American Zoetrope: The Foundation…

… of an American Independent Filmlabel
Das eskapistische Kino der 1950er Jahre war nicht mehr en vogue. Mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung, Reifung und nationalen Verbreitung des Fernsehens erhielt Hollywood obendrein auch noch starke Konkurrenz aus dem heimischen Wohnzimmer. Und weil der so genannte Hays Code mit all seinen strengen Richtlinien und Konventionen, die US-amerikanische Spielfilme auf ihre moralische, sexuelle und gewaltverherrlichende Darstellung hin untersuchte und gegebenenfalls zensierte, die Kreativität und Künstlerfreiheit vehement ein- schränkte und das von den “Big Five” propagierte und jahrzehntelange ange- wandte Studio- und Starsystem aufgrund eines oft vermissten politischen oder gesellschaftskritischen Subtextes ohnehin nicht mehr funktionierte, war die Konsequenz kaum besetzter Kinosäle keine große Überraschung gewesen.
Das klassische Hollywoodkino erreichte seinen Tiefpunkt. Mit dem Versuch, sein Publikum mit aufwendigen und teuren Monumentalfilmen und Musicals zurückzugewinnen, scheiterte man. Hollywood wurde alt. Die großen Regisseure wurden alt. Die einstigen Stars der Majorlabels starben. “Die goldene Ära” brach zusammen. Die Krise war perfekt. Und die Zeit dazu gekommen, jungen, talentierten Regisseuren die Möglichkeit zu geben, eine “Revolution” einzuleiten. Das war zu Beginn der 1960er Jahre. Die Erkenntnis, dass das vorherrschende System nicht mehr funktionierte, ja, seinen Zenit erreicht hatte, sorgte für einschneidende und filmhistorisch wichtige Veränderungen. Die sogenannte “New Hollywood”-Ära löste das klassische Hollywoodkino.

Hollywood in den 1950er Jahren
Vieles könnte man jetzt über “New Hollywood” erzählen, über das moderne hollywoodsche Kino also. Wie es das Studiosystem ablöste, künstlerische Ambitionen hervorrief, wie es traditionelle Elemente, Inhalte und Muster dekonstruierte und/oder politische und gesellschaftsrelevante Themen behandelte, wie man also erstmals einen wirklichen Bezug zur Realität herstellte, der nicht von eskapistischen Bedürfnissen gesteuert wurde. Man könnte auf den Einfluss der Filmgeschichte eingehen, wie sehr “New Hollywood” die Art des Filmemachens veränderte. Oder aber wie es gelang, den Zeitgeist der Swinging Sixties, das weltweite, durch die Kubakrise und den Vietnamkrieg hervorgerufene, politische Gesellschaftsdenken und die gleichzeitige Sehnsucht nach Freiheit einzufangen. Doch all das soll hier nicht das angestrebte Thema sein.
Die “Big Five”, die fünf großen US-amerikanischen Filmgesellschaften also, die in Hollywood jahrzehntelang eine Oligopolstellung geniesten, verloren sukzessive die Kontrolle und Machtposition in der “Traumfabrik”. Das mitunter einflussreichste Studio Warner Bros. wurde zu Beginn der “Revolution” ausgerechnet von Seven Arts aufgekauft, einer Fernsehgesellschaft. Nach einer gefühlten Ewigkeit, seit weit mehr als vierzig Jahren, räumte der Mogul und einer der Warner Bros.-Gründer Jack Warner sein Büro. Und genau an diesem Tag sollte ein Filmstudent namens George Lucas bei der frisch fusionierten Produktionsgesellschaft eintreffen. Sein visionärer Science-Fiction-Kurzfilm THX 1138: 4HB gewann beim nationalen Studentenfilmfestival den Preis als Bester Spielfilm, was Lucas das ehrwürdige Samuel-Warner-Stipendium einbrachte.

Francis Ford Coppola: Während der Dreharbeiten zu “Finian´s Rainbow”
Der einzige Film, den Warner seinerzeit produzierte, war das uraufgeführte Broadway-Musical Finian´s Rainbow. Regie führte Francis Ford Coppola, der aufgrund seines schnellen Aufstiegs im Filmgeschäft unter Filmstudenten als Quasi-Legende verehrte wurde. Lucas blieb keine andere Wahl, als sich in irgendeiner Form an dieser Verfilmung zu beteiligen. Er lernte Coppola kennen. Von vornherein sympathisierten die beiden, unter anderem weil sie am Set mit Abstand die jüngsten waren. Sie verstanden sich in vielerlei Hinsicht, vor allem, weil Lucas von Coppola lernte. Coppola drängte seinen fast gleichaltrigen “Schützling” zum Schreiben. Denn nur dann würde dieser zu einem guten Regisseur reifen.
1968 arbeiteten sie gemeinsam an dem von Warner produzierten Roadmovie The Rain People, der von Dennis Hoppers “Amerika-Film” Easy Rider überschattet werden sollte. Während Coppola Regie führte, drehte Lucas einen Dokumentarfilm über die Dreharbeiten und verfeinerte so unter anderem seine Schnitttechnik. Noch während der Dreharbeiten verhandelte Coppola mit Warner über weitere gemeinsame Filmproduktionen. Vor allem für die Langspielfilmfassung von Lucas´ erfolgreichem Kurzfilm THX 1138: 4HB setzte er sich ein. Warner willigte mit der Bedingung ein, kein finanzielles Risiko eingehen zu wollen: Wenn den Studio-Verantwortlichen, unter anderem Ted Ashley, der Endschnitt nicht gefallen sollte, so müssten die beiden dem Major Label die Vorauszahlungen zurückerstatten.

Unterkühlt und beklemmend: George Lucas´ “THX 1138″
Noch während der Drehvorbereitungen beschlossen Coppola und Lucas, ihr eigenes unabhängiges Filmstudio abseits von Hollywood zu gründen. “American Zoetrope” sollte es heißen, das für junge, talentierte und experimentierfreudige Filmschaffende gedachte Independentlabel. Coppola besichtigte schließlich relativ unbekannte Filmsitze in Deutschland und Dänemark, ehe er in der Folsom Street in San Francisco ein leer stehendes Lagerhaus kaufte. Keine Ideallösung, dachte sich Coppola, doch für einen weiteren Umzug ging beiden das Geld aus. Denn Ted Ashley, mit dem Coppola über die oben genannten Produktionskontrakte verhandelte, missfiel die Endfassung von THX 1138, weil sie ihm nicht kommerziell verwertbar erschien.
Eine heute durchaus bekannte, zu damaligen Zeiten eher unwahrscheinliche Konsequenz folgte. Warner entriss Regisseur Lucas und Produzent Coppola die Produktion und engagierte einen externen Cutter namens Rudi Fehr für den Schnitt. Warner verfiel dem eigenen Stigma, noch immer “sichere”, massentaugliche und familienfreundliche, also gut vermarktbare Filme zu produzieren. Lucas beklemmende Sci-Fi-Dystopie entsprach also so gar nicht den Vorstellungen des Labels. Ashley widerrief die mit Coppola geplanten Projekte von Apocalypse Now und The Conversation, die beide später von “American Zoetrope” mitproduziert wurden. Wie im Kontrakt verzeichnet, mussten Lucas und Coppola die gesamten Herstellkosten von THX 1138 zurückbezahlen.
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Links: American Zoetrope Hauptsitz in San Francisco. Rechts: American Zoetrope Firmenlogo
Die Verärgerung des konservativen Lucas und des temperamentvollen Coppola war dementsprechend groß. Sie distanzierten sich weitestgehend von Warner, was Ted Ashley spätestens nach Star Wars und aller spätestens nach Raiders of the Lost Ark arg bereute. Die fast zwei Jahrzehnte später folgende Entschuldigung von Ashley änderte wenig an der schlechten Beziehung zwischen den beiden Filmproduktionsgesellschaften. Coppola und Lucas produzierten ihre Filme von nun an selbst, vor allem und unter anderem mit dem Major Label Paramount Pictures (The Godfather Trilogy). Noch heute gilt American Zoetrope als unabhängige und experimentierfreudige Filmoase.





Freitag, 3. Juli 2009 7:45
Eine schöne Zusammenfassung!
DVD-Tipps dazu wären die Doku “Easy Riders, Raging Bulls”, die Doku auf der Bonus-DVD von “THX 1138″, sowie “Der Pate” und – eingeschränkt – “Star Wars”.
Ein tolles Thema über eine Zeit im Umbruch, welches auch zeigt, dass Lucas durchaus nicht schon immer der Antifilmemacher war, als der er heute gerne dargestellt wird.
Freitag, 3. Juli 2009 14:23
Endet ja ziemlich abrupt. Dachte da kommt noch mehr, z.B. von den Höhen und Tiefen (z.B. One from the Heart) des Studios.
Freitag, 3. Juli 2009 16:10
Leider nicht. Vor allem aus Zeitgründen endet der Beitrag, dessen Titel ich eben noch angepasst habe, so. Außerdem, auch wieder zurückzuführen auf zeitliche Gründe, ergaben meine Recherchen über den weiteren Verlauf des Studios wenig bis nichts.
Kannst ja gerne die Chronik des Studios schildern. Wir wissen ja alle, was du fürn Recherche-Freak bist.