Serie: DEXTER Season 2

Diese Review enthält Spoiler!
Die Definition eines Superhelden assoziiert einen solchen stets mit der Kraft des guten Willens. Ein vorbildlicher Beschützer der Gesellschaft vor kriminellen Ma- chenschaften sozusagen. Die Überschreitung illegitimer Grenzen und das positiv konnotierte Image eines „Saubermanns mit reiner Weste“ vertragen sich dennoch kaum, weil der Superheld, wenn er seine altruistischen Ziele realisieren will, nicht anders kann als eben jene Schwelle zwischen Legitimität und Selbstjustiz zu übertreten. Diese Prämisse ist insofern eine komplexe Moralfrage, als dass sie die Toleranz und Verantwortungsübertragung der Gesellschaft dem Superhelden gegenüber voraussetzt. Und selbst dann muss der Gute zumindest kurzfristig zum Bösen werden, indem er beispielsweise juristische Gesetzesentscheidungen ig- noriert, um erfolgreich die Gesellschaft vor kriminellen Einflüssen beschützen zu können. Dieser unversöhnliche Gegensatz, diese Dualität also, und die nur schwer auszumachende Grenze zwischen „gut“ und „böse“ führen zu einer unvermeid- baren Ambivalenz.
Bei Dexter ist diese Ambivalenz mehr noch ausgeprägt als, sagen wir, bei Batman. Während Batman das Ziel der Verbrechensbekämpfung und somit das der gesellschaftlichen Harmonie verfolgt, befriedigt Dexter zuvorderst seinen Drang zu töten. Sicherlich kommt Batmans Selbstlosigkeit nicht von ungefähr; seine sich selbst auferlegte Berufung ist seine persönliche Nemesis, seine persönliche Rache gegenüber der Kriminalität, die Batmans Eltern zu Opfern machte. Für Dexter hingegen spielen Rache und Kriminalitätsbeseitigung keine Rolle. Vielmehr ist er an seiner eigenen Katharsis interessiert. Seelische Läuterung hervorgerufen durch tödliche Rituale. Er differenziert sich von Batman also hinsichtlich seiner Intentionen. Während die „Fledermaus“ gezielt auch die Gesellschaft vor Unheil bewahren will, ist die von Dexter hervorgerufene Beseitigung mordender Sozio- pathen lediglich ein für das gesellschaftliche Gemeinwohl sinnvoller Nebeneffekt. Die Ambivalenz Dexters rührt also weniger aus der Übertretung und völligen Missachtung legitimer Grenzen als viel mehr aus der Tatsache, dass Dexter auch dann seinem inneren Drang nachgeben und somit töten würde, wenn er, nehmen wir diese utopische Gesellschaftsform mal an, aufgrund vollständig beseitigter Kriminalität auf unschuldige Menschen zurückgreifen müsste.
Die Unterschiede zu seinen Opfern sind also schwindend gering, wenn nicht sogar kaum vorhanden. Er tötet zwar nicht willkürlich, sondern ausschließlich diejenigen, die seiner Ansicht nach den Tod verdient haben und deren Schuld er im vornherein zweifelsfrei bewiesen hat. Und dennoch polarisiert die Frage, die auch und vor allem in der zweiten Staffel gestellt wird, ob Dexter, weil er ja Miami „säubert“, nun ein Superheld ist, oder aber selbst ein aufgrund seines Kind- heitstraumas psychisch gestörter Großkrimineller, dessen gründliche Opferse- lektion Rechtfertigung genug für seine Selbstjustiz zu sein scheint. Eine eindeutige Kategorisierung scheint demnach unmöglich. Trotz seiner objektiven und differenzierten Sichtweise seiner Taten gegenüber, ist nur schwer erkennbar, inwieweit Dexter überhaupt in der Verfassung ist über Recht und Unrecht zu urteilen. Als Identifikationsfigur will Dexter also nur schwer funktionieren, was den Zuschauer stets davon abhält, ihm zu viel Sympathie zu kommen zu lassen. Diese trotz allem vorhandene Zuschauer-Sympathie ihm gegenüber ist insofern nachzuvollziehen als dass sie dem Resultat seines „Gespielten Ichs“, seiner legalen Verbrecherjagd als Blutforensiker und der Einhaltung seiner Prinzipien (Harrys Kodex) geschuldet ist.
In der zweiten Staffel intensiviert sich diese Beziehung, weil Dexter mehr Iden- tifikationsfläche gewährt. Er durchlebt ungeahnt eine Midlife Crisis, die den sonst so entscheidungstreffsicheren Soziopathen verunsichert. Dexter geht auf die Suche nach seiner Identität, nach seinen verborgenen Sehnsüchten, sich vielleicht doch in die Gesellschaft einzugliedern, ein „normales“ Leben zu führen mit Rita und den Kindern. Die ihm durch Rita verordnete Drogentherapie – Dexter lügt Rita an, er nehme Drogen, um die Wahrheit über seine viel schlimmere „Sucht“ zu verschleiern – veranlasst ihn tatsächlich seine Sucht in den Griff zu bekommen: Er lernt seine Betreuerin Lila kennen, die, und das ist neu für Dexter, hinter seine Maske blicken kann. Sie sieht das Monster, und dennoch fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Sie tut ihm scheinbar gut, vorerst zumindest, denn Lila entpuppt sich sukzessive als besitzergreifende Irre. Als ihn Rita wegen seiner Affäre mit ihr verlässt, keimen in ihm Gefühle auf, die ihm bisher fremd waren: Sehnsucht, Sühne und Schuld. Er besitzt also doch ein Gewissen. Erkenntnisse, die ein- schneidende Auswirkungen auf Dexters Doppelleben haben: Er wird abgelenkt und unvorsichtig. Sein Drang zu töten verschwindet. Im Gegenzug verliert er allerdings mit Rita einen für ihn sehr wichtigen Menschen, der gleichzeitig auch als einzige gesellschaftliche Konstante zu verstehen ist.
Viel größere Probleme verursacht seine durch die Midlife Crisis evozierte Unauf- merksamkeit: Per Zufall finden Taucher die von Dexter entsorgten Leichensäcke auf dem Meeresgrund. Aufgrund der Tragweite der Funde schickt das FBI Ermittler nach Miami, die angeführt von Agent Lundy das dortige Dezernat, in dem Dexter als Blutforensiker arbeitet, und den so genannten „Bay Harbour Metzger“-Fall leiten. Dexter arbeitet demnach ironischerweise auf seine eigene Festnahme hin. Das bedeutet: Keine Fehler machen. Und das fällt ihm angesichts seiner derzeitigen Situation nur all zu schwer. Mit Agent Lundy, der ausgerechnet mit seiner Schwester Debra, als Polizisten ebenfalls im Dezernat beschäftigt, anbändelt, erhält Dexter zudem einen, wenn man so will, smarten und ehr- geizigen Widersacher. Zu allem Übel kommt ihm auch noch Seargant Doakes in die Quere, der schon lange auf der Suche ist nach Dexters dunklem Geheimnis. Er verfolgt ihn auf Schritt und Tritt, stellt ihm nach, und durchstöbert sogar sein Appartement, bis ihm Dexters Mordtrophäen, seine mit Bluttropfen besetzten Objektträger, in die Hände fallen. Infolge der erdrückenden Beweislast, die ihn direkt auf den elektrischen Stuhl schicken würde, besinnt sich Dexter seiner Grundprinzipien, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wie der Zufall es will, gilt plötzlich Doakes als Hauptverdächtiger im Bay-Harbour-Metzger-Fall und Dexter ist aus dem Schneider.
Die Metamorphose vom soziopathischen Serienkiller zum bürgerlichen Normalo scheitert, weil Dexters erlebtes Kindheitstrauma eine irreparable Psychose ver- ursachte, deren negativer psychologischer Einfluss unumstritten ist. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma, aus diesem Teufelskreis bleibt demnach die Selbstinhaftierung. Als Dexter die Wahrheit über den Tod seines Adoptivvaters Harry herausfindet, will er seinem Leben als Killer abrupt ein Ende setzten: Harrys Ableben ist keinem natürlichen Tod geschuldet. Er brachte sich selbst um, als er erkannte, was für ein Monster er mit Dexter erschaffen hat. Der Schleier ist gefallen. Dexters Suche nach seiner Identität beendet. Sein Schicksal besiegelt. Und eine Resignation kaum noch aufzuhalten, sollte Dexter mit dem Stigma eines psycho- und soziopathischen und scheinbar gesellschaftsunfähigen Killer nicht weiterleben können. Am Ende tötet Dexter wieder, weil er zu verstehen glaubt, dass seine Schwester Debra, Rita und die Kinder ihn dringender brauchen als er sich selbst. Vielleicht hat sich Dexter doch weiterentwickelt. Das Monster hat ein Gewissen bekommen.















Samstag, 14. November 2009 16:37
Fand die 2. Staffel baut im Vergleich zur ersten merklich ab, das Konzept wirkt inzwischen (auch über die 3. und 4. Staffel gesehen) etwas ausgereizt, sodass Höhepunkte nur gelegentlich gesetzt werden können. Zwar immer noch gute Serienunterhaltung, aber die Begeisterung wie in der ersten Staffel nimmt ab.
Samstag, 14. November 2009 17:25
Die Spannung der ersten Staffel mag die zweite tatsächlich nicht erreichen. Dafür aber führt sie das psychoanalytische Rätsel um Dexter weiter und entwickelt seinen Charakter. Außerdem macht diese Staffel deutlich, dass Dexter sein Wesen (so gut wie) nicht ändern kann. Ohnehin finde ich, dass die Serie vor allem durch ihre Studie und Psychoanalyse und die damit verbundenen Moral- und Selbstjustizfragen gewinnt. Mich hat sie ein zweites Mal begeistert.