Retro: THE MATRIX (1999)

The Matrix könnte auf einem Roman von Science-Fiction-Autor Philip K. Dick basieren. So sehr ähneln sich die Themen des Films und die Themen, die Dicks literarisches Gesamtwerk durchziehen: Auch hier werden existenzialistische Fragen gestellt, Fragen, die um die eigene Identität kreisen, Fragen, die die objektive Realität anzweifeln und viele mehr. Vielleicht ist es Zufall, dass der Film der Wachowski Brüder ein Science-Fictioner ist, also in eben jenem Genre angesiedelt, in dem sich der herausragende Autor Dick zu Lebzeiten so wohlfühlte. Vielleicht spielt das letzten Endes auch gar keine Rolle, weil die Wachowski Brüder, die das Skript schrieben und Regie führten, viel mehr wollten, als auf Dicks Werke zu verweisen. Eines steht zumindest fest: Die Einflüsse der Romane Dicks auf den Film sind signifikant. Der Einfluss und die Bedeutung von The Matrix auf die genreübergreifende Stilisierung und Ästhetisierung nachfolgender Actionsequenzen durch den Einsatz von computergenerierten Spezialeffekten auch.
Ein wenig erinnert das Konzept und die Idee von The Matrix an Ridley Scotts/Philip K. Dicks Blade Runner (übrigens greift der Film an gewissen Stellen zudem das visuelle Konzept von Blade Runner auf) und James Camerons Zukunftsactionthriller The Terminator, ganz deutlich aber sind die Gemeinsamkeiten mit Alex Proyas´ Dark City, und ganz sicher dürfte Rainer Werner Fassbinders Sci-Fi-TV-Zweiteiler Welt am Draht Pate gestanden haben, so evident sind die motivischen und inhaltlichen Parallelen: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts entwickeln die Menschen Maschinen mit künstlicher Intelligenz. Um sich aus ihrer Sklaverei zu befreien, beginnen die hoch technisierten Roboter einen Krieg gegen ihre Schöpfer. Ihre Fähigkeit, sich stets weiterzuentwickeln, ermöglicht es ihnen, “besser” als die Menschen selbst zu werden. Als letzten Ausweg verdunkeln die Menschen die Sonne, weil ihre virtuellen Pendants ihre Energie durch Solarkraft gewinnen. Die nachfolgenden Ereignisse wurden nur teilweise und sehr ungenau überliefert. Allerdings steht eines fest: Die Menschen haben den Krieg verloren. Nur noch in Zion, einer Stadt in der Nähe des Erdkerns, findet man humanes Leben.
Die Energie wird von den Maschinen aus den Körpern der Menschen gewonnen. Menschen werden nicht länger geboren. Sie werden gezüchtet. Ganze Felder sind angelegt worden. Männer, Frauen, Kinder, Babys. Alle liegen sie verkabelt in so genannten Brutkästen, umgeben von einer roten Schleimmasse, die für die vitale Versorgung zuständig ist. Weil der menschliche Körper ohne Geist nicht leben kann, und ohne menschliches Leben die Maschinen keine Energie abzapfen können, entwickelten sie eine Scheinwelt, die Matrix, eine Welt, die der Welt Ende des 20. Jahrhunderts gleicht. Der Menschheit ist nicht bewusst, dass ihr Leben nicht “real” ist, nur ein vorgespielter Traum. Nur wenige, wie die Bürger Zions, sind befreit, sie leben, so glauben sie, im 23. Jahrhundert. Ihre Hoffnungen stecken in Morpheus, dem Anführer der Widerstandsbewegung. Er predigt von der Erlösung durch “den Auserwählten”, der mit der ersten Version der Matrix geboren wurde. Und er glaubt ihn in Thomas Anderson, Cybername Neo, einem Computerhacker, gefunden zu haben, “den Einen” und Retter der Menschheit.
The Matrix darf auf den ersten Blick als reines Unterhaltungskino verstanden werden und nur arg bedingt als durch und durch massentauglicher Genre-Mix. Es geht nur vordergründig um stilisierte Actionszenen, um ästhetisierte Kampfchoreographien und all den schnittigen und gefälligen Schnickschnack, den der graue Kasten zu bieten hat. In dieser Hinsicht, also bezüglich der damals eingesetzten Technik, ist der Film ein wichtiger und revolutionärer, obgleich er offensichtliche Zugeständnisse ans Massenpublikum macht. Aber: The Matrix sieht vielleicht so aus wie einer dieser Mainstreamfilme, er fühlt sich allerdings nicht so an. Das mag verschiedene Gründe haben. Es liegt sicherlich an den interessanten und spannenden Fragen, die der Film stellt (Was ist Reliatät? Was nicht? Was bedeutet Existenz?), an den komplexen, sozialkritischen und existenzialistischen Themen, die er behandelt. Und wie grandios er all dies miteinander zu einem kohärenten, funktionierenden Ganzen vermischt.
Vor allem aber verweist The Matrix und verweisen die Wachowski Brüder latent auf das Neue Testament und ganz besonders auf Jesus Christus, Gottes Sohn. The Matrix ist gespickt mit philosophischen (überwiegend der Philosophie des Fernen Ostens: Buddhismus, Hinduismus, Daoismus etc.) und theologischen Analogien und einer religiös-christlichen Konnotation.
Den Wachowski Brüdern scheint dieser tiefgründige und religiöse Ansatz wichtig gewesen zu sein. Selbst die Namen deuten und verweisen auf ihr jeweiliges religiöses Pendant (in Klammern): Thomas Anderson (der ungläubige Thomas, der nicht an Jesus glaubt, ähnlich wie Thomas im Film nicht an sich selbst glaubt, der von Selbstzweifeln geplagt ist; Anderson, dessen Bedeutung auch “Son of Man” besitzt, also Menschensohn, gleichzusetzen mit Jesus)/Neo (Anagramm “The One”, “der Eine”, der Auserwählte) stellt eine Analogie zu Jesus her. Er verkörpert den Sohn Gottes. Er erlöst die Menschheit, indem er sich opfert, er kämpft, er stellt sich den Maschinen. Und nachdem er erschossen wurde, steht er von den Toten wieder auf, wie Jesus es einst tat. Und wo es einen Jesus gibt, da ist der Judas/Cypher (erinnert phonetisch an die englische Aussprache “Lucifer”) nicht weit, der Jesus/Neo an die Maschinen-Agenten der Matrix verrät, um wieder Teil einer vorgegaukelten Scheinwelt zu werden, unwissend über die “wahre” Realität.















Dienstag, 7. April 2009 8:46
“The Matrix” unter Retro einzuordnen sprengt bei mir gerade so ein bißchen das Raum-Zeit-Kontinuum. Schon zehn Jahre her! Wahnsinn. Auch für mich ist der erste Teil heute noch große klasse.
Dienstag, 7. April 2009 9:14
Dem Film bzw. der Reihe wollte ich mich demnächst auch mal ausführlicher widmen. Die Jesus-Judas-Symbolik nehme ich im Übrigen anders war, wobei das wieder einmal abhängig vom Rezipienten ist.
Dienstag, 7. April 2009 10:05
Dann sag mal.
Dienstag, 7. April 2009 10:42
Nee, dann spoiler ich ja meinen eigenen Beitrag
Dienstag, 7. April 2009 14:41
The Matrix ist definitiv einer der sehenswertesten Filme überhaupt. Ihn jedoch irgendeine relevante Tiefe einzutrichtern, die über das Spiel von Realität und Fiktion hinausgeht, halte ich jedoch für überspannt.;)
Dienstag, 7. April 2009 15:54
Beziehst du das jetzt auf die religiöse Konnotation?
Dienstag, 7. April 2009 16:26
Klar, ich würde hier lieber popkulturelle Esoterik ausmachen. Neo ist meiner Meinung nach definitiv Luke Skywalker näher als irgendeinem anderem. Der Besuch beim Orakel erinnert doch stark an Master Lukes Besuch bei Joda.;) Sein Ziehvater Morpheus stark an Obi Wan. Und so weiter und so fort. Die Warchowskis haben mit The Matrix ganz famos asiatische Elemente mit dem typischen westlichen Heldenmythos vermischt. Ich würde eher Konnotationen zu Arthus, Siegfried usw. ausmachen, bevor ich das Neue Testament aufschlage. Gerade Arthus ist maßgeblich für die Verbindung des klassischen Helden und dem Erlöserbild im Heldenmythos. Weiß ich aber auch erst seit kurzem, Arte hat mir da mit einem Themenabend weitergeholfen.:D
Dienstag, 7. April 2009 17:27
Ob man in Bezug auf “Matrix” die von den gebrauchten religiösen und mythischen Anspielungen gleich mit inhaltlicher und relventer Tiefe gleichsetzen möchte, würde ich jetzt auch mal dahingestellt lassen. Hab mich damit aber auch noch nicht näher beschäftigt. Unstrittig ist jedoch, dass diese Anspeilungen vorhanden sind.
PS: Der Film ist klasse!!
Dienstag, 7. April 2009 17:29
Also ich würde mich von Analogien zwischen Matrix und Star Wars dann aber auch distanzieren wollen.
Zudem hat der Kaiser da schon in gewissem Sinne Recht, wenn er christlich-buddhistische Bezüge im Film sieht.
Dienstag, 7. April 2009 19:23
@flo
Arthus -> Knappe wird von seinem Ziehvater Merlin ausgebildet, erlangt mit Excalibur die Unbesiegbarkeit, rettet das Land
Luke Skywalker -> Bauer wird von seinem Ziehvater Obi Wan Kenobi ausgebildet, erlangt mit seiner Macht die Unbesiegbarkeit, rettet das Universum, das Reich oder wie man es auch immer nennen mag
Neo -> Büroangestellter wird von seinem Ziehvater ausgebildet, erlangt die Fähigkeit die Umgebung zu beeinflußen, rettet die Menschheit
Natürlich alles gänzlich narrativ anders dargebracht und auch andere Themen und Ängste behandelnd. Gemein ist allen Geschichten auch der Verrat durch einen Vertrauten bzw. Blutsverwandten. Morgana/Parcival, Darth Vader, Cypher, die von der anderen Seite durch die Verführung der Macht oder wie hier auch nur durch ein Steak geködert werden. Natürlich ist das auch das Judasbild und der Erlösermythos ebenso im Neuen Testament begründet. Doch ist unsere ganze westliche Kultur auf eben dem christlichen Glauben begründet und man kann so gut wie bei jeder Heldengeschichte Anhaltspunkte finden, die immer wieder auf die Bibel zurückführen. Jesus hat die Besatzer jedoch nicht mit Gewalt aus dem Land getrieben, seine Botschaft kündet von Vergebung, Frieden, Nachsicht. Das sind alles Dinge, die ich bei Neo und seinen Heldenkumpeln nicht finden kann.
Dienstag, 7. April 2009 19:47
Morpheus als Ziehvater von Neo. Höre ich heute auch zum ersten Mal. Nette Analogien, da habe ich auch eine: Jesus -> Tischler wird von seinem Ziehvater Johannes dem Täufer ausgebildet, erlangt die Macht der Unbesiegbarkeit und rettet die Menschheit. Geile Sache, was?
Das sind alles Dinge, die ich bei Neo und seinen Heldenkumpeln nicht finden kann.
Dienstag, 7. April 2009 20:50
Tischler wird von seinem Ziehvater Johannes dem Täufer ausgebildet, erlangt die Macht der Unbesiegbarkeit und rettet die Menschheit. Geile Sache, was?
Du kannst in der Matrix gerne eine religiöse Tiefgründigkeit sehen, Du kannst auch gerne die Unterschiede der Botschaft des NT gegenüber dem Heldenmythos völlig außer acht lassen. Bitte gerne, aber dann wundere Dich nicht, wenn demnächst auch Karate Kid in diese Richtung rezensiert wird. Ich habe ja diese Konnotationen überhaupt nicht verneint. Nur würde ich ihnen nicht all zuviel Beachtung schenken, da sie in erster Linie der Dramaturgie dienen und auch nur soweit eingesetzt werden, wie sie ihr eben nützlich sind. Oder geht auch nur irgendetwas in der Matrix darüber hinaus?
Dienstag, 7. April 2009 23:06
@Tumulder
Natürlich sind solche Figurenkonstellationen in vielen Filmen und Roman, von mir aus auch in Spielen, vorzufinden. Und ja, sie dienen der Dramaturgie und bedienen sich diesem Vorteil.
Aber: Die Wachowski Brüder verweisen in vielerlei Hinsicht auf religiöse und philosophische (z.B. Platons Höhlengleichnis in etwa) Bezüge, beispielsweise die Namen der Schiffe (Nebukadnezar), der letzten “Menschen-Stadt” (Zion). Die Konstellation der Figuren und der Übertragung der Jesus-Analogie mal außen vor gelassen.
Ich glaube übrigens, ihr habt mich mit “tiefgründig” etwas missverstanden. Ich meine damit weniger, dass THE MATRIX die religiösen Bezüge weiterspinnt. Vielmehr will ich damit sagen, dass die Themen, die der Film behandelt, also das Glauben/Wissen, Realität/Schein, und die christlichen und philosophischen Verweise eine Mischung ergeben, die, sollte man tiefer graben, mehr sind als nur ein reines konventionelles Blockbuster-Spektakel. Imho steckt da mehr dahinter als in einem dieser Mainstream-Gewänder, die zahllos über die Kinoleinwände flimmern.
Dienstag, 7. April 2009 23:25
Ich habe auch nirgends behauptet, dass die Matrix das Johannes Evangelium neu erfindet, sondern nur geäußert, dass ich Matrix und A New Hope nicht über einen Kamm scheren würde (was nicht bedeutet, dass Matrix und A New Hope für jemanden nicht über einen Kamm scherbar sind oder sogar letztlich dieselbe Geschichte erzählen). Dass im Film jedoch Aspekte des Christentums und Buddhismus auftauchen, dass ist in meinen Augen jedoch evident. Inwieweit und wie tiefgründig, dass kann jeder für sich selbst entscheiden.
Mittwoch, 8. April 2009 11:08
A New Hope nicht über einen Kamm scheren würde
Warum muß eigentlich immer alles gleich negativ aufgenommen werden? Wer hat denn hier etwas über den gleichen Kamm geschert?
Mittwoch, 8. April 2009 18:56
Bin da voll bei Tumulder, die Star-Wars-Referenzen sind so offensichtlich (verschleiert), dass man blind sein müsste, um sie nicht zu sehen.
Mittwoch, 8. April 2009 23:03
@MVV
Natürlich sind sie das. Aber selbst er sagt ja, dass man das auf verschiedene Heldenmythen beziehen kann. Ich meine, Lucas hat diese Figurenkonstellation ja wohl nicht erfunden.
Mittwoch, 8. April 2009 23:14
Star-Wars-Referenzen
Das dreht sich hier alles ganz fürchterlich im Kreis. Auch Star Wars findet in weiten Teilen nur auf, und bedient sich bekannter Mythen-Systeme, und erfindet nur wenig. Was war also zuerst: Die Henne, oder das Ei? ;-?
Mittwoch, 8. April 2009 23:19
C.H., unser Diplomat
Donnerstag, 9. April 2009 1:19
Es geht nicht um Heldenmythen, es geht um die Form der Heldenikonisierung, besonders in Relation zu dramaturgischen Bezugspunkten, die STAR WARS allen Referenzpools zum Trotz originär neu gebildet und damit zum Vorbild zahlreicher Kinonachfolger generiert hat, inkl. MATRIX.