Retro: THE GODFATHER III (1990)

Schon bevor Francis Ford Coppola die Dreharbeiten zum dritten Teil seiner epischen Mafiasaga begann, kämpfte sein Film gegen die Erwartungshaltung der Zuschauer an. Diesem Erwartungsdruck stand der Film nie halt. Das mag verschiedene Gründe haben. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass Coppola den Film nur aus finanziellen Gründen drehte. Vielleicht lag es daran, dass er die Rolle der Mary Corleone, der Tochter von Don Michael Corleone, mit seiner eigenen Tochter Sofia kurzfristig besetzte, nachdem Winona Ryder ihm den beruflichen Laufpass gab. Sicher ist nur, dass der Film seiner meisterlichen Vorgänger wegen von der Kritik gescholten wurde. Dabei sollte man die “Godfather”-Trilogie als kohärentes Ganzes verstehen und sie nicht in ihre Einzelteile aufsplitten geschweige denn die einzelnen Filme einem direkten Vergleich unterziehen.
Das Geschäft zerstörte seine Familie. Seine Macht “erblindete” ihn. Die einstige Festung, das Anwesen der Corleones, ist verlassen, die Familie getrennt. Don Michael Corleone (Al Pacino), das Oberhaupt der Familie, zwischenzeitlich alt und ergraut, versucht, das Familiengeschäft zu legalisieren, sich von Kriminalität und Korruption zu distanzieren. Michael, einst aggressiv und jähzornig, wurde reifer. Sein Blick auf die Dinge klarer. Ihm ist bewusst, dass er seine Familie zerstörte, dass er die Schuld dafür zu tragen hat. Das Verhältnis zu seinen inzwischen erwachsenen Kinder ist zwiespältig. Während seine naive Tochter Mary (Sofia Coppola) die Nähe zu ihrem Vater sucht, distanziert sich sein Sohn Anthony (Franc D´Ambrosio) weitestgehend von den Geschäften der Familie. Das Verhältnis zu seiner Ex-Frau Kay (Diane Keaton) leidet unter Spannungen.
“Just when I thought I was out… they pull me back in“: Das Legalisieren seines Unternehmens und das gleichzeitige Aussteigen aus einem systematisierten Syndikat scheint für Michael ein unmögliches Unterfangen. Seine Vergangenheit als New Yorker Untergrundboss und seine einschlägigen Verbindungen zu den mächtigsten und einflussreichsten Verbrechern der Ostküste lassen einen Ausstieg kaum zu. Er und seine Familie stecken noch immer zu tief im Sumpf der Mafia, als dass man sich von ihr distanzieren könnte. Erschwerend kommt Michaels Diabetes-Leiden hinzu, das ihm Kraft und Gesundheit raubt. Seine einzige familiäre Stütze hinsichtlich der Geschäfte ist der uneheliche Sohn seines ermordeten Bruders Sonnys, Vincent Mancini (Andy Garcia), der Michael gleich doppelt in Schwierigkeiten bringt: Zum einen pflegt Vincent ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Cousine und Michaels Tochter Mary, zum anderen geht er einen durchaus vermeidbaren Konflikt mit einem konkurrierenden Unter-Boss namens Joey Zasa (Joe Mantegna) ein.
Michaels Versuch, während einer einberufenen Versammlung die verbliebenen Mafia-Bosse auszuzahlen und sich damit von den illegalen Machenschaften zu verabschieden, scheitert aufgrund eines von Joey Zasa und Don Altobello (Eli Wallach) in Auftrag gegebenen Anschlags. Dieser Anschlag endet nicht nur in einem Blutbad, er ist der Auslöser für einen Krieg zweier New Yorker Großfamilien, der Michael unfreiwillig auf seinen alten Posten als Mafia-Oberhaupt zurückwirft. Auch der Versuch, sein Geschäft mit der Beteiligung am katholischen Wirt- schaftsimperium Immobiliare zu legalisieren, bei dem der Vatikan die meisten Anteile besitzt, scheitert, weil er innerhalb der katholischen Kirche auf Widerstand und Korruption stößt. Michael kämpft einen Kampf, den er schon vor langer Zeit verloren hat.
The Godfather Part III strickt die shakespear´sche Familienchronik weiter und schließt sie mit einem konsequent-tragischen Ausgang ab. Alles, was das Ende des zweiten Teils vermuten lässt, wird ausformuliert, wird in die “filmische Realität” umgesetzt. In Bezug auf Michael bedeutet das, dass die Entschei- dungen, die er als “blinder” Familienvater und skrupelloses Mafia-Oberhaupt traf, ihn bis zu seinem Tode verfolgen und verdammen. Er “verspielte” seine Familie, seine Ideale und sein Leben schon vor langer Zeit, er war zu lange Teil krimineller Machenschaften, um aussteigen, sich distanzieren, sein Geschäft legalisieren zu können. Die Tragik liegt vielleicht weniger im Ausgang der Geschichte als vielmehr in der Reflexion Michaels über seine gefallenen Entscheidungen und der damit verbundenen Erkenntnis, dass eine Katastrophe unvermeidbar gewesen wäre.
Zu Beginn des Films wird Michael von der Kirche für die von ihm ins Leben hervorgerufene Stiftung, die von seiner Tochter Mary geleitet wird, mit einem ehrwürdigen Orden ausgezeichnet. Dieses Paradoxon unterstreicht zum einen das ambivalente Verhältnis zwischen Michael und der Kirche (die Kirche zeichnet einen Mörder, einen Sünder und Missachter der Gebote mit einem Orden aus), zum anderen unterstreicht es auf subtile Weise, dass Michael sich trotz seiner Schuldbekenntnisse kaum verändert hat: Er instrumentalisiert seine eigene Tochter als Aushängeschild für eine Stiftung, mit der er nur Sympathie bei der katholischen Kirche erreichen will, um sich in deren Wirtschaftsimperium Immobiliare einzukaufen. Als Mary ihm die Frage stellt, ob er die Stiftung nur ausnutze, verneint er ihre Unterstellung. Er lügt ihr ohne Weiteres ins Gesicht. Er belügt seine eigene Tochter, wie er einst seine Ehefrau Kay anlog.
Ohnehin wiederholt der dritte Teil viele Handlungselemente seiner Vorgänger, zitiert ganze Szenen und erinnert durch Rückblenden und Verweise an die Zugehörigkeit der Trilogie. Zu Beginn des Films gibt abermals ein strahlender Johnny Fontane auf einer Familienfeier ein Ständchen, abermals führt der Weg von Amerika nach Sizilien und wieder zurück, abermals wird ein politischer Krieg zweier New Yorker Großfamilien ausgetragen, abermals wird das Familien- oberhaupt der Corleone aufgrund eines gesundheitlich schlechten Zustands ins Krankenhaus eingeliefert und abermals wird ein Nachfolger für den amtierenden Don gesucht, den Michael in Vincent scheinbar gefunden hat. Selbst hier, in dieser Entscheidung Michaels, liegt die latente Tragik begraben: Wie auch sein Vater Vito ernennt er den “falschen” Mann zum Thronfolger, wie auch bei seinem Vater ist die Entscheidung über das Erbe eine fatalististische: die Katastrophe wäre ohnehin eingetreten.














