Kino: WATCHMEN (2009)

1985. Die symbolische Uhr, die einen voraussichtlichen Nuklearangriff zwischen den Vereinigten Staaten Amerikas und der Sowjetunion anzeigt, steht auf fünf Minuten vor zwölf. Der Kalte Krieg scheint endgültig zu eskalieren und eine nukleare Apokalypse nach sich zu ziehen. Schnitt. In Alan Moores Watchmen haben die USA den Vietnamkrieg gewonnen, die Watergate-Affäre hat Nixon nie das politische Rückgrat gebrochen, im Gegenteil, man wählte ihn bereits zum fünften Mal in das Präsidenten-Amt. Schnitt. In den 1940er Jahren haben sich “Selbstjustizler” in kostümierte Schale geworfen, um auf Verbrecherjagd zu gehen. Später schlossen sich diese menschlichen Superhelden zur so genannten “Minutemen“-Vereinigung zusammen. Schnitt. In den 1970er Jahren werden die Vigilanten verboten; ihnen bleibt die Wahl, zurückzutreten oder für die Regierung zu arbeiten. Schnitt. 1985. Der einstige Superheld The Comedian, ein äußerst gewalttätiger Zyniker, der einst für die Regierung arbeitete, wird im Alter von 67 Jahren in seinem Appartement ermordet. Seine Ermordung lässt den ambi- valenten Soziopathen Rohrschach, einer der wenigen Kostümträger, der noch im Untergrund operiert, an eine Verschwörung gegen die Superhelden glauben.
“Who watches the Watchmen?”
Aus vielen Gründen galt Alan Moores und Dave Gibbons´ Jahrhundertwerk Watchmen lange Zeit als unverfilmbar. Zu komplex, zu episch, sei er, der einflussreichste Graphic Novel der 1980er Jahre, der den Konventionen des “einfachen Comics” keine Beachtung schenkt, indem er den klassischen Superheldenmythos und den Amerikanischen Traum gleichermaßen denunziert. Watchmen ist in seiner Fülle, seiner Charakterentwicklung und Detailbesessenheit kein Comic für´s Kino, unter anderem weil Moore seine Geschichte auf zwölf Kapitel ausbreitet. Und selbst zwischen diesen erweitert er sein “Universum” mittels apokrypher Schriften. Watchmen ist schlicht zu groß für´s Kino. Denn wo ein Film trotz langer Laufzeit eine Reproduktion immer konzentrieren muss, um eine adäquate Umsetzung zu ermöglichen, kann der Graphic Novel ausschweifend über seine Figuren, über Gegebenheiten, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft philosophieren.

Watchmen, der Film, den man ohnehin schon auf zweieinhalb Stunden aufge- blasen hat, wirkt trotz seiner Vorlagentreue stellenweise inkohärent. Zack Snyder, der bereits Frank Millers “Thermophylen-Schlacht” 300 inszenierte und zum visuell überreizten Effekte-Spiel mutieren ließ, will jeden Nebenhandlungs- strang, jedes noch so kleine Detail in seinen Film packen, er will der Vorlage gerecht werden. Und weil Watchmen nicht für´s Kino konzipiert wurde, bleibt Snyder nichts anderes übrig, als den Plot zu konzentrieren, Ausschweifungen der Graphic Novel in schneller Abfolge zu erzählen. Er springt innerhalb der Kapitel vorwärts, die Geschichte wird so selten zu einem kohärenten Ganzen. Nur der virtuosen Anfangssequenz, untermalt von Bob Dylans “The Time They Are A-Changing“, in der Snyder die Geschichte der Minutemen, beginnend mit der Vereinigung der Superhelden in den 1940er Jahren, visualisiert, gelingt es, eine “ehrliche” Verbindung zu seiner Vorlage herzustellen.
Ohnehin versieht Snyder den Film mit einem ironisch-komischen Unterton, den der Comic nie anstimmt. Unter anderem die Musikauswahl, die von Nenas “99 Luftballons” bis hin zu Jimi Hendrix´ “All Along The Watchtower” reicht, will so gar nicht zur ernsten Thematik der Vorlage passen. Und wenn Snyder dann eine ohnehin schon überzogene Sex-Szene mit Leonard Cohens “Hallelujah” untermalt, versteht man, dass Snyder eben nichts versteht. Seine Intention ist es, jedes Panel der Graphic Novel bis auf´s Äußerste zu reproduzieren, er will so nah wie möglich an die von Dave Gibbons gezeichneten Bilder herankommen. Und ja, Snyder ist ein geschickter, ein raffinierter Reproduzent, allerdings nur die Visualisierung betreffend. Er macht es sich ziemlich einfach, wenn er keine eigene individuelle Interpretation in den Film mit einfließen lässt, wenn er sogar die Narration seines Vorbilds übernimmt. Einzig die exzessive, absolut unnötige und sinnfreie und mit technischen Effekten “aufgepimpte” Gewaltdarstellung, die ein wenig an die Comic-Brutalität von Sin City erinnert, trägt Snyders naive und gefällige Signatur.

Als Unterhaltungskino funktioniert Watchmen vielleicht. Als schnittige Comic- verfilmung für die Massen, die den Graphic Novel nicht kennen, mag der Film durchaus sehenswert erscheinen. Allerdings ist zu konstatieren, dass alles, was Watchmen so gut macht, der Verdienst der Vorlage ist, der Verdienst von Alan Moore und Dave Gibbons, die eine Welt erschaffen, die nicht von ihrer Visualisierung, ihren Effekten oder ihrer Brutalität lebt, sondern von ihrer Frage nach der Existenzberechtigung von Superhelden, von der Ambivalenz der selbst erkorenen Kostümträger und ihrer Auslegung von Selbstjustiz. Zack Snyders “schöner” Film, der bis auf Jackie Earle Haley als Schwarz-Weiß-Extremist Rohrschach auch noch schlecht besetzt ist, versteht sich als Ohrfeige für Alan Moores und Dave Gibbons´ transzendierendes Schaffen.















Sonntag, 15. März 2009 16:43
War ja klar…
Ja, was denn nun? Einerseits wirfst du Snyder vor das er seine eigene Version (und damit Interpretation) in Form der ironischen-komischen Note in den Film einfließen lassen würde, auf der anderen Seite aber sprichst du ihm jegliche individuelle Interpretation ab.
Tja, vielleicht ist “Watchmen” ja wirklich unverfilmbar, aber nicht weil er unverfilmbar ist, sondern weil es Synder eh nie allen recht machen kann. Die einen kritisieren ihn für seinen “Verrat an der Vorlage”, er häte nichts verstanden, und die anderen bemängeln das er einfach nur stur den Comic abgefilmt hat.
Immerhin gehst du gleich mal in die Vollen und kritisierst ihn für Beides: Keine eigene Interpretation, aber wenn doch mal was zu finden ist, ist es auch mist..
Sonntag, 15. März 2009 16:50
Immerhin einer hat’s geschnallt.
Sonntag, 15. März 2009 17:54
Moment, C.H. Da gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied. Mit der exzessiven Gewaltdarstellung und der gefälligen Musikauswahl macht Snyder nur Zugeständnisse ans Mainstreampublikum. Eine eigene Interpretation des Themas, ähnlich wie zum Beispiel Tim Burton bei BATMAN RETURNS, lässt er hingegen vermissen. Und mehr noch, reproduziert er sogar das vorherrschende Amerika, ohne eine eigene Note miteinzubinden. Das Potential, das diese Endzeitstimmung und das vertrauenslose Gesellschaftdenken evoziert, lässt er ungenutzt, er hätte eine ähnlich düstere Atmosphäre wie BLADE RUNNER oder BATMAN RETURNS aufbauen können. BLADE RUNNER bzw. Vangelis Musik wird sogar in einer Szene zitiert. Aber, wie gesagt, hat Snyder nur Malen-Nach-Zahlen gespielt.
Sonntag, 15. März 2009 18:08
Ich sehe den Film im Kern genauso wie Du und Flo, nur muß man bei aller Abneigung gegen Snyders Herangehensweise auch zugestehen, daß der Film dennoch ein gewisses Unterhaltungspotenzial und auch eine filmische Qualität mit sich bringt. Von daher habe ich für Eure sehr schlechten Bewertungen zwar ein gewisses Verständnis, finde sie aber überzogen. Soviel schlechter als Nolans Batman Filme ist Watchmen auch nicht. Egal wie weit er sich von seiner Vorlage entfernt.
Sonntag, 15. März 2009 18:49
Da stimme ich dir zu
Sonntag, 15. März 2009 18:55
Da stimme ich dir zu
So siehts doch aus.;)
Sonntag, 15. März 2009 19:04
@Tumi
Ich schrieb ja auch:
Aber inwiefern “filmische Qualität”? Meinst du, dass er ein guter Reproduzent ist?
Sonntag, 15. März 2009 19:23
Na, ich würde es mal so ausdrücken. Eine billig heruntergekurbelte Cashcow sind Snyders Watchmen garantiert nicht.;)
Sonntag, 15. März 2009 19:33
Genau, da gebe ich tumluder recht. Und bei aller vielleicht gerechtfertigten Kritik am Film: “Die exzessive Gewaltdarstellung und die gefällige Musikauswahl” sind mit Sicherheit nicht einfache Zugeständnisse ans Mainstreampublikum nur um die Cashcow zu melken. Ob man diese Dinge als gelungen erachtet, darum geht es hier ja erst mal nicht.
Sonntag, 15. März 2009 21:46
@Tumulder
Das hab ich auch nie behauptet
@C.H.
Natürlich, damit will Snyder dem Mainstream-Publikum gefallen. Was soll diese Untreue der Vorlage gegenüber denn sonst sein? Will der Mann jetzt unnötig witzig sein, oder wie darf ich das verstehen.
Außerdem: Ich würd´ dich gern mal sehen, wenn so ein (harsch ausgedrückt) Stümper kommt, und DEIN Werk so verschandelt bzw. so einfach und primitiv kopiert, obwohl du immer gesagt hast, dass dein Comic nicht fürs Kino gedacht war.
Sonntag, 15. März 2009 22:15
Alan Moore ist doch selber schuld. Mal ganz abgesehen davon das es ihn wohl kaum jucken wird was die Stümper vom Film aus seinen Vorlagen machen. Das wird ihm also herzlich egal sein. Aber andererseits: Warum beteiligt er sich nicht an der Verfilmung? Er wollte ja noch nicht mal mit Snyder reden. Mit der Leidenschaft mit der du hier argumentierst, könnte man fast meinen man hätte deine Vorlage verschandelt
BTW: Die Die exzessive Gewaltdarstellung kann man wohl kaum als Mainstreamverträglich bezeichnen, und Snyder ging es da garantiert nicht drum. Immerhin hat der Film nen R-Rating bekommen, und Snyder musste ganz schön pushen um das bei den Studios durchzubekommen. Hätte der Film konsenorientert auf cashcow gebürstet werden sollen, hätte man nen pg-13 Streifen draus gemacht. DAS wäre dann Anbiederei gewesen.
Will der Mann jetzt unnötig witzig sein, oder wie darf ich das verstehen.
Das darfst du als eigene Interpretation von Synder verstehen, die dir ja nicht passen muss, die aber zeigt, dass der Mann sich Gedanken gemacht hat. Wie auch immer man das beurtielen möchte…
Sonntag, 15. März 2009 22:40
Ich seh´ schon. Wir kommen da so oder so nicht auf einen Nenner
Sonntag, 15. März 2009 23:02
Alan Moore ist Schuld, wenn Zack Snyder eine scheiß Verfilmung dreht? Heideiwtzga. Und zum anderen Satz: wieso soll er sich an einer Verfilmung beteiligen, wenn er sein Werk 1. nie fürs Medium Film gedacht sah und es 2. für unverfilmbar hält? Zudem hatte er bereits einmal eine Drehbuchfassung halbwegs abgesegnet, die Snyder und Konsorten dann wieder über den Haufen geworfen haben.
Ruft man sich ins Gedächtnis, dass die explizite Gewaltdarstellung von Snyder Szenen sind, die ER zum Film dazu gedichtet hat bzw. die SO nicht im Comic zu sehen waren, dann ist dies wäre eine Weglassung eine Annäherung an das Original und keine Anbiederei gewesen.
Zeugt davon, dass er scheinbar nicht denken kann. So ne Musik ist völlig unnötig, da hätte man auch als Rorschach von der Polizei umstellt wurde und er die Spraydose zweckentfremdete “Fire” von Arthur Brown spielen können. Oder “Oh Yeah” von Yello.
Sonntag, 15. März 2009 23:04
als Akerman bei Dreiberg im Kostüm die Treppe runter kommt.
Und bei Rorschachs zynischen Kommentaren Studiogelächter wie in der Sitcom drunter mischen. Ja, nee is klar.
Sonntag, 15. März 2009 23:17
Go, Flo. Go, Flo.
Montag, 16. März 2009 11:29
Für mich sind vor allem 99 Luftballons ein Ausdruck Snyders Unbeholfenheit hier ein Cold War Szenario auf die Beine zu stellen. Zumal der Song absolut nicht zur Szene paßt. Paul Hardcastles 19 hätte auch noch rein gepaßt (Vietnam).:D
Sonntag, 29. März 2009 19:40
Die Schwanzaufnahmen von Dr.Manhatten waren ok; der Rest am Film scheisse.
Bleibt bei den Comics (ach ne, heissen ja jetzt Graphic-Novel!!
Donnerstag, 13. August 2009 14:44
[…] Musikvideo Desolation Row von “My Chemical Romance”). Die Review zum Kinofilm gibt´s hier. Tags » Alan Moore, Daniel Delpurgatorio, Eric Matthies, Tyler Bates, Zack Snyder « […]
Sonntag, 20. Dezember 2009 20:15
Die beste Comic-Verfilmung die ich kenn. Ich muss dazu sagen das ich kein großer Fan von Comic-Verfilmungen bin. Spiderman und Hellboy haben mich zu sehr verstört. Batman steht da allerdings außen vor
Montag, 21. Dezember 2009 0:13
Würdest du den Comic gelesen haben, wärst du sicher meiner Meinung
PS: BATMAN RETURNS ist die beste Comicadaption.