Retro: THE UNTOUCHABLES (1987)

Der klassische Kampf zwischen Gut und Böse ist ebenso ein Kampf des Kinos, der schon unzählige Male ausgetragen wurde. Verlieren heißt hier nicht selten Ster- ben. Das Western-Genre trieb dieses tödliche Oppositionsspielchen auf ihre Spitze. Die Fronten waren geklärt, die Grenzen definiert und wer nicht schnell genug zieht, der stirbt. Sergio Leone sprengte diese Grenzen. Das Todesspiel blieb dasselbe. Die Regeln unverändert. Nur die konventionelle Schwarz-Weiß- Dramaturgie, sprich das Gut-Gegen-Böse-Spielchen, ersetzte man gegen kom- plexe Beziehungsgeflechte, in der klar definierte Helden und Bösewichte kaum oder gar nicht auszumachen sind.
Rein formal liest sich Brian De Palmas The Untouchables wie ein konventionell strukturierter Westernfilm. Ein Großstadtwestern mit Elementen und Inhalten aus dem Mafia-Genre sozusagen, dessen Faszination sich aus den klar definierten Charakteren und dem dadurch evozierten Spannungsverhältnis ergibt. Es gibt hier nur die ganz Guten, die Unbestechlichen angeführt von Schatzamt-Agent Elliot Ness (Kevin Costner), und die ganz Bösen, Al Capone (Robert De Niro), das personifizierte Synonym für organisiertes Verbrechen, und seine kriminelle Ge- folgschaft. Die Chicagoer Polizei als korrupte, bestechliche Pseudo-Instanz steht dabei auf der Seite Capones, die ihn deckt, Informationen verheimlicht und eigene Leute verkauft.
Im Chicago der beginnenden 1930er Jahre herrscht aufgrund der anhaltenden Prohibition und dem damit blühenden und illegalen Alkoholschmuggel eine hohe Verbrecherrate, für die sich vor allem Al Capone als Drahtzieher einer orga- nisierten Verbrecherbande verantwortlich zeichnet. Genau genommen ist Capone, der im Angesicht der Presse immer einen flotten Spruch auf Lager hat, der inoffizielle Bürgermeister der Metropole. Und weil dieser ein unüberschaubares kriminelles Netzwerk aufgebaut hat, ist ihm nur schwer der Prozess zu machen. Der Schatzamt-Agent Elliot Ness wird genau für diesen Fall nach Chicago rekrutiert. Trotz seiner unerschütterlichen Ambitionen stellt dieser schnell fest, dass er in dieser „kaputten“ und von Banden regierten Großstadt keinem und vor allem nicht seinen Polizeikollegen trauen kann.
Mithilfe des vielleicht einzigen ehrlichen Polizisten der Stadt, Jim Malone (Sean Connery), stellt Ness eine vierköpfige Truppe zusammen, die vom temperament- vollen Polizeianwärter George Stone (Andy Garcia), dessen eigentlicher Name Giuseppe ist und der als bester Schütze seiner Klasse gilt, und dem ebenfalls vom Schatzamt nach Chicago rekrutierten Buchprüfer Oscar Wallace, ein Brilletra- gendes Hemd von einem Mann, der Capone wegen Steuerhinterziehung dran kriegen will, komplettiert.
Ihren ersten großen Erfolg verbuchen „die Unbestechlichen“ an der kanadischen Grenze: Dank des Tipps eines korrupten Polizisten gelingt es ihnen, einen für Capone bestimmten Transporter voller Whiskey-Fässer in ihren Besitz zu bringen und einen der Gangster lebendig in Gewahrsam zu nehmen: In aller Western-Manier reiten die vier mit Gewehren im Anschlag auf die an der Brücke zur amerikanischen Grenze stehenden Gangstern hin, während diese von einem Hinterhalt der kanadischen „Mounties“ überrascht wird. Ein Shoot´em up, wie er aus einem Spaghetti-Western hätte stammen können. Ness, der Malone den Schwur geleistet hat, bis ans Äußerste der legalen Möglichkeiten zu gehen, um Capone hinter Gittern zu bringen, muss erstmals tödlichen Gebrauch von einer Schusswaffe machen. In dieser subversiven Welt muss selbst der Gute Böses tun, um Böses zu vernichten. Ein eigentlich wichtiges Thema, das David Mamets Dreh- buch nur oberflächlich aufgreift.
Ohnehin lässt De Palma keinen Zweifel daran, wer Held und wer Bösewicht ist. Während Elliot Ness als liebevoller und fürsorglicher Familienvater, der Leben erhalten will, gezeichnet wird, zeigt vor allem eine Szene, dass Al Capone, von De Niro mit stets herunter gezogener Lippe gespielt, das personifizierte Böse und Unheilbringer Chicagos ist: Bei einem Treffen mit seiner „Familie“, alle sitzen sich an einem großen, runden Tisch gegenüber, schlendert Capone Reden schwingend und mit einem Baseballschläger in den Händen hinter seinen Männern um den Tisch. Er predigt von Teamgeist, und hin und wieder pausiert er dabei hinter einem der Gangster. Man wartet nur darauf, dass Capone zuschlägt. Und tat- sächlich drischt er auf einen seiner Männer, von dem er sich verraten fühlt, hemmungslos und mit überraschender Brutalität ein. Der Unterschied könnte nicht größer sein: Ness erschafft und erhält Leben, Capone zerstört es.
Mehr haben Mamet und De Palma über Capone allerdings nicht zu erzählen. Einer der größten Mafioso aller Zeiten bleibt stets austauschbar und universell, wie die Stadt, in der der Film spielt. Gleiches könnte man auch über den historischen Kontext behaupten, der den Film einrahmt. Die Prohibition wird nicht weiter erläutert, nur kurz in der Eingangssequenz eingeführt. Der Ursprung dieser, die Idee dahinter und die nicht erreichten politischen Ziele werden ignoriert. Eine solche Geschichte über Moral und Korruption, über Gesetz und Verbrechen, über Gut und Böse lässt sich nahezu in jedes Jahrzehnt und jede Metropole über- tragen. The Untouchables wirkt nie abgedroschen oder ideenlos, neue Erkennt- nisse oder Perspektiven eröffnet er allerdings auch nicht.
De Palma geht ambitioniert zu Werke, wenn er mit jeder denkbaren Ausstat- tungsnote die amerikanischen 1930er Jahre wiederbelebt und sie mit Ennio Morricones zeitgenössischer Musik greifbar macht. Das ist schon großes Kino, das erstaunt und Spaß macht, insofern man oben genannte Makel übersieht. Ohnehin inszeniert De Palma so gut wie nie zuvor, wenn er beispielsweise Suspense wie sein Vorbild Hitchcock zu generieren versteht. Die berühmte „Treppen-Szene“ gegen Ende des Films, ein Zitat an Eisensteins Panzerkreuz Potemkin, veran- schaulicht De Palmas famoses Handwerk nur zu allzu gut. Inhalt und Form kommen allerdings nie überein. The Untouchables als puristischen Mafiafilm zu deklarieren wäre insofern vermessen, als dass er vielmehr Gangsterfilm- und Westernelemente miteinander kombiniert. Über die Mafia, über das organisierte Verbrechen, über die Funktionen und Denkweisen dieses kriminellen Systems schweigt sich der Film aus. Das ist angesichts seines Potentials schade.










Anmerkung: Die seit diesem Oktober erhältliche Blu-ray-Version überzeugt mit großzügigem Bonusmaterial und in Anbetracht des Erscheinungsjahres ausge- zeichneter Bildqualität.





Montag, 12. Oktober 2009 20:09
Würde ich ad hoc besser einstufen, was aber hinsichtlich der Tatsache, dass ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen habe nicht allzu viel heißt. Definitiv aber einer der besseren De Palmas.