Retro: THE BIG LEBOWSKI (1998)

Das Kino der Coen Brüder wirkt immer ein wenig surreal. Allerdings nicht im Sinne eines verzehrten Traumes, der als solchen schwer auszumachen ist und sich eigentlich fast gänzlich von der Realität abgrenzt, also kein Kino, wie es beispielsweise David Lynch zelebriert, eher im Sinne von realitätsfernen Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten, wie man sie so nur in Filmen erlebt: Unglaubliche Menschen geraten in unglaubliche Situationen. Bei den Coen Brüder wirken solch groteske Ideen und Intentionen nie „falsch“, nie aufgesetzt oder unwirklich. Vor allem, weil ihre Filme immer nur Filme bleiben und keinen wirklichen Bezug zur Realität suchen. Sie verschleiern ihren cineastischen Ursprung nicht, sie führen ihn und seine unbegrenzten Möglichkeiten gar ad absurdum, was in den falschen Händen allerdings schnell zur unfreiwillig komischen Farce verkommen könnte. Die Coens wissen, wie weit ihre Skurrilität gehen darf, wie man Ironie gezielt einsetzt und mit subtiler Übertreibung arbeitet. Jede ihrer Szenen endet mit einer augenzwinkernden Pointe. Die Coen Brüder kennen das Kino und seine Vielfalt, seine Möglichkeiten und Grenzen.
Am Anfang ist der voll gepinkelte Teppich - ein klassischer MacGuffin, der nicht nur den Plot der Coen Brüder in Gang setzt sondern auch vorantreibt. Dieses schmucklose Bodengewebe, der Teppich des “Dudes”, machte das Zimmer doch erst richtig gemütlich: Jeffrey Lebowski, ein mit Schwimmringen bestückter, Bademantel tragender, alternder 68-Hippie-Kiffer, der sich selbst nur “der Dude” nennt, Walgesängen lauscht, White Russian bevorzugt und Bowling spielt (und von einem grandiosen Jeff Bridges verkörpert wird), ist Opfer einer klassischen Personenverwechslung. “Seine” Frau Bunny schulde Jackie Treehorn, dem ein- flussreichen Porno-Produzenten, eine Menge “Kohle”. Und weil ein Jackie Treehorn sich nicht verarschen lässt, hetzt er mal schnell seine Schläger auf Lebowski. Nur blöd, dass sie sich an den falschen Lebowski, und nicht an den gleichnamigen, im Rollstuhl sitzenden Millionär wenden, um ihm die Bude einzurennen, ihm seinen Kopf in die Toilettenschüssel zu stecken und auf seinen Teppich zu urinieren. Und weil der Dude sich nicht abziehen lässt und seine beiden Bowlingkollegen Walter (John Goodman), ein schnell erzürnter Kriegs- veteran, der argumentationslos alles mit dem Vietnamkrieg in Verbindung bringt, und Donny (Steve Buscemi), der introvertierte Kumpel der beiden, dem Walter stets mit erhobener Stimme das Wort verbietet (”Vergiss es Donny. Das ist nicht dein Fachbereich“), der Meinung sind, dass der “richtige” Lebowski seinen Kopf für den versauten Teppich hinhalten muss, stattet der Dude seinem Namensvetter kurzerhand einen Besuch ab.
Und ja, er erhält “persischen Gewebe-Ersatz”, nachdem sein millionenschwerer gegenüber ihm erst einmal einen deftigen Vortrag über Disziplin und Arbeitsmoral hält. Zwar musste dafür eine Lüge herhalten, aber dem Dude, der gerne in der dritten Person von sich redet, scheint das gleichgültig. Nur wenig später, nach einem skandalösen Bowlingspiel, bei dem Walter aufgrund eines Regelverstoßes während eines Ligaspiels seinem Gegenspieler Smokey, einem zart besaiteten Pazifisten, mit einer Pistole droht (”Smokey, wir sind hier nicht in Vietnam! Wir sind beim Bowling. Da gibt es Regeln“), erhält der Dude einen Anruf von Brandt (Philip Seymour Hoffman), dem arschkriecherischen Assistenten des “großen” Lebowski. Es gehe nicht um den “gestohlenen” Teppich, der Dude solle sich keine Sorgen diesbezüglich machen, es gehe lediglich um eine äußerst sensible Angelegenheit, bei dem der Dude als Mittelmann fungieren soll: die Frau von Lebowski, Bunny (Tara Reid), die sich überall in der Stadt verschuldet hat, wurde entführt. Der Dude soll nun als Lösegeldkurier in Erfahrung bringen, ob die Teppichpinkler hinter der Entführung stecken, oder nicht. Er willigt dem Deal ein, vermutet allerdings von vornherein, dass sich Bunny selbst entführt hat.
Die Parallelen zu Howard Hawks Film noir-Klassiker The Big Sleep sind unver- kennbar. Um das nicht falsch zu verstehen: The Big Lebowski ist keineswegs ein Film noir. Die Coen Brüder orientieren sich lediglich am Story-Gerüst von Hawks Kriminalfilm per se und an den Büchern des Schriftstellers Raymond Chandler im allgemeinen. The Big Lebowski ist vielmehr Komödie denn “Schwarzer Film”, er interessiert sich eigentlich nicht für seine wirre und als solche nur bedingt auszumachende Detektivgeschichte. Es geht um den Dude, und wie dieser faule, in der Zeit stecken gebliebene Typ in immer schrägere Situationen und an immer schrägere Gestalten gerät. Der Dude ist kein traditioneller privat eye, er ist ja nicht einmal berufstätig, und ganz sicher ist er auch kein Philip Marlowe oder Sam Spade. Der Dude ist der richtige Kerl am richtigen Ort (Los Angeles) zur richtigen Zeit (Anfang der 90er). Kein Held! Denn was ist schon ein Held? Und wenn man bedenkt, dass der Dude oder seine Dudeheit, oder Duda, oder El Duderino, “falls einem Kurznamen nicht liegen”, neben all den anderen durchgeknallten Figuren, wie beispielsweise “Jesus” (John Turturro), einem “perversen” Latino-Bow- lingspieler, Maude Lebowski (Julianne Moore), einer feministischen Avantgarde- künstlerin, oder Uli Unkel (Peter Stormare), einem nihilistischen Pornodarsteller, um nur wenige zu nennen, noch der normalste und rationalste Charakter ist, dann ist das mehr als bezeichnend für den Film und die Intentionen der Coens.
Es ist schwer, die herrlich verschrobene Atmosphäre des Films zu beschreiben, die skurrilen aber immer menschlichen Figuren und die zahlreichen und abstrusen Nebenhandlungsstränge in Worte zu fassen und greifbar zu machen. The Big Lebowski ist anders als der in seiner Erzählweise unkomplizierte Fargo. Vielleicht die logische Folgerung nach diesem lakonischen Krimifilm. All die Verweise auf Raymond Chandler, auf popkulturelle Phänomene, auf Busby Berkeley und mehr, die Musik der Gipsy Kings, die Musik von Bob Dylan, das Vermitteln eines träumerischen Lebensstils, der mit den 90ern zu enden begann, all das evoziert eine eigene Dynamik, einen gefälligen Zynismus, all das macht diesen typisch coen´schen Film mit all seinen großartigen Szenen und pointierten Dialogen nicht nur schwer unterhaltsam und sympathisch, es erzählt ebenso über die Funktion und Wahrnehmung seiner eigenen Bilder. The Big Lebowski, und das verschweigen uns die Coen Brüder nicht, ist und bleibt ein Film. Ein grandioser noch dazu.















Sonntag, 17. Mai 2009 1:42
Wunderschönes Review zu einem genialen Film. Volle Zustimmung meinerseits. Einfach zurücklehnen und genießen. Der in meinen Augen bisher beste Coen-Film auch wenn “No Country For Old Men” ihn dicht verfolgt.
Sonntag, 17. Mai 2009 13:40
Absoluter Kult. Schon seit ich den Film damals im Kino. Gibt wohl kaum einen Film mit lässigerer Atmosphäre und der Dude ist sowieso einer der coolsten Charaktere überhaupt. Hab jetzt richtig Lust bekommen den Film auch einmal wieder einzuwerfen…
Sonntag, 17. Mai 2009 14:02
Jep. Schöne Kritik, aber mit wenig Potential zur (kontroversen) Debatte. Es ist halt, wie es ist: Erverybody loves the Dude.
Sonntag, 17. Mai 2009 15:38
Und noch ´nen Konsens-Film, den alle lieben, mich natürlich eingeschlossen.
Sonntag, 17. Mai 2009 15:53
Ja, den Dude lieben halt alle. Da kannste keine oder kaum Kontroversen erwarten, C.H.
Montag, 18. Mai 2009 23:55
Ich habe nur diese dämliche Polygram DVD mit Vollbild und unterirdischer Bildqualität… Ich könnte jedesmal heulen, wenn ich den Film einlege.
Dienstag, 19. Mai 2009 13:42
Gebe dir vollkommen recht. Wahrscheinlich einer der besten Filme aller Zeiten. EIner der komischsten auf jeden Fall!
Dienstag, 9. Juni 2009 19:51
Schön, wenn sich alle einig sind. Da reihe ich mich gern mit ein. Großartiger Film mit absolutem Kultstatus.