DVD: CHILDREN OF MEN (2006)

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In regelmäßigen Abständen entwirft das Kino und ganz speziell der Science-Fiction-Film dystopische Zukunftsszenarien. Während die einen eine rein fiktionale Welt entwerfen, also eine, die mit unserer heutigen keine oder kaum Gemeinsamkeiten besitzt, zeichnen die anderen eine zukünftige Parallelwelt, die entweder mit den ökologischen, militärischen, sozialen oder staatlichen Konse- quenzen unserer heutigen Welt konfrontiert wird, oder aber sie behandeln die “Was-wäre-wenn-Frage”. Alfonso Cuaróns Science-Fiction-Thriller Children of Men, der auf P. D. James gleichnamigen Roman basiert, stellt solch eine Frage: Aus unerfindlichen Gründen können Frauen keine Kinder mehr gebären. Seit nun achtzehn Jahre hält diese weltweite Unfruchtbarkeit an. Mit dem Wissen einer solch aussichtslosen Perspektive und dem fortschreitenden Altern und zugleich voraussichtlichen Aussterben der Menschheit verbreitet sich eine Angst, die in Massenhysterie und Anarchismus endet. Nur noch in Großbritannien kämpft der Staat mit roher Gewalt gegen die Aufständigen und die prekäre Globalsituation an.

Kaum ein Science-Fiction-Film wie der von Cuarón verbindet fiktionale Dystopie mit derart realistischen Bildern und einer fast erschreckenden und kompromisslosen Authentizität. Cuarón entwirft mit wenigen und vor allem markanten Schnitten, mit virtuos inszenierten Plansequenzen, die dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, ein Teil dieses Schreckenszenarios zu sein, und einer wackeligen DV-Handkamera ein Zukunftsbild, wie man es seit Ridley Scotts Blade Runner nicht mehr “bestaunen” durfte. Kompromisslos ist es, trist und hoffnungslos. Was ihn rein visuell von Scotts “Klingenläufer” unterscheidet, ist der rudimentäre Rückschritt, oder anders: In dieser Welt hat sich nichts weiterentwickelt, ganz im Gegenteil. Die Technik hat sich kaum verbessert; auf den Straßen fahren veraltete Automobile neben Rikschas und Tuk-Tuks; die Bauten scheinen größtenteils zerstört und werden gar nicht erst erneuert, wieso denn auch?

Im London des Jahres 2027 werden illegale Einwanderer in Käfige gesperrt und nötigenfalls hingerichtet; die einstige konstitutionell-parlamentarische Monarchie entwickelte sich zum totalitären Staat; eruptiv-brutale Polizisten überwachen arsenalbepackt die Straßen und Zonen, in die die Stadt aufgeteilt ist; Busse und Züge sind mit Gittern versehen, um den Steinwürfen der Terroristen und Widerständler zu trotzen. Ein wenig erinnert dieser Zustand an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Die omnipotente Hysterie, Staatsgewalt und Bedrohung wird entscheidend zum Ausdruck gebracht, als Theo, der Protagonist, seinen Weg zur Arbeit antritt: Während er sich einen Coffee on the go besorgt und diesen mit einem kräftigen Schluck Schnaps puncht - wie sonst soll man diese Welt auch ertragen - fliegt das eben noch von ihm betretene Café in die Luft. Ob es ein Terroranschlag war oder von der Regierung inszeniert, scheint in dieser Welt gleichgültig und keine tragende Rolle mehr zu spielen.

Gerade Theo, ein menschliches Produkt seiner eigenen tragischen Vergangenheit ebenso wie der Gegenwart, heruntergekommen, perspektivlos und Säufer, wird zur Schlüsselfigur im Kampf gegen den Untergang der Welt: Er soll die schwangere Kee, eine schwarze illegale Immigrantin und mit ihrem voraus- sichtlichen Nachwuchs der Hoffnungsträger einer besseren Welt, ans andere Ende Londons bringen, zur im Untergrund operierenden Bewegung “Human Project”. Instrumentalisiert wird er von Julianne, der Aktivistin und Anführerin einer terroristischen Widerstandsgruppe namens “Fishes”, mit der Theo vor zwanzig Jahren ihren dreijährigen Sohn verlor. Das tödliche Risiko dieser Überführung, das der desillusionierte und depressive Theo anfangs nur des Geldes wegen auf sich nahm, und der aufblitzende Hoffnungsschimmer, den das ungeborene Kind Kees schenkt, verändern ihn. Er entwickelt sich wieder zu dem mental und körperlich starken Mann, der er einst war. Und er opfert sein Leben für das Leben der Menschheit.

Es ist eine ganz bestimmte, eine von christlichen Symbolen getragene und konnotierte Szene des Films, die vielleicht alles das vereint, was Cuarón seinem Publikum zu sagen und zu zeigen hat: Aus einem vom Militär beschossenen Gebäude versucht Theo, Kee und ihr geborenes Baby zu überführen. Er packt sie an den Schultern. Sie trägt ihre kleine Tochter im Arm, wie einst Mater Dolorosa den vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus trug. Dieses religiöse Sinnbild kehrt Cuarón allerdings um, von der Trauerdarstellung zum Hoffnungssymbol. Theo, Kee und das Baby laufen langsamen Schrittes die Treppen des Gebäudes herunter; an bewaffnete Soldaten vorbei, die durch den Anblick des Neuge- borenen erstarren. Der Krieg zwischen Militär und Terroristen ist für wenige Minuten unterbrochen, Chaos und Zerstörung, Trauer und Depression wie weggeblasen. Der latente Pessimismus weicht für kurze Zeit der schimmernden Hoffnung.

Am Ende, in einem Ruderboot sitzend, von Nebel umgebend, wartend auf die Retter des “Human Project”, stirbt Theo. Doch bevor er den Schusswunden erliegt, erzählt sie ihm, dass sie ihre Tochter nach seinem verstorbenen Sohn benennt. Dillon. Dann schließt Theo die Augen. Sein Kopf senkt sich zur Seite. Plötzlich taucht aus dem Nebel ein Schiff auf. Überraschung und Erwartung liegen nah beieinander. Ein Schiff namens “Tomorrow” nähert sich ihnen. Theo ist tot. Kee und das Kind leben. Der Bildschirm wird schwarz und der Abspann eines meisterlichen Genre-Beitrags eingeleitet.

★★★★★★★★★☆

Autor: Kaiser_Soze
Datum: Sonntag, 12. April 2009 18:17
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2 Kommentare

  1. 1

    Ja, der gehört schon zur Creme de la Creme.:D

  2. 2

    Ein absoluter Geheimtipp. Er lief seltsamer Weise nie groß in den deutschen Kinos. Außergewöhnlich gute Kamera. Dieser Film ist eine Perle unter allen Endzeitfilmen.

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