DVD: PANS LABYRINTH (2006)

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Diese Review enthält Spoiler!

Kaum ein anderer Regisseur verstrickt Illusion und „filmische Realität“ so gekonnt wie Guillermo del Toro: In Pans Labyrinth verbindet der mexikanische Filmemacher das grauenhafte Nachwirken der franquistischen Repression während des Spa- nischen Bürgerkriegs mit der gleichermaßen erschreckenden Fantasiewelt eines zwölfjährigen Mädchens.

Die kleine Ofelia zieht vorübergehend mit ihrer schwangeren Mutter Carmen in die Berge Nordspaniens. Dort macht Ofelias Schwiegervater und Carmens frisch vermählter Ehemann, Hauptmann Vidal, ein Wahrzeichen des Franquismus und der personifizierte Faschismus, erbarmungslose Jagd auf die letzten Partisanen und Guerillakämpfer des Spanischen Bürgerkriegs. Um dem familiären und krie- gerischen Gräuel zu entziehen, flieht Ofelia in eine von ihr erfundene Märchen- welt, in der ihr ein Pan, ein Fabelwesen, offenbart, dass sie die Inkarnation einer Prinzessin sei, sie aber erst drei Prüfungen bestehen müsse, ehe sie in die Magische Welt, die von ihrem Vater, dem König, regiert wird, zurückkehren darf.

Ofelias Realitätsflucht darf nicht als klassischer Eskapismus verstanden werden. Ihre Imagination einer mythischen, irrationalen Märchenwelt voller Anomalien und Analogien nämlich ist der gedankliche und innere Realitäts-Entwurf eines ver- antwortungsbewussten Mädchens. Sie zieht sich nicht in eine fantastierte Märchenwelt zurück, um ihren familiären und gesellschaftlichen Anforderungen zu entkommen, sie entzieht sich lediglich der vom Faschismus diktierten Wirklichkeit, um den Verpflichtungen ihrer Mutter gegenüber gerecht zu werden. Ihr kindlicher Eskapismus beseitigt nicht den Schmerz, den ihre Mutter durch die Komplikationen der Schwangerschaft erleidet, er ignoriert nicht die Strenge und Kälte ihres Stiefvaters, nein, er konfrontiert sie, vielleicht sogar noch mehr als die Realität, mit den Grausamkeiten ihres eigenen Lebens.

Und Ofelia stellt sich ihnen, diesen Grausamkeiten und den Prüfungen des Pans gleichermaßen, weil sie es in der reellen Welt nicht kann, weil Krankheit und Faschismus, weil Dunkelheit und Brutalität ihr unschuldiges Kinderleben über- schatten. In ihrer Vorstellungskraft ist sie diesem Druck allerdings gewachsen, ist sie im Stande, selbst dem Hauptmann zu entkommen, der sich ihr in ihrer zweiten und vorletzten Prüfung in unheimlicher Monstergestalt in den Weg zu stellen versucht.

Selbst am Ende, als Ofelia ihre letzte Prüfung besteht, weil sie ihren neuge- borenen Bruder vor einer verzehrten Ideologie und einem machtbesessenen Profilneurotiker rettet, und aufgrund dessen durch die Hand des Hauptmanns erschossen wird, lassen sich Illusion und Realität nur schwer voneinander trennen: Während sie in der Wirklichkeit stirbt, wird sie in einer anderen, in ihrer märchenhaften Imagination als Prinzessin wiedergeboren und mit ihren Eltern, ihrer bei der Geburt verstorbenen Mutter und ihrem im Krieg gefallenen Vater, als Königsfamilie über die Magische Welt wiedervereint… so endet Guillermo del Toros veritables Meisterstück Pans Labyrinth.

★★★★★★★★★½

Autor: Kaiser_Soze
Datum: Montag, 27. Juli 2009 21:12
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8 Kommentare

  1. 1

    Hast du neulich auf arte den (leider sehr kurzen) Bericht über del Toro gesehen? (es war wohl inenrhalb einer tracks Sendung).
    Jetzt wissen wir ja, was für einen der weg hat: Als vierjähriger Knirps einen abgetrennten Kopf gefunden…

    Ja, krasser Film. Ganz schön heftig (die Folter-Szenen)… Der Rest ist absolut wunderschön und bizarr… Einer meiner liebsten Filme neben The Cell und The Fall.

  2. 2

    Fast vergessen, irgendwie musste ich bei dem Film nacher an WILD PALMS denken, wegen der Realitätsveschiebungen und der Flucht in die Fantasie…

  3. 3

    Nein, den Bericht habe ich leider nicht gesehen. Klingt allerdings interessant.

    Wild Palms kenn ich nicht. THE FALL dagegen schon, der mir übrigens sehr gefallen hat.

  4. 4

    Oh Mann, Wild Palms würde ich so gerne noch einmal sehen. War eine Science Fiction Miniserie, die von Oliver Stone produziert wurde. Taxidermia ist ein sehr außergewöhnlicher Film, für den man sich vielleicht ein wenig tiefer mit der Vergangenheitsbewältigung ehemaliger Warschauer Pakt Staaten auseinandersetzen müßte. Der Mittelteil hat mir jedenfalls sehr gut gefallen, da er auf wirklich subtiler Art und Weise die Ausnutzung des Sportlers durch das politische System auf’s Korn nimmt. Anfang und Ende waren mir dann doch zu kryptisch. Lohnt aber in jedem Fall.

  5. 5

    WILD PALMS ist absolutes MUSSS. Gibt es aber nicht auf Duetsch auf DVD / VHS, nur in den einschl. Tauschforen als TV RIP, und dass sehr selten.

    Die engl. Version kannst du bei Amazon kaufen. Aber die Slangs sind heftig, ich empfehle die deutsche Version!

  6. 6

    Ich dachte früher immer WildPalms sei von David Lynch. Ist absolut ähnlich wie Twin Peaks (Stimmung, Bilder, Suggestionen, Motive, etc).

  7. 7

    […] del Toro die Identitätsfragen, die der Film hin und wieder stellt, zur Nebensache. Das macht der Pans Labyrinth-Regisseur aller- dings so unprätentiös, dass man ihm das keineswegs vorhalten möchte. Vielmehr […]

  8. 8

    […] Kaum ein anderer Regisseur verstrickt Illusion und „filmische Realität“ so gekonnt wie Guillermo del Toro: In Pans Labyrinth verbindet der mexikanische Filmemacher das grauenhafte Nachwirken der franquistischen Repression während und nach des Spanischen Bürgerkriegs mit der gleichermaßen erschreckenden Märchenwelt eines zwölfjährigen Mädchens. […] […]

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