Kino: INGLOURIOUS BASTERDS (2009)

In vielerlei Hinsicht erweist sich Quentin Tarantinos neues Werk Inglourious Basterds als bedeutend für die deutsche Filmlandschaft und den Umgang mit der “schwarzen” Geschichte Deutschlands. Nicht etwa, weil Tarantino plötzlich seriös, im Sinne von ernsthaft oder gar erwachsen, geworden wäre, oder weil man davon ausgehen dürfe, weil er ja so eng mit der hiesigen Filmindustrie arbeite, er behandle die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs objektiver als es die cineastischen Entschuldigungen deutscher “Anti- kriegsfilme” überhaupt könnten. Tarantino gibt der deutschen Filmindustrie im Allgemeinen - sein Kriegsfilm wurde unter anderem von der Produktionsfirma Zehnte Babelsberg Film, ein Tochterunternehmen der Studio Babelsberg AG, finanziert - und einigen großen deutschen und österreichischen Schauspielern im Besonderen die Eventualität, fast schon unverschämt schlagfertig mit den Weltkriegsgräuel der Nazi-Deutschen abzurechnen. Denn Inglourious Basterds ist alles andere als ein politisch korrekter, gewschweige denn historisch exakter Antikriegsfilm.
Tarantino hatte nie einen konventionellen Kriegsfilm im Sinn. Von vornherein war er sich sicher, die Deutsche Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes in eine pulpige Rachefantasie umzuschreiben, die historische Gegebenheiten mit non- fiktionalen Einfällen, grotesken Ideen und zahlreichen Reminiszenzen an die Filmgeschichte zu einem cinephilen Konglomerat vermischt. Bereits das Italo- western-ähnliche Intro mit Italowestern-Musik erinnert an die Genrefilme von Sergio Leone und deutet zweifelsohne auf Tarantinos Intention hin, einen Kriegsfilm zu inszenieren, der Form und Struktur eines Italowesterns besitzt. Das mag zu erst einmal ein wenig verwirrend klingen, allerdings kennt man Tarantinos Faible, verschiedene Stile miteinander zu kreuzen. Inglourious Basterds besitzt dementsprechend auch diesen typischen Pulp-Charakter - allein die formalistische Darstellung der SS-Soldaten und ganz besonders von Goebbels und Hitler - und einen unverkennbaren comic relief-Einschlag, dessen comicbuchhafte Züge vor allem in den exaltierten Gewaltszenen und den pointierten Dialogen zum Tragen kommen.

Kapitel 1: Es war einmal… im von den Nazis besetzten Frankreich
1941. Frankreich. Nancy. Hans Landa (Christoph Waltz), SS-Offizier, auch genannt der “Judenjäger”, besucht den Hof des Milchbauern Perrier LaPadite (Denis Menochet). LaPadite lebt mit seinen Töchtern auf einem kleinen zwischen grünen Feldern und weiten Bergen gelegenen Land. Landa ist auf der Suche nach der jüdischen Familie Dreyfus, die nach der deutschen Besetzung Frankreichs ver- schwunden ist. Sein unaufdringlicher Besuch ist in Wirklichkeit eine Inspektion. Landa vermutet das Versteck der Dreyfus´ auf LaPadites Hof. Landa gibt LaPadite deutlich zu erkennen: Das Versteck der jüdischen Familie muss hier sein. Er solle sie ihm ausliefern, dann verschone er auch seine eigene Familie. LaPadite stimmt unweigerlich zu. Landa lässt von seinen Soldaten auf den Fußboden der Hütte, unter dem sich das Versteck der Dreyfus´ befindet, schießen. Nur eine Tochter der Familie, blutverschmiert und in Panik, rettet sich rennend davon.
Kapitel 2: Inglourious Basterds
Eine amerikanisch-jüdische Soldateneinheit unter der Führung des von Indianern abstammenden Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt) wird hinter den feindlichen Linien Frankreichs abgesetzt, um Nazis zu töten. Aldo Raine, der die Einheit zusam- mengestellt hat, fordert, so wie es bei seinen Vorfahren zu Kriegszeiten üblich war, so viele feindliche Nazi-Skalps wie nur möglich. In aller Guerillamanier dezimieren sie sukzessive das deutsche Heer. Um sich dem Feind bemerkbar zu machen und um Schrecken in dessen Reihen zu verbreiten, lassen sie einige deutsche Soldaten laufen, schlitzen diesen allerdings als direkte Botschaft an Hitler (Martin Wuttke) und als Stigma-Erinnerung ein Hakenkreuz auf die Stirn.
Kapitel 3: Deutsche Nacht in Paris
1944. Frankreich. Paris. Die überlebende Tochter der Dreyfus´ Shosanna (Mélanie Laurent) betreibt unter dem Decknamen Emmanuelle Mimieux ein kleines Kino in der französischen Hauptstadt. Ausgerechnet Frederick Zoller (Daniel Brühl), der aufsteigende Stern des deutschen Heers, interessiert sich für das Nischenkino und ganz besonders für Shosanna. Nationalen Ruhm erlangte Zoller, nachdem er 250 feindliche Soldaten mit seinem Scharfschützengewehr von einem Glockenturm aus erledigte. Goebbels, unter dessen Fittiche er sich befindet, verfilmte dessen “Helden- tat” im Propagandafilm Stolz der Nation, bei dem Zoller sich selbst spielt, und der in Paris uraufgeführt werden soll. Und zwar in Shosannas Kino, weil Zoller Goebbels dazu überredete, die Uraufführung in ihr Lichtspielhaus zu verlegen. Als sie erfährt, dass Hans Landa der “Judenjäger”, der Mörder ihrer Familie, während der Veranstaltung für die Sicherheit verantwortlich sein wird, beschließt sie mit ihrem dunkelhäutigen Liebhaber Marcel, das Kino in die Luft zu jagen. Und zwar just, wenn alle Nazischergen anwesend sind.
Kapitel 4: Operation Kino
Das Kino soll in die Luft gejagt werden. Das ist nicht nur Shosannas Plan, sondern auch unabhängig davon der von den Basterds, einem us-amerikanischen Lieutenant namens Hicox (Michael Fassbender) und der deutschen Schau- spielerin/Agentin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger). Auch sie wollen Hitler und seine Nazis auf einen Streich in die Hölle schicken. Im Keller einer urigen französischen Taverne versuchen sie, Hammersmark, Hicox und zwei der deutschen Basterds, den Todesplan zu schmieden, ehe ihnen ein deutscher Major in Quere kommt und die Basterds, zur Tarnung eine SS-Uniform tragend, als Gegenspieler enttarnt. Es kommt zur Schießerei. Hicox und die beiden Basterds werden erschossen. Hammermark überlebt mit einer Schussverletzung am Bein. Ein neuer Plan muss her: Nun sollen Raine, Donowitz (Eli Roth) und Ulmer (Omar Doom) als italienischer Filmstab Hammersmark auf die Kinoveranstaltung begleiten. Das Problem: Hans Landa entlarvt unterdessen Hammersmark als Agentin.
Kapitel 5: Die Rache des Riesengesichts
Die Vorführung und somit der Anschlag auf die Nazis steht kurz bevor. Während Shosanna die letzten Vorbereitungen trifft, laufen Hammersmark und der “italienische Filmstab” in die mit Nazi-Dekor beschmückte Vorhalle des Kinos ein. Die Farce der Basterds scheint glaubwürdig. Nur Landa ist misstrauisch und hält Hammersmark und Raine - die anderen beiden Basterds nehmen unterdessen ihre Sitzplätze ein - fest. In einem Nebenzimmer erwürgt er die enttarnte Agentin und lässt Raine verhaften, allerdings unterbreitet er ihm ein Angebot: Weil Landa aufgrund der Landung der Alliierten in der Normandie mit dem Kriegsende rechnet, fordert er folgendes: Amnestie für seine begangenen Kriegsverbrechen und eine materielle wie finanzielle Entschädigung. Er lasse ihm im Gegenzug freie Hand bei der Durchführung des Attentats. Die Parteien sind sich einig. Landa, dieser sonst so gewitzte Pragmatiker, erwartet allerdings ein anderes Schicksal, nämlich das des gebrandmarkten Nazis, als das ihm versprochene. Das Schicksal der Nazis hingegen nimmt seinen geplanten Lauf: Das Kino fliegt in die Luft, Hitler wird erschossen, die “Operation Kino” ist geglückt, obgleich Shosanna ihr Leben lässt. Eine Rachegeschichte geht zu Ende.

Tarantino hat also zweifelsohne einen aufgrund seines frechen Umgangs mit der sensiblen Thematik umstrittenen Zweite Weltkriegsfilm im Italowesterngewand gedreht, in dem das geschieht, was Tarantino so vorschwebt. Er ist schließlich der Gott seiner und demzufolge auch der Deutschen Geschichte, die er, das Kino macht es möglich, nach Belieben umschreibt, ergänzt, parodiert. Tarantino schlägt allerdings einen derart comichaften Ton an, dass man ihm die Banalisierung der Nazi-Gräuel nur schwer unterstellen mag.
Wo Sergio Leone, übrigens Tarantinos Lieblingsregisseur, den er bereits schon im “Kill Bill”-Zweiteiler zur genüge zitiert, einst das Europäische in ein ur-amerika- nisches Genre, nämlich den Western, einbrachte, so bringt Tarantino im Umkehr- schluss das Amerikanische in die europäische, oder besser: in die Deutsche Geschichte ein.
Trotz unzähliger Reminiszenzen an den deutschen Film der 40er Jahre, an das damalige Propaganda-Kino von Leni Riefenstahl ausgehend von Propa- ganda-Minister Goebbels, an Enzo G. Castellaris Kriegsfilm Inglorious Bastards - mit der intendierten Verbalhornung des Titels entfernte sich Tarantino von diesem Quasivorbild, das ihm nur als formaler Ausgangspunkt diente, oder aber dies soll zeigen, was sich ein Tarantino alles erlauben kann; eine ziemlich interessante Frage auch hinsichtlich des Themas des Films - und den zahlreichen Anspielungen, einmal querbeet durch alle Filmjahrzehnte und -genres, zitiert sich Tarantino am liebsten immer noch selbst. Oder anders gesagt: Er bleibt einigen “seiner” narrativen Erzählformen und -inhalten treu, wenn er etwa die skrupellose Jagd nach Nazi-Skalps in eine konventionelle Rachege- schichte verstrickt, oder etwa, wenn er seine Geschichte in Kapitel aufsplittert und erzählt, um die einzelnen Episoden und die darin enthaltenen Figuren am Ende und im letzten der fünf Kapitel wieder zusammenzuführen, ähnlich wie in Pulp Fiction.

Tarantino stimmt ohnehin einen comichaften, einen durch und durch tragisch-komischen Grundton an. Man fragt sich demnach bei all den formalistischen Charakterdarstellungen (und -einführungen: Hugo Stiglitz!), der fanatischen Detailbesessenheit, dem eruptiven Gewalteinsatz und der augenzwinkernden Abhandlung eines mehr als sensiblen Themas, ob man lachen, staunen oder gefasst sein soll. Wenn Tarantino beispielsweise seine in SS-Uniform kostümierten Rächer in eine urige, französische Kneipe voller “echter” SS-Soldaten beim Trink- und “Wer-bin-ich”-Ratespiel schickt, um diese dann von einem nüchternen SS-Offizier entlarven zu lassen, und gewiss, Tarantino lässt sich für solche Situationen Zeit, bis sich seine Dialoge entladen, und es dann zu einer heftigen und aufgrund des maßlosen Gewaltpegels seltsam komischen Schießerei kommt, ist man als Zuschauer nur schwer davon abzuhalten, vor lauter einschlagender Pistolensalven nicht zu schmunzeln, wenn nicht sogar laut loszulachen.
Hinter Inglourious Basterds scheint allerdings ein wenig mehr zu stecken, als das reine Vergnügen die “dunkle Historie Deutschlands” und den europäischen Fa- schismus in eine “pulpige” Rachefantasie im Italowesterngewand zu sublimieren. Alleine die deutsche Finanzierungs- und Schauspielerbeteiligung (überragend übrigens, wenn auch kein deutscher, sondern ein österreichischer Akteur: Christoph Waltz als fieser SS-Standartenführer Hans Landa; Martin Wuttke als überreizter Hitler stiehlt selbst Bruno Ganz die Show) deutet daraufhin, dass man erstmals unverblümt und fast nüchtern jene unangenehme Historie reflektieren und verarbeiten kann, die man mit teutonischen Pseudo-Rechtfertigungsfilmen bisher zu entschuldigen versuchte. Schade eigentlich, dass es erst eines Regi- sseurs wie Quentin Tarantino bedarf, um so an die eigene Geschichte heran- gehen zu können. Oder zu dürfen.















Montag, 24. August 2009 20:05
Der wird mir bestimmt auch ganz gut gefallen.^^
Montag, 24. August 2009 20:33
Das wird ja immer besser. Alles was ich bisher über den Film gelesen habe, verdrängt meine Zweifel. Selbst die nicht so ganz wohlwollend ausgefallenen Reviews.^^
Montag, 24. August 2009 21:23
Leute: ANSCHAUEN, ANSCHAUEN, ANSCHAUEN