“, ein klassischer MacGuffin: Ein Waffenhändler verkauft vier auf der Nanotechnologie basierende hoch gefährliche Raketensprengköpfe an die NATO und die US-Armee, und versucht dabei beide Parteien gegeneinander auszuspielen. Die Konventionen des Genres sind also schnell erreicht, wenn einmal mehr die Guten gegen die Bösen antreten, um Schlimmeres zu verhindern. Für die Michael Bay-Fans unter uns mag das ja schwer unterhaltsam sein, der Rest sollte um diesen impertinenten, auf Werbeclipästhetik getrimmten und Zielgruppengerichteten Massenverblödungsfilm einen großen Bogen machen.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (0) | Autor: Anthony

Retro: ARMY OF DARKNESS (1992)

Donnerstag, 10. Dezember 2009 22:04

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Mit dem atmosphärisch dichten Psycho-Horror aus dem gleichnamigen ersten Film von Sam Raimis „Evil Dead“-Trilogie hat der humorvollere aus der Fortsetzung nicht mehr viel gemein. Der schräge Horror des dritten und somit letzten Teils schon gar nicht. Dieser evidente und beabsichtigte Stilbruch vom minimalistischen, ernsten Gruselschocker zu den amüsanten und komödiantischen Fortsetzungen machte die Franchise erst zum Kult. Und Bruce Campbell als schlagfertigen und abgedrehten Kreaturen- und Zombiekiller Ash zum beliebten Anti-Helden und Genre-Star. [...]

Thema: Filmkritiken | Kommentare (3) | Autor: Anthony

Gastbeitrag: VIDEOTHEKEN-WAHNSINN

Mittwoch, 9. Dezember 2009 0:30

Der treue Intermoviession-Leser alb1no über das Chaos “Videothek”, seltsame, dünne Hüllen und den Wahnsinn der Chipsregale.

„Was hast du gestern gemacht?“ „Hab mir nen Film ausgeliehen.“ Diese Antwort auf die Frage nach der abendlichen Beschäftigung ist in den letzten Jahren immer seltener geworden. Um den Grund dafür zu finden und dem “Rätsel” auf die Spur zu kommen, müssen wir uns an einen altehrwürdigen Ort begeben, der für viele schon fast in Vergessenheit geraten ist. Ich spreche von der Videothek! Jener Laden, der einen Samstagabend retten, oder schlimmstenfalls verderben kann. Ich möchte hier meine kleine Geschichte, der Videothek als Ort der Hoffnung, der Verzweiflung und vielleicht auch der Kuriositäten, erzählen und hoffe, euch das ein oder andere Schmunzeln abzuringen. Das alles natürlich mit freundlicher Genehmigung meines Freundes und unser aller Kaiser Soze persönlich. [...]

Thema: Gastbeiträge | Kommentare (13) | Autor: Anthony

Kino: PARANORMAL ACTIVITY (2007)

Dienstag, 1. Dezember 2009 12:38

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Man kommt eigentlich nicht um die Entstehungsgeschichte herum, wenn man den Low-Low-Budget-Streifen Paranormal Activity von Oren Peli bespricht. Dabei ist die Genesis des in semi-subjektiven Kameraeinstellungen und mit minimalsten Produktionsmitteln gedrehten Gruselschockers samt spiraler Marketingkampagne à la Cloverfield schon jetzt größer, als es der Film selbst sein könnte. Ohnehin scheint das 2.0-Phänomen der Youtube-Generation einen enttäuschenden Eindruck zu hinterlassen, weil die durch die breit angelegte Internetcommercial erzeugte Erwartungshaltung des Publikums bisher nie wirklich erfüllt werden konnte. Paranormal Activity ist da nicht die Ausnahme. Vielleicht ist Pelis Film – wenn man so etwas überhaupt Film nennen darf – unter den 2.0-Filmen der reaktionärste, weil er das, was einen richtigen Film definiert und ausmacht, vorsätzlich ignoriert, um Authentizität mithilfe von amateurhaften Aufnahmen zu generieren. Er reduziert die Möglichkeiten des Kinos sozusagen auf ein Minimum. Mit einem richtigen Film hat das nicht mehr viel gemein. Selbst wenn man sich auf Pelis kaum erträgliche Farce einlässt, auf die Geschichte von Katie und Micah also, die in ihrem Haus in San Diego paranormale Aktivitäten beobachten und mit einer Videokamera festhalten, möchte man vor Langeweile die Augen schließen und das Land der Träume betreten. Bis es nämlich gruselig wird, bis Oren Peli mal endlich einen Schockmoment raushaut, bis sich mal endlich so etwas wie eine dichte Atmosphäre entwickelt, ist der Film schon fast zu Ende.

Thema: Kurzreviews | Kommentare (2) | Autor: Anthony