Retro: BATMAN RETURNS (1992)

Tim Burton besaß nie wirklich die Kontrolle über seinen ersten Batman-Film. Unerwartete Drehbuchänderungen inmitten der Produktion, spontane personelle Veränderungen und Meinungsverschiedenheiten bezüglich fundamentaler Entscheidungen zwischen Burton und Warner machten ihm seinerzeit zu schaffen. Ohnehin stand das Millionen-Projekt schon vor Drehbeginn unter keinem guten Stern, weil Burtons Vision eines düsteren, eines tiefgründigen Batman-Films nicht im Einklang mit Warners ökonomischen Intentionen war. Denn Batman sollte nicht nur einen Mythos wiederbeleben, den der trashig-campige Vorgänger aus den 60er Jahren zerstörte, indem er Batman zur popkulturellen Figur verklärte und die Ambivalenz dieses Charakters außen vor ließ, der Film sollte auch neue Maßstäbe bezüglich spiraler Marketingkampagnen setzen. So wurde das Projekt nicht nur durch eine intermediale Großvermarktung, sondern auch dank eines viel- schichtigen und breit gefächerten Merchandisings zu einem beispiellosen Mega-Konzept aufgeblasen. Und ja, die Rechnung ging auf: Warner Bros. füllte sich nicht nur mit einem 250 Millionen Dollar-Einspielergebnis die Taschen, vor allem durch Merchandise-Artikel (T-Shirts, Spielzeug, Poster etc.) verdiente sich das Major-Label ein goldenes Näschen.
Dieser finanzielle Erfolg übertrug Tim Burton zwar erneut die Regie für das anstehende Batman-Sequel, doch das Ergebnis, dass er mit dem eher konven- tionellen Batman abgeliefert hatte, enttäuschte ihn zutiefst. “Folter - die schlimmste Zeit meines Lebens”, sagte Burton einst in einem Interview. Und doch wagte er sich erneut an den Stoff, der doch so viel mehr hergibt, als die erste von ihm inszenierte Comicverfilmung, die zwar eindeutig Burtons unverkennbare Handschrift trägt, der man allerdings die Produktionsschwierigkeiten in Form einer zu klassisch und obendrein etwas holprig erzählten Geschichte anmerkt. Dass Batman doch so vielschichtiger ist, als er ihn in seinem ersten Film hat interpretieren können, erkennt man deutlich an Batman Returns, der Fortsetzung des Franchise, die allerdings wenig Sequel-Charakter besitzt, da sie zum einen nicht da anknüpft, wo der Vorgänger Batman endet, und zum anderen auch substanziell in eine ganz andere Richtung geht. Burton ist eigentlich kein Freund von Fortsetzungen, er bevorzugt es, eine Geschichte in nur einem Film abzuschließen. Durch die uneingeschränkte künstlerische Freiheit, die ihm Warner zusagte, entschied er sich letzten Endes doch um.

Tim Burton konnte also ohne Einschränkungen und ohne auf Kompromisse eingehen zu müssen an den Stoff herangehen. So distanzierte er sich so weit wie möglich von seinem Frühwerk, schmiss konstitutive Formen über Bord und konnte sich so erstmals seiner Vision eines düsteren Psychogramms hingeben. Die beiden Burton-Teile verbindet bis auf Anton Fursts zeitloses Set-Design also kaum Gemeinsamkeiten. Und selbst dieses wurde auf Anweisung von Burton überarbeitet. Was keineswegs heißen soll, dass Anton Furst nicht der kreative Kopf von Gotham City bleibt. Schließlich legte er den Grundstein für dieses virtuose Konglomerat, das dank der Verschmelzung expressionistischer und kubistischer Stilrichtungen eine zeitlose Metropole entwirft, in der stets Dunkelheit herrscht.
In Batman konnte Burton Batmans dualen, ambivalenten Charakter weder ausformulieren noch adäquat behandeln. Er tangierte diesen Ansatz regelrecht. Burton präsentierte ihn als traumatisierten Rächer, der aufgrund der tragischen Ermordung seiner Eltern durch die Hand eines Verbrechers selbst zum Monster “mutiert”, die ihre eigenen Regeln aufstellt, um sich am Gesindel der Stadt zu rächen. Und mehr noch zeigte Burton die Diskrepanzen/Differenzen zwischen Bruce Wayne, dem Millionärssohn, einsam und isoliert lebend auf seinem riesigen Anwesen, und dessen Alter Ego, vielleicht seine wahre Identität in Gestalt einer Fledermaus, versteckt hinter einer Maske. Doch Batman/Bruce Wayne ist viel komplexer, als es die Charakterdarstellung in Teil eins vorgibt, die, wie oben bereits erwähnt, von Burton nicht ausformuliert wurde, weil die Intentionen des Studios in eine andere, eine ökonomische Richtung gingen, und somit also entgegengesetzt zu den Absichten Burtons.

Es ist die Figurenkonstellation, die Burton beeindruckte, und die ihn damals endgültig dazu bewegte, eine Fortsetzung zu drehen. Mit dem Pinguin, Catwoman und Max Shreck stehen Batman gleich drei Antagonisten gegenüber. Und sie besitzen alle, auch untereinander, unübersehbare Charaktereigenschaften, die die Grenzen zwischen gut und böse verwischen lassen. Held und Bösewicht sind hier kaum noch identifizierbar: Der Pinguin, das erzählt die erste Sequenz des Films, wurde vor 33 Jahren als missgebildetes Kind, mit Flossenartigen Händen (man denke da nur an Edward Scissorhands) und animalischen Verhaltenszügen gekennzeichnet, von seinen großbürgerlichen Eltern ausgesetzt. Ein Ausge- stoßener aus der Gesellschaft, der über drei Jahrzehnte unter Gotham City in der Kanalisation lebte, um sich pünktlich zum Fest der Liebe, dem Weihnachtsfest (Burton dreht hier, wie so oft in Batman Returns, die eigentliche Symbolik um), an der Gesellschaft zu rächen. Der Pinguin ist also ebenso wie Batman ein Außenseiter. Und Außenseiter behandelt Burton ja wie kaum ein anderer. Batman und der Pinguin, beides Kreaturen der Nacht [1], beides Schattenwesen, abgekapselt von einem soziokulturellem Gefüge lebend.
Auch Selina Kyle, die scheue und naive Sekretärin des korrupten Konzernchefs Max Shrek, ist einer dieser Geächteten. Eine Repräsentantin der Unterschicht, gefügig, schüchtern, alleine, die ein Leben lebt, das sie verabscheut und nicht anders kennt, in einer knallbunten Wohnung, durch die ein ebenso farbig angestrichener Stahlträger ragt. Als Selina hinter die dubiosen Machenschaften Max Shreks kommt, der mit seinem forcierten Kraftwerk-Projekt Gotham City Elektrizität abziehen will, anstatt sie zu erzeugen, und dessen scheinheilige Fassade sich hinter seiner großbürgerlichen “Maske” versteckt, wird sie von ihrem Chef kurzerhand aus dem Fenster geschubst. Der Fall tötet sie nicht, ganz im Gegenteil, sie wird neu geboren: Mehrere Stockwerke abstürzend und auf dem Boden von einer Horde umherstreifender Katzen angeknabbert erwacht sie mit neuer Identität. Selina Kyle war einmal. Diese Verwandlung nimmt konkrete Züge an, als Selina, oder jetzt besser Catwoman, in ihre Wohnung tritt und ihrer Zerstörungswut freien Lauf lässt. Sie näht sich ein pechschwarzes, hautenges Lederköstum, versteckt sich also ebenso wie Batman hinter einer Maske und geht mit Peitsche und noch acht weiteren (Katzen-) Leben auf “Jagd” in einer von Männer dominierten Welt. Neben dem Pinguin (Vogel) und Batman (Fledermaus) wird mit der Geburt von Catwoman (Katze) eine weitere animalisierte Analogie hergestellt.

Der eigentliche Bösewicht der Geschichte ist allerdings Max Shreck (”Nosferatu”-Zitat), der nicht nur Gotham City, einem dunklen Moloch, das ohnehin schon von einer Untergangsstimmung geprägt ist, mit seiner politischen Subversion zerstören will und sich dafür auch noch kollektiv feiern lässt, sondern auch dem Pinguin, den er in seine Pläne mit einbezieht und der dessen Suche nach der Erklärung für sein gesellschaftliches “Exil” ausnutzt. Er ist mit dem Pinguin der einzige, der keine Maske trägt, zumindest keine äußere (Innere und äußere Gegebenheiten sind in Batman Returns aufgrund der schwer identifizierbaren und schillernden Figuren ohnehin schwer auszumachen). Er ist der einzige in eine Gesellschaft integrierte, ein Großbürgerlicher. Burton trennt, von der Charakterdarstellung einmal abgesehen, die Gesellschaftsklassen auch allegorisch: Während Max Shreck seine korrupten Geschäfte in einem großräumigen Konferenzraum im obersten Stockwerks eines Skyliners vollführt, und sozusagen auf die Stadt herunterblickt und wenn es sein muss, sogar neugierige Mitarbeiter im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, heckt der Pinguin, eine vom Bürgertum ausgestoßene Missgeburt, seinen Racheplan unter den Säulen der Stadt aus.
Diese komplexe und für eigentliche Comicverhältnisse einmalige Figurenkon- stellation erreicht dann ihren Höhepunkt, wenn Bruce Wayne und Selina Kyle, die sich sonst als maskierte Nachtgestalten gegenseitig bekämpfen (zwischen- zeitlich bändelt Catwoman mit dem Pinguin an, um Batman zu Fall zu bringen. Sie manipulieren eine Ermordung, indem sie Batman dafür verantwortlich machen. Batman, der nach Ende des ersten Teils endlich zum Erlöser-Symbol Gotham Citys avanciert, wird von der hiesigen Gesellschaft wieder in Frage gestellt. Held oder Bösewicht also), emotional aufeinander einlassen. Wenn Bruce und Selina sich als einzige Gäste ohne Masken, äußerlich unkostümiert also, innerlich nicht, para- doxerweise auf einem Maskenball gegenseitig und gleichzeitig als “Kreaturen” identifizieren, dann ist das ganz großes (Burton-) Kino.










[1] Den konnte ich mir nicht verkneifen, Rajko.
Quellen: Helmut Merschmann “Tim Burton“





Samstag, 21. Februar 2009 11:48
[…] Batman wird trotz gesellschaftlicher Skepsis - Bedrohung oder Erlöser -, oder vielleicht gerade deswegen, nie zu einer Metapher und nur ganz am Ende des Films, in der letzten Einstellung sozusagen, zu einem Symbol. Die Mythologie, Dualität, Ambivalenz und Zwiespältigkeit, die Komplexität dieser Figur also, findet allerdings keinen Eingang in den Film, obgleich der Einfluss Frank Millers und Alan Moores deutlich auszumachen ist, unter anderem, weil Batman letztlich doch ein schwer definierbarer Held ist. In einem Dialog zwischen Batman und Journalistin Vicky Vale, die über Gothams Rächer recherchiert und gleichzeitig unwissend mit ihm, also mit Bruce Wayne, eine Affäre beginnt, wird die nächtliche Erscheinung Batmans hinsichtlich gesellschaftlicher Wahrnehmung auf einen höchst interessanten Punkt gebracht: “Er ist ein Psychopath“, stellt Batman ihr gegenüber fest, als das Wort auf den Joker fällt. “Manche sagen dasselbe über Sie“, erwidert sie ihm, und macht damit deutlich, dass Batman nie nur der Held sein kann. Friedrich Nietzsche hatte also Recht, als er behauptete: “Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zuseh´n, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” Inwiefern diese Erkenntnis auf Batman zutrifft, verrät Tim Burton erst in seiner meisterlichen Fortsetzung Batman Returns. […]
Sonntag, 22. Februar 2009 13:51
Diese Kreaturen-der-Nacht-Formulierung fand ich ja ehrlich gesagt schon in meinem Review irgendwie sehr unpassend, aber schön, dass du es gleich zwei Mal verwendest.
Gute Motiv-Analogie der Flossenhände mit Edward Scissorhands.