Retro: ROPE (1948)

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Der Experimentalfilm Rope markiert nicht nur Alfred Hitchcocks ersten Farbfilm, erstmals distanziert sich der master of suspense von der klassischen Filmmontage. Er bezeichnete seinen Versuch, einen Film mit nur einer Kameraeinstellung in Echtzeit zu drehen, als „idiotisch“, weil es den Möglichkeiten und dem großen Potential, eine Geschichte visuell zu erzählen, widerspreche. Trotz Hitchcocks Enttäuschung über dieses Experiment zählt Rope zu den wichtigen Werken des Regisseurs, unter anderem weil er seine Meinung gegenüber der klassischen Montage festigte, weil Hitchcock erstmals Bekanntschaft mit dem Technicolor-Verfahren, also dem Drehen eines Farbfilms, machte und weil es der erste von Hitchcock selbst produzierte Film ist.

Mord um der Kunst Willen: Durch ihren ehemaligen Lehrer Rupert (James Stewart) und dessen Erzählung von Friedrich Nietzsches Übermensch-Theorie inspiriert, begehen die beiden „schnieken“ Studenten Brandon (John Dall) und Phillip (Farley Granger) einen ihrer Meinung nach moralisch unbedenklichen Mord an ihrem Kommilitonen David. In ihrer Überzeugung, sie seien besser und höher gestellt und dadurch berechtigt, das Leben „niederer“ Menschen zu beenden, strangu- lieren sie ihr Opfer und verstecken es in einer Büchertruhe, die erst als Sarg, dann als Dinner-Altar fungiert, in ihrem New Yorker Appartement. Um ihrem „Kunstwerk“ den letzten Schliff zu verpassen, geben sie eine kleine Feier und laden Davids Verlobte Janet (Joan Chandler), Kenneth, einen guten Bekannten und Janets Ex-Freund, die Eltern des Verstorbenen und zu guter letzt ihren einstigen Lehrer Rupert ein. Sollten sie ihren gewieften Mentor hinter´s Licht führen, dann ist er ihnen tatsächlich gelungen, der perfekte Mord.

Die Kamerabewegungen und die Bewegungen der Schauspieler entsprechen genau meiner üblichen Schnittmethode. Das heißt, ich hielt mich weiter an das Prinzip, die Proportionen der Bilder zu verändern im Verhältnis zur emotionellen Wichtigkeit der einzelnen Momente.” - Hitchcock zu Truffaut

Mit Rope, mit dem Versuch also, einen Film mit nur einer Einstellung zu drehen, musste Alfred Hitchcock nicht nur technische Schwierigkeiten lösen, er musste ebenso seine Traditionen der klassischen Filmmontage brechen. Die Idee eines so genannten Echtzeit-Films, bei dem Erzähl- und Spieldauer identisch sind, ist auf Patrick Hamiltons Theaterstück zurückzuführen, auf dem Hitchcocks experimen- teller Film basiert. Um die Wirkung eines auf Zelluloid gebannten Theaterstücks zu erzielen, versah Hitchcock sein unkonventionelles Kriminal-Drama mit so genannten unsichtbaren Schnitten. Eine Filmrolle Ende der 1940er Jahre umfasste nur zehn Minuten Spielzeit. Um diese zwangsläufige Unterbrechung sozusagen “zu unterbinden”, fuhr er gegen Ende der Rolle die Kamera an eine dunkle Stelle heran, beispielsweise an ein Jackett eines Protagonisten. Wenn die neue Rolle eingelegt ist, Hitchcock die Kamera an dem Punkt starten lässt, an dem die letzte Rolle endete, entsteht der Eindruck, der Film laufe kontinuierlich fort, ohne durch einen Schnitt unterbrochen zu werden.

Hitchcock meisterte diese technische Herausforderung, den “filmischen Vorhang” zu öffnen und ihn erst gegen Ende des Films wieder zu schließen. Und doch beweist der Sieg über die Technik, oder anders ausgedrückt, das Meistern dieses Verfahrens, dass geschnittene Filme mehr und effektivere Möglichkeiten besitzen, das Publikum nach Belieben zu manipulieren. Der Zuschauer ist bei Rope, wie so oft bei Hitchcock, zwar ebenso Voyeur, doch gelingt es Hitchcock nur bedingt, die Gefühle seines Publikums wie gewöhnlich zu kontrollieren.

In vielen Filmen Hitchcocks, so zum Beispiel in Strangers on a Train oder in Dial M for Murder, spielt der Mord, und oftmals auch ganz speziell der “perfekte Mord”, eine essenzielle Rolle. In Rope (zu Deutsch: Schlinge; einerseits als Mordinstrument, andererseits als Metapher für die fortschreitende Entlarvung der Mörder zu verstehen) streben die beiden Studenten Brandon und Phillip, wobei der bedenkliche Phillip von Brandon überredet und instrumentalisiert wird, den “perfekten Mord” an, der keinen persönlichen Hintergrund besitzt, sondern der von einem pervertierten Existenz- und einem fragwürdigen Moralverständnis Brandons zeugt. Dieser Mord dient nicht der Lösung eines emotionalen Problems, er soll die menschliche Überlegenheit und Autorität “höherer Menschen” beweisen. Und eben jener gescheiterter Beweis, der auf Brandons naive Arro- ganz und Hochmütigkeit zurückzuführen ist, darf als Fehlinterpretation von Nietz- sches Übermensch-Theorie gelesen werden.

Für Hitchcock-Verhältnisse ist Rope mit einer Spieldauer von rund achtzig Minuten ein kurzer Film. Ein minimalistischer noch dazu, spielt die gesamte Geschichte vor nur einem Filmset, einem hochbügerlichen Appartement, was die Verwandtschaft zum Theaterstück geradezu unterstreicht. Die Kamera fährt durch die Wohnung, folgt den Charakteren, baut Suspense auf, lauscht den Dialogen und zeigt die Truhe, in der der ermoderte David liegt. Immer wieder fängt die Kamera die Blicke der Figuren auf die Truhe ein, wie die Hausdame morbider Weise die Oberfläche der umfunktionierten Kiste als Abstellplatz für das Buffet verwendet oder wie der misstrauische Rupert immer wieder einen erwartenden Blick auf eben jenes Holzmobiliar wirft. Hitchcock baut also geschickt Suspense auf, und tritt dem fehlenden Mordmotiv, das einzig im Mord selbst oder in der Kunst eines Mordes liegt, entgegen.

Rope ist in vielerlei Hinsicht ein wichtiger Hitchcock-Film. Vor allem für Hitchcock selbst, der erstmals mit der damals neuen Technik des Farbfilms und den zwangsläufigen Veränderungen, beispielsweise dem Einsatz von Licht und Schatten, in Berührung kam und der erstmals einen seiner Filme selbst produzierte. Rope, dieses filmische Experiment, ist ambivalent: Er beeindruckt, ja, unter anderem weil Hitchcock, dieser große Ausprobierer, diese Technik zu beherrschen versteht. Und gleichzeitig beweist dieser One-Take-Film, dieses One-Take-Verfahren, dass die Möglichkeiten der Zuschauermanipulation vehe- ment eingeschränkt werden. Dabei ist dies doch ein signifikantes Markenzeichen Alfred Hitchcocks.

★★★★★★★☆☆☆

Quelle: François Truffaut “Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht

Autor: Kaiser_Soze
Datum: Dienstag, 17. März 2009 21:25
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14 Kommentare

  1. 1

    Ich selbst fand den ja sehr viel besser, als 7/10 Sternen aussagen würden. Aber das ist wie immer Geschmackssache.

  2. 2

    Den muss ich auch mal wieder sehen. Ein ziemlich genialer und auch sehr spannender Hitchcock, wie ich finde, der neben besagter Kamera/Erzähltechnik auch ´nen paar erstklassige Dialoge hat.

  3. 3

    Auch mir gefällt der Film deutlich besser und ich würde so 9 Punkte geben, wenn ich mich entscheiden müsste.

    Habe damals ein Essay über den Film in einer Schnittvorlesung schreiben dürfen. Mann ist das schon lange her!

  4. 4

    Ich schliesse mich den Meinungen der vorherigen Kommentatoren an. Der Film, obschon bei dir positiv besprochen, kommt in der Wertung im Verhälntnis zu schlecht weg. Natürlich hat Flo recht, wenn er davon spricht, dass es immer auch Geschmacksache ist. Dennoch:

    In meinen Augen fokussiert deine Review zu stark auf den technischen Aspekten des Films und den wenigen und verborgenen Schnitten. Das der Film noch dazu auf der inhaltlichen Ebene, also der Problematisierung des perfekten Mordes, sowie der pervertierten Moralvorstellungen der Protagonisten Maßstäbe setzen kann, bleibt dagegen leider ziemlich außen vor.

  5. 5

    Schade, dass du dich nur auf die meines Erachtens völlig abgeschmackten, überschätzten und letztlich nur dem Verdeck der subversiven Storykonstellation dienlichen inszenatorischen Spirenzien stürzt… eine ROPE-Kritik, die hauptsächlich die Montage hervorhebt, hat im Jahre 2009 mehr als einen langen Bart.

    Vielmehr gibt es fast keinen Film der 40er-Jahre, der so offenkundig und gleichzeitig chiffriert eine Geschichte ausschließlich mit schwulen Figuren erzählt… das zu untersuchen (und vgl. REBECCA oder natürlich STRANGERS ON A TRAIN heranzuziehen), wäre reizvoll gewesen.

    Übrigens auch ein Grundatzproblem des Truffaut-Buches… lauter aneinandergereihte Oberflächlichkeiten.

  6. 6

    @Vega

    War natürlich klar, dass du auf diese “schwule Offenkundigkeit” anspielst. ;-) Allerdings muss ich gestehen, dass ich diese Bezüge im Film nicht ausmachen konnte. Vielleicht kenn ich mich da auch nicht so aus. ;-)

  7. 7

    Aber das ist doch offensichtlich… selbst für jemanden, der da sonst gar keinen Blick für hat? Selbst im Making Of auf der DVD - bekanntlich sonst auch nur eine Quelle an Plakativem - wird das vom Drehbuchautor bestätigt.

  8. 8

    Für mich ist das nicht offensichtlich. Geb mir doch mal nen Hinweis darauf.

  9. 9

    http://www.google.de/search?hl=de&q=rope+homosexual+subtext&btnG=Google-Suche&meta=

  10. 10

    Och nö, fangen wir jetzt so an zu diskutieren?^^

    Und trotzdem find ich diesen homosexuellen Subext nicht interessant und auch nicht offensichtlich. Bloß weil das Theaterstück von Schwulen erzählt. Nun ja…

    @ C.H.

    Hab den Beitrag für dich “aufgepimpt” und nochn Absatz bezüglich des Inhalts geschrieben. ;)

  11. 11

    Hey, You’re the man! :D

    Ne, im Ernst: Gefällt mir gleich viel besser. ;-)

  12. 12

    OT: Warum ist Filmsucht vom Netz?

  13. 13

    Keine Zeit. Hab mit der eigenen schon genug zu tun, also das man hier ab und an auch was liest.

    Kann dir gerne die Leitung übertragen ;) Die Seite ist nicht gelöscht.

  14. 14

    Ah so, alles klar. Vielleicht später mal.:D

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