Filmanalyse: RESERVOIR DOGS (1992)

Mit einer zum Kult erklärten Eröffnungsszene beginnt Quentin Tarantinos Regie- debüt und Independent-Klassiker Reservoir Dogs: In einem Restaurant essen acht Männer zu Frühstück. Sechs von ihnen tragen einen schwarzen Anzug und benutzen Decknamen. Während die Kamera um die Männer kreist, philosophieren diese, unter anderem, über Madonnas „Like a Virgin“-Song und den Sinn von Trinkgeldern.
Diese dialogreiche Pre-Title-Sequenz ist exemplarisch für die Vorgehensweise Tarantinos und, wie sich gegen Ende herausstellen wird, in ihrer Intention die Charaktereigenschaften und Verhaltensmuster der Figuren zu verdeutlichen ebenso gelungen wie zwiespältig. Ohnehin ist Tarantino aufgrund des dialogreichen Verlaufs des Films sichtlich um die Charakterzeichnung seiner Figuren bemüht.
Schon in der Eröffnungsszene, in der Tarantino die Eigenschaften seiner Figuren umschreibt, macht er unmissverständlich deutlich: Diese Männer sind bereit, entschlossen. Für alles. Und ganz besonders für den anstehenden Juwelen-Coup. Wenn die von Boss Joe (Lawrence Tierney) zusammengestellte Crew zu „Little Green Bag“ von der George Baker Selection aus dem Restaurant und „an die Arbeit“ geht, dann impliziert das eine vielleicht gewollte Coolness, die sich zweifelsohne auf die Figuren überträgt. Bis zu diesem Zeitpunkt gehört die Sympathie des Zuschauers also noch den „Reservoir Dogs“. Das wird sich, bis auf eine Ausnahme, auch nicht ändern. Das Ende, dazu kommen wir später noch, relativiert diesen Umstand zwar geschickt, allerdings nur zu einem Bruchteil.
Von nun an reproduziert der Zuschauer anhand der Dialoge und Rückblenden den Verlauf des schief gegangenen Coups. Die nicht-lineare Narration erinnert dabei stark an Stanley Kubricks Heist-Movie The Killing, von dem sich Tarantino sicherlich hat inspirieren lassen. Die Fabrikhalle, in der sich die Jungs nach Beendigung des Coups treffen (sollen) und in der der Film die meiste Zeit spielt, ist der gegenwärtige Ausgangspunkt der Geschichte.
Nach der Restaurant-Szene sehen wir Mr. White (Harvey Keitel) und Mr. Orange (Tim Roth) in einem Auto, scheinbar auf der Flucht. Mr. Orange wurde angeschossen und liegt beunruhigt und ängstlich und voller Blut auf dem Rücksitz, während Mr. White fährt und diesen zu beruhigen versucht. Sie schaffen es bis zur Fabrikhalle und treffen dort auf Mr. Pink (Steve Buscemi).
Während Mr. Orange um sein Leben kämpft, analysieren Mr. White und Mr. Pink, der die Juwelen aus Sicherheitsgründen versteckt hat, den gescheiterten Überfall. Aufgrund der zu schnellen Polizeipräsenz vermuten die beiden einen Verräter in den eigenen Reihen. Und auch das soziopathische Verhalten von Mr. Blonde (Michael Madsen), der willkürlich Zivilpersonen erschossen hat, gibt Anlass zur Erregung. Jetzt heißt es, nicht in Panik zu geraten und professionell zu bleiben. Jeder könnte der Verräter sein. Und dementsprechend wächst das Misstrauen, steht Aussage gegen Aussage.
In Rückblenden erzählt Tarantino von der Vorbereitung des Coups. Wie Mr. White und Mr. Blonde zum Initiator Joe stehen, welches Verhältnis sie zueinander pflegen. Und wie sie zu ihren ungewöhnlichen Decknamen gekommen sind. Tarantino überrascht also mehrmals die Erwartungshaltung des Zuschauers, vor allem dann, wenn er sich der Inszenierung des Coups, also des eigentlichen Herzstücks eines Heist-Movies, verweigert.
Ohnehin geht es Tarantino, der unentwegt zitiert und verweist, nicht um das Verbrechen per se, es geht ihm um Verrat und um die Konsequenzen des Verrats. Bei Tarantino wird dieser Moralbruch mit dem Tod bestraft. Er begeht also nicht den Kardinalsfehler, der in diesem Genre schnell begangen wird: Seine Protagonisten „siegen“ nicht, sie verlieren. Und zwar ihr Leben. Ausgerechnet der rassistische Mr. Pink bleibt schlussendlich am Leben, schnappt sich die Beute und zieht von dannen. Doch auch er verliert und wird von der Polizei festgenommen.
Vielleicht das größte Problem des ansonsten durchaus gelungenen Films ist die Charakterzeichnung zu Beginn. Die „Reservoir Dogs“ sind cool, sind sympathisch, sind gesellig. Und machen in ihren schwarzen Anzügen auch einen durch und durch seriösen Eindruck. Tarantino lädt die Figuren derart mit Coolness auf, das es schwer fällt, sie trotz ihrer kriminellen Energie und ihrer skrupellosen Brutalität nicht zu mögen.
Folgende Szene(n) veranschaulicht/en diese Diskrepanz: Mr. White, der zu Mr. Orange ein fast schon väterliches Verhältnis aufbaut und, indem er ihm seinen Vornamen verrät, eine der Regeln bricht, gerät mit Mr. Pink in einen Konflikt. Sie streiten sich und plötzlich richten sie ihre Waffen auf den jeweils anderen. Bevor die Situation eskaliert, taucht Mr. Blonde am Treffpunkt auf. Der, der vorher wie ein Wilder um sich geschossen, und sich ganz und gar nicht professionell verhalten hat, steht seelenruhig und mit Trinkbecher an einem Stützpfeiler angelehnt.
Die Blicke von Mr. White und Mr. Orange richten sich auf Mr. Blonde, der sich eine gewaltige Standpauke anhören muss. Der entgegnet den beiden, und vor allem Mr. White, aber nur mit respektlosen Sprüchen. Und abermals steht die Situation kurz vor der Eskalation, da bittet Mr. Blonde die beiden zu seinem Auto. Er öffnet den Kofferraum und siehe da, ein Polizist liegt geknebelt drin.

Sie zerren ihn aus dem Wagen, schleifen ihn in die Halle und verpassen ihm daraufhin erst mal was ins Gesicht. Gewalt als scheinbar einziges Mittel zum Zweck. Sie versuchen, die Wahrheit aus ihm zu prügeln, schließlich könnte er den Verräter identifizieren. Als der „nette Eddie“ (Chris Penn) auftaucht, Joes Sohn, sich über die Lage informiert und mitgeteilt bekommt, dass Mr. Brown (Quentin Tarantino) während der Flucht bereits erschossen und Mr. Orange angeschossen wurde, macht er sich mit Mr. White und Mr. Pink nach draußen. Sie fahren die vor der Halle parkenden Autos weg und besorgen Mr. Orange einen Arzt.
Mr. Blonde ist indes mit dem ohnmächtig gewordenen Mr. Orange und dem gefesselten Polizisten alleine. Bisher „hat der Bulle noch nicht sein Maul aufgemacht“. Dem soziopathischen Mr. Blonde ist es gleichgültig, ob er etwas weiß, meint er, er foltere ihn so oder so. Was folgt, ist die umstrittenste Szene im Film, der nicht wenige Gewaltverherrlichung vorwerfen:
Mr. Blonde zerschneidet dem jungen Polizisten das Gesicht, ehe er ihm ein Ohr abtrennt. Ganz im Gegenteil allerdings zu den Vorwürfen, Tarantino glorifiziere Gewalt, steckt diese Szene nur die Sympathien ab, die eindeutig bei dem Polizisten liegen. Während Mr. Blonde des Polizisten rechtes Ohr entfernt, schaut die Kamera in eine gänzlich andere Richtung, was die oben genannten Vorwürfe negiert.
Kurz bevor Mr. Blonde den mit Benzin überschütteten Bullen in Brand setzen kann, wird er vom wieder geistesanwesenden Mr. Orange erschossen. Der Verräter ist enthüllt. In Rückblenden erzählt Tarantino die polizeiliche Infiltrierung von und durch Mr. Orange, die ganze vierundzwanzig Minuten Filmlaufzeit beansprucht, wie eine Geschichte in der Geschichte daherkommt und, angesichts der Redundanz und Länge, keine oder kaum eine Daseinsberechtigung besitzt.
Als „der nette Eddie“, Mr. White, Mr. Pink und daraufhin Joe die Fabrikhalle betreten, stellen sie Mr. Orange zur Sprache. Schließlich war Mr. Blonde ein guter und loyaler Freund von Eddie und Joe. Als die Lügengeschichte von Mr. Orange nach hinten losgeht, werden die Pistolen aufeinander gerichtet: Eddie zielt auf Mr. White, Mr. White auf Joe, Joe auf Mr. Orange. Ähnlich wie der berühmte Stand-Off in Sergio Leones The Good, The Bad and The Ugly stehen sie sich gegenüber. Als Joe anfängt zu schießen, feuern auch die anderen beiden ab. Jeder trifft tödlich. Nur Mr. White überlebt mit argen Verletzungen. Als er sich zu Mr. Orange hinüber quält – von draußen her hört man schon die sich formierende Polizei – gesteht ihm der fast schon verblutete Mr. Orange, dass er der Verräter ist.
Diese ethisch und moralisch einwandfreie Wahrheitsbekundung empfindet der Zuschauer nichtsdestotrotz als Moral- und Misstrauensbruch. Unter anderem, weil Mr. White ihm vertraut, ihn nicht rücksichtslos zurückgelassen, sondern ihn „gerettet“ hat. Der Verrat an den eigenen Leuten wird nicht geduldet. Am Ende scheint der Spitzel, der Kämpfer für´s Gute “der Böse” zu sein. Zumindest aus der Sicht von Mr. White und aus der des Zuschauers. Die durch die “Ohrszene” evozierte Anti-Sympathie, die zwar auf Mr. Blonde im besonderen, aber auch auf die Verbrecherbande im allgemeinen gemünzt ist, verliert mit der Abschlussszene nahezu ihre Bedeutung, weil die Definition von gut und böse umgekehrt wurde. Diese erneute Umkehrung mag die Fanboys nicht weiter stören, Tarantinos ansonsten stark inszeniertem Filmchen schadet sie dennoch.















Dienstag, 6. Oktober 2009 19:42
Das stört nicht nur die “Fanboys” nicht, sondern auch mich nicht. Denn:
Das stimmt ja so nicht. Kurz nachdem Mr. Pink türmt und Mr. Orange beichtet sind im Hintergrund Schüsse und Sprachfetzen zu vernehmen, die eindeutig darauf hinweisen das Mr. Pink verhaftet wird. Er kommt also wohl nicht davon und Tarantino bleibt konsequent.
Das empfinde ich überhaupt nicht so. Ich sehe es eher als absolutes Zeichen eines Ehrverständnis, das Mr. Orange dazu veranlasst sich Mr. White zu offenbaren (weil der sich im Vorfeld für Mr. Orange aufgeopfert hat). Mr. Orange hat also das Gefühl Mr. White seine Beichte zu schulden. Das macht ihm aber mit Sicherheit nicht zum “Bösen” – auch nicht in der Wahrnehmung des Zuschauers. Das hat damit imho nichts damit zu tun.
Dienstag, 6. Oktober 2009 19:53
Wenn dem so ist, werde ich das ändern. Ist mir beim Schauen tatsächlich nicht aufgefallen.
Zu deinem anderen Statement:
Nun ja, ob Beichte hin oder her, ich lese diese Szene eben wie von mir oben geschrieben.
Wenn ich nicht auf dem Sprung wär, würd ich noch ein, zwei Sätze schreiben. Also später mehr dazu.
Dienstag, 6. Oktober 2009 22:54
So, jetzt hab ich Zeit, auch was zu schreiben.
Also, ich sehe die Endszene deshalb so, wie ich es oben geschrieben habe, und nicht wie du als “Beichte”, weil Mr. Orange ja ohnehin so gut wie weiß, dass er sterben wird. Ob er jetzt noch nen Kopfschuss von Mr. White erhält oder elendig an seiner Bauchverletzung stirbt, ist, so denke ich, ihm in diesem Moment gleichgültig. Deshalb besitzt diese “Beichte” für mich weniger etwas Ehrenvolles als viel mehr einen Verratscharakter an “seinen” eigenen Leuten und ganz bewusst an dem Menschen, der ihm das Leben, mehr oder weniger, gerettet hat und ohnehin die ganze Zeit zu beschützen versucht.
Und weil RD ja auch über die Regeln in solch einer Bande erzählt, die übrigens strengstens einzuhalten sind (laut Film), dann bricht Mr. Orange gegen Ende diesen jenen Ehrenkodex.
Aber trotzdem: Ich schreibe ja auch, dass RD ein stark inszenierter Film ist, hebe seine Stärken hervor. Und erwähne, dass diese Umkehrung dem Film schadet. Wenn die Eröffnungsszene, und vor allem der Gang raus aus dem Restaurant nicht mit dieser konnotierten Coolness überzogen wäre bzw. wenn es diese Umkehrung in diesem nicht gäbe, hätte RD vllt. einen Punkt mehr erhalten. Vielleicht genauso schlimm/schlecht finde ich die Rückblenden von Mr. Orange und die durchaus frühzeitige Enttarnung des Spitzels. Ich denke, Tarantino hat hier bewusst gegen die Erwartungshaltung entschieden. Ob das den Film besser macht oder nicht, sei mal dahingestellt, aber ich persönlich finde die letzte halbe Stunde eher schwach, ganz besonders, wie bereits erwähnt, die Orange-Rückblenden.
Mittwoch, 7. Oktober 2009 0:21
Ach, mir ist ja die Punkte-Anzahl völlig wurst.
Nichts desto trotz finde ich deine Argumentatuion in den ersten beiden Absätzen deines Kommentats nach wie vor nicht überzeugend. Aber natürlich bin ich der Ansicht das jeder den Film interpretieren kann wie er möchte. Ich bin ja nicht Tarantino. Der würde dir nämlich glatt attestieren den Film nicht verstanden zu haben:
Quelle: http://www.imdb.com/title/tt0105236/faq#.2.1.5
Mittwoch, 7. Oktober 2009 0:36
Sehr interessant. Ich habe Mr. Oranges “Beichte” auch nie als Verrat betrachtet, sondern eher als Vertrauensbeweis in Mr. White, wobei natürlich auch die Verzweiflung eine Rolle spielt. Immerhin liegt Orange im Sterben. Die frühzeitige Offenlegung Oranges als Polizeispitzel wird dagegen öfters kritisiert, und wenn man RD als Rashomon Referenz betrachtet, ist die Kritik sicherlich auch nicht verkehrt. Von der anderen Seite aus betrachtet gewinnt Mr. Whites Fürsorge für Mr. Orange dadurch aber vor allem an tragische Relevanz, da der Zuschauer weiß, daß er gerade seinen Henker rettet. So sehe ich es jedenfalls.
Mittwoch, 7. Oktober 2009 17:23
Meine Sympathien lagen bis zum Schluss bei Mr. Orange und Mr. Pink. Bei Mr. Orange, weil er – wenn man so will – der Held der Geschichte ist (die Rückblenden finde ich hierbei keineswegs störend) und bei Pink weniger wegen der Figur, sondern wegen Buscemi. Ich sympathisiere immer mit Buscemi, der Mann ist Schauspielgold. Selbst in CON AIR hab ich mit ihm sympathisiert. Von daher kommt mir selbst der Film hier auch zu schlecht weg, aber deine Kritik ist nachvollziehbar, berücksichtigt man dein Verständnis der Darstellung von Gut und Böse (s. Review & Diskussion zu OCEAN’S 11).
Mittwoch, 7. Oktober 2009 17:54
@Flo
Bin diesmal ja ganz vernünftig bei dir weggekommen
Buscemi ist in der Tat ein toller und (abgesehen von seinen Rollen) ein sympathischer Schauspieler. Und dennoch: Mr. Pink ist nach Mr. Blonde imho der unsympatischste Charakter in RD. Zum einen ist er ein mit rassistischen Sprüchen um sich werfender Kerl, zum anderen, wenn man seine Einstellung und Argumentation in der Eröffnungsszene in Betracht zieht, auch ein eher a-sozialer Geselle.
Donnerstag, 1. März 2012 1:09
Habt ihr den Film denn garnicht verstanden?
Es geht darum, das verschiedene starke Persönlichkeiten gezwungenermaßen zusammensein müssen, wegen ihrer Arbeit. Jeder dieser Personen hat seine eigenen Prinzipien und am Ende gewinnt nur Mr Pink, ja er gewinnt, denn er stirbt nicht, weil er der einzige ist, dem diese vertretung seiner Prinzipien um jeden Preis nicht Vordergründig tangieren. Viel mehr möchte er heil aus der Sache rauskommen. Rassistisch ist er auch nicht, er ist ehrlich und wie ich finde sozial am intelligentesten. Natürlich kommt er nicht so cool rüber wie beispielsweise Mr. Blonde, aber dass ist die Botschaft des Films.
Nämlich, dass es nicht darauf ankommt, auf Teufelkommraus den Alpha Hund zu spielen, der niemals zurückweicht oder nachgibt, sondern es kommt darauf an, Situationen richtig einzuschätzen und auch mal nachzugeben wenn nötig.
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man eine ganze Filmkritik schreiben kann ohne einmal auf den eigentlichen Sinn des Films einzugehen und ihn dann am Ende sogar noch schlecht zu reden. Es ist ein Meisterwerk.