Kino: THE CURIOUS CASE…

… of Benjamin Button (2008)
Mit dem Geist eines Kindes und dem Körper eines alten, gebrechlichen Mannes kommt er auf die Welt. Es ist der Tag, an dem der Erste Weltkrieg für beendet erklärt wird, an dem ganz New Orleans auf den Straßen feiert, und gleichzeitig der Tag, an dem Benjamin Burton (Brad Pitt) geboren und von seinem Vater, einem reichen Fabrikant, auf den Treppenstufen eines Altenheimes ausgesetzt wird. Der Arzt attestiert ihm kaum Überlebenschancen. Doch Queenie (Taraij P. Henson), die Benjamin in ihre Obhut genommen hat und sich für das Altenheim verantwortlich zeichnet, gibt den kleinen Greis nicht auf. Er wird älter, sein Geist wird älter, wie der eines normalen, eines gesunden Menschen, während sein Körper sich verjüngert. Dieser umgekehrte Lebenszyklus macht ihn zu etwas Besonderem, und gleichzeitig zu einem Außenseiter. Mit dem jungen, rothaarigen Mädchen Daisy (Elle Fanning, später: Cate Blanchett), eine Enkelin einer Heimbewohnerin, baut Benjamin eine enge und vertraute Freundschaft auf. Doch die Beziehung leidet unter dem nur äußerlich betrachtetem Altersunterschied. Als er das Altenheim verlässt, auf See hinaus fährt, das Leben außerhalb New Orleans kennenlernt und eine Affäre mit einer verheirateten Frau beginnt, bricht der Kontakt fast gänzlich ab. Doch sie treffen sich wieder, in der Mitte ihrer beider Leben, gleichaltrig, endlich fähig, ihre nie wirklich ausgesprochene Zuneigung zueinander auszuleben. Sie wissen, ihre körperliche Bindung hat keine Zukunft. Aber ihre Liebe schon.
Das Kino des David Fincher ist, wie Georg Seeßlen es einst nannte [1], “ein Kino des Zorns”. Seine Filme sind psychologisches Anschauungsmaterial, oftmals, nein, eigentlich immer eng verbunden mit Akten der Gewalt und des Terrors. Seine Figuren sind stets “Gefangene”. Gefangene eines Spiels (The Game), Gefangene ihrer selbst (Fight Club), es sind Figuren, denen Fincher bewusst die Kontrolle entzieht. Einzig er selbst besitzt sie, also die Kontrolle und Entscheidungsmacht, in seinen konstruierten Kunststücken. Und er weiß, wie er diese bedrohlichen Systeme, diese abstrusen Weltanschauungen fabriziert und verkauft. Um die Paranoia seiner Figuren auf den Zuschauer zu übertragen, engt er Raum und Zeit ein. Das gelingt ihm inhaltlich ebenso bravourös wie technisch. Niemals erzählt Fincher eine Geschichte, ohne sie visuell zu unterfüttern, sie zu versinnbildlichen, sie sozusagen zu bedienen. Er generiert somit eine sehr dichte, eine sehr bedrückende Atmosphäre, die ohnehin schon angespannt ist, weil Finchers Filme nihilistisch, pessimistisch und ohne “wahre Liebe” sind. Ganz selten versprüht er ein Fünkchen Hoffnung. Und wenn er es doch einmal tut, dann nur, um diese im nächsten Moment als Lüge und Blendung zu entlarven. Denn ein happy ending, wenn der Begriff auch ein dehnbarer ist, bekommt sein Publikum nie zu sehen.
The Curious Case of Benjamin Button, sein aktueller Film und jüngst mit dreizehn Oscarnominierungen bedacht, ist wenig fincheresque. Er entzieht sich sozusagen allen typischen Merkmalen, die einen David Fincher-Film auszeichnen. Finchers Handschrift ist nicht wieder zu erkennen. Sie ist im Grunde verschwunden. Ausradiert. Wo einst Verzweiflung und Selbstzweifel die Charaktere bestimmten, ist es jetzt die Liebe, die sie am Leben hält, die ihnen Hoffnung und Geborgenheit schenkt. Und mehr noch, selbst auf die Enge des Raumes beschränkt er sich nicht mehr, ganz im Gegenteil, entwirft er sogar ein kleines Epos, das sich über Jahrzehnte, ja, über ein ganzes Leben erstreckt. Er distanziert sich auch inhaltlich von seinen bisherigen Werken. Was einst psychotisches Gedankenspielchen war, weicht jetzt zeitloser Romantik. Er appelliert also weniger an die Moral seines Publikums, an die Vernunft, er versucht es (kaum noch) zu manipulieren. Seine Intention ist es, den Zuschauer auf emotionaler Ebene zu berühren, kurz: Kinomagie zu erschaffen, oder besser zu fabrizieren.

The Curious Case of Benjamin Button erzählt eine langatmige, ausschweifende und ausgestopfte Liebesgeschichte über Schicksal und Zufall, über Leben und Tod, über Vergänglichkeit und Erinnerung. Und mehr noch ist es auch eine Geschichte über Raum und Zeit, über das Erleben historischer amerikanischer Ereignisse des 20. Jahrhunderts, ähnlich wie Forrest Gump. Ohnehin weist Finchers Film viele Parallelen zu Robert Zemeckis unironischer “Amerika-Reise” auf, unter anderem weil es sich hier um ein und denselben Drehbuchautor handelt. So erlebt Benjamin Button ebenso historische Einschnitte amerikanischer Geschichte, und das immer als objektiver Betrachter, so liebt er trotz räumlicher Entfernung eine Frau, die ihn sein ganzes Leben begleiten soll. Und diese Liebesgeschichte, die die Idee des Jünger-Werdens (basierend auf der Prämisse von F. Scott Fitzgeralds gleichnamiger Novelle aus dem Jahr 1922) aufgreift und dramaturgisiert, wird von Fincher mit Figuren und Rahmenhandlungen so vollgestopft, dass sein Film deutliche Längen aufweist. Allerdings liegt der größte Schwachpunkt des Drehbuchs in der Tatsache, dass die Idee des Jünger-Werdens nur mit technischen Spielereien und grandioser Ausstattung ausgeschmückt wird, nicht aber behandelt. Formal ist das ganz großes Technik-Kino, nur eben ohne Inhalt.
David Fincher fokussiert geradezu eine wenig aufregende Romanze, er stiehlt der Idee sozusagen den Reiz und er verschwendet sie für eine ungewöhnliche, holprige Liebesgeschichte, anstatt sich auf Benjamin Buttons Innenleben zu konzentrieren, seine Probleme, seine Konflikte mit dem Jünger-Werden eben, ein Leben als Außenseiter. Fincher tangiert lediglich diese Diskrepanzen, er führt sie allerdings nicht konsequent zu Ende. Er beschränkt diese Idee auf ihre visuellen Möglichkeiten, auf ihre Ästhetik, ohne seinem Film eine eigene Bildersprache zu geben. Das ist l`art pour l`art - Kunst um der Kunst willen. Und nicht das erwartete Meisterwerk.










[1] Georg Seeßlen: “Dirty Harry lebt hier nicht mehr - Männer, Mythen und die Kinomaschine in den Filmen von David Fincher”





Samstag, 31. Januar 2009 15:28
Hatte mir irgendwie schon gedacht, dass der Film bei dir als Fincher-Fan durchfallen muss.
Und den unsäglichen Seeßlen heranziehen, dazu sag ich besser mal nichts.
Samstag, 31. Januar 2009 15:41
Das hat jetzt zuvorderst nichts mit deinem Review zu tun, aber ich gewinne doch den Eindruck, dass die Blogger-Szene den Film weitaus kritischer rezensiert, als es der restliche Feulliton tut. Wie auch immer, ich freue mich sehr auf den Film, zu Mal ich glaube, dass er mir gefallen wird…
Samstag, 31. Januar 2009 17:04
Mal davon abgesehen, dass das einer der wenigen hier in Deutschland ist, der den Durchblick hat, hab ich ihn nicht “herangezogen”, sondern schlicht eine Redewendung von ihm übernommen.
@ C.H.
Das kann gut sein. Für mich als großer Fincher-Fan tat das auch ziemlich weh, den so zu bewerten. Aber was soll ich machen?
Samstag, 31. Januar 2009 17:10
Zum Glück hab ich grad keine Salzbretzel gegessen, sonst hätt ich hier den W. gegeben.
Sonntag, 1. Februar 2009 13:13
Der Pate 3 sage ich nur^^
Sonntag, 1. Februar 2009 13:55
Ja, ja, kommt noch
PS: Bist du der Blade Runner von ofdb?
Montag, 2. Februar 2009 14:43
Der Film ist ganz gut gelungen. Ich habe die COMIC Serie geliebt…
Besser als alle Batman Verfilmungen zusammen…
Dienstag, 3. Februar 2009 19:38
Ich glaube, du verwechselst da was
Samstag, 7. Februar 2009 1:57
[…] Intermoviession: 4/10 […]
Sonntag, 8. Februar 2009 19:33
ich bin ja einer der wenigen, so schenit mir, der den film recht gelungen fand. dass er auch meiner meinung nach keien 13 oscar-nominierungen verdient hat, steht auf einem ganz anderen blatt. und in finchers gesamtwerk reicht es auch nur zu einer hinteren platzierung (was bei seinen werken keien schande ist).
Montag, 9. Februar 2009 17:00
[…] Intermoviession eingetragen von […]