Retro: WILD AT HEART (1990)

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Die Filme von David Lynch, möchte man sagen, sind keine Filme, deren Stärke Subtilität ist. Entfremdete Perspektiven, unwahrscheinliche Absurditäten und mysteriöse Gestalten evozieren einen traumähnlichen, oder besser, alptraumähnlichen, gar psychedelischen Sinneszustand, der von einer Katastrophe ausgelöst wird und (fast) immer in einer Katastrophe endet. David Lynch versucht, den Wahnsinn, die Verzweiflung, die Resignation der Menschen, von denen seine Filme erzählen, mit surreal wirkenden Photographien zu visualisieren. “Erzählen” ist in diesem Zusammenhang nicht das richtige Wort, weil einem immer das Gefühl beschleicht, dass Lynch seine Figuren nicht kennt, dass seine subversiven Charaktere ein Produkt seiner Menschenwahrnehmung ist. Kenne man nur den Regisseur, nicht jedoch den Menschen Lynch, wäre man der Versuchung nahe zu sagen, er wäre misanthropisch, weil die meisten Menschen in den meisten seiner Filme etwas verloren haben, sei es die Hoffnung, sei es der Verstand, oder aber sie werden Teil einer düsteren Welt, von der sie sich zu distanzieren versuchen. Wenn David Lynch also eine Geschichte über die amour fou von Lula und Sailor erzählt, über die Flucht eines jungen Liebespaares vor einer “kranken” Welt, dann bleibt diese Geschichte nie nur eine Liebesgeschichte, nie nur ein Road Movie, weil Lynchs Filme einem chiffrierten Code unterworfen sind, dem, so scheint es, Lynch mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem eigentlichen Plot selbst. Wild at Heart, der deutlich erkennbare Parallelen zu Victor Flemings The Wizard of Oz besitzt, ist ostentatives, lnycheskes Alptraumkino, das absichtlich kompliziert erzählt wird, indem es dem Zuschauer Erläuterungen zu ohnehin schon schillernden Figuren und scheinbar sinnfreien Nebenhandlungssträngen (beispielsweise die Erzählung Lulas über ihren verschwundenen Cousin Dell) verweigert und nachdrücklich mit Symbolen und Metaphern um sich wirft (hier: die Farbe Rot als ambiges Symbol der Liebe, des Feuers und des Blutes), um ein schemenhaftes Konglomerat zu generieren. David Lynchs Affinität für das Geheimnisvolle, Unverständliche, Mysteriöse wird ihm abermals zum Verhängnis.

Autor: Anthony
Datum: Dienstag, 9. Juni 2009 1:24
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5 Kommentare

  1. 1

    David Lynchs Affinität für Geheimnisvolles, Unverständ- liches, Mysteriöses wird ihm abermals zum Verhängnis.

    Hehe, Lynch wird das mit Sicherheit nicht zum Verhängnis. Höchstens dir, oder jedem anderen Zuschauer (mich eingschlossen), der durch das “Geheimnisvolle, Unverständliches und Mysteriöse” bei Lynch nicht in Gänze durchsteigt. ;-)

  2. 2

    Nein. Nicht das Nicht-Verstehen, oder wie du es nennst “nicht in Gänze durchsteigen”, ist oftmals sein Problem, sondern die Tatsache, dass man das Gefühl nicht loswerden will, dass Lynch sich mehr auf sein erzwungenes, selbstverliebtes Mysterium konzentriert als auf den Rest seiner Filme. Das beeindruckt mich allerdings nur selten, bsp. “Mullholland Drive”, “Twin Peaks”, “Blue Velvet”.

  3. 3

    Ja, nicht gerade Lynchs Beliebtester und auch einer seiner schlecht Gereiften. Ich muß aber mal eine Lanze für den Film brechen, immerhin führt er den amerikanischen Mythos von Freiheit und Individualität zu Grabe. Nicht daß das nicht schon andere vor ihn erledigt hätten. Lumet gelang das auch schon 1960 mit The Fugitive Kind, dem Lynch mit Sailors Schlangenlederjacke auch ordentlich huldigt. Interessant finde ich, das Lynch hier schon gute Vorarbeit zu Lost Highway, der wesentlich böser daherkommt, betreibt. Dankbar bin ich dem Film, da er mich damals auf das andere Hollywood aufmerksam machte.;)

  4. 4

    immerhin führt er den amerikanischen Mythos von Freiheit und Individualität zu Grabe

    EASY RIDER!

  5. 5

    Interessant finde ich, das Lynch hier schon gute Vorarbeit zu Lost Highway, der wesentlich böser daherkommt, betreibt.

    Jop!

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