Retro: REQUIEM FOR A DREAM (2000)

Wenn die Leinwand schwarz wird, wenn Darren Aronofsky den Abspann einleitet und der halluzinogen verseuchte Teufelskreis seines makaberen, seines radikalen Drogenfilms durch das konsequente Ende erstmals durchbrochen wird, wächst die Sprachlosigkeit ins Unermessliche, ist der Zeitpunkt gekommen, einmal richtig durchzuatmen und den „Verdauungsprozess“ in Gang zu setzen. Denn hier, wo auf die Sehgewohnheiten des Zuschauers wenig Rücksicht genommen wird, erzählt Requiem for a Dream, basierend auf Hubert Selbys gleichnamigen Roman, eine schwarzmalerische Drogen-Geschichte über Selbstzerstörung, charakterlichen Zerfall und sozialen Abstieg.
Er hat kein Geld. Aber er braucht welches. Für Drogen. Für Heroin. Harry (Jared Leto) ist süchtig. So süchtig, dass er seiner Mutter den Fernseher klaut, um ihn beim Pfandleiher einzutauschen. Seine Mutter Sara (Ellen Burstyn) hat ein wenig Angst vor ihm. Aber sie liebt ihn. Schließlich ist es ihr einziger Sohn. Sara ist Witwe, ihr Mann und Harrys Vater ist verstorben. Und jetzt ist die nach Aufmerksamkeit strebsame, einsame, alte Frau alleine. Sie bekommt keinen Besuch. Ihr Leben fokussiert sich auf das Fernsehen, auf eine Show, die von gesunder Ernährung und Schlankheitswahn predigt. Dabei geniest sie Pralinen. Jeden Tag eine ganze Schachtel. Bis sie eines Tages einen Anruf von einer TV-Agentur bekommt, die ihr mitteilt, sie trete in absehbarer Zeit in einer Fernsehshow auf. Ihre Euphorie wirkt geradezu kindisch.
Um für die nationale Ausstrahlung zu glänzen, färbt sie sich die Haare, zwängt sich in ihr schickes rotes Abendkleid, in das sie längst nicht mehr hineinpasst. Sie versucht es mit einer Diät, um die Pfunde zu verlieren. Doch die ist ihr zu hart. Sie geht, nach Empfehlung einer Freundin – ja, sie ist jetzt angesagt in ihrem Wohnblock – zu einem “Arzt” und lässt sich Appetitzügler verabreichen. Morgens. Mittags. Abends. Nachts. Jeweils eine. Sara nimmt an Gewicht ab, gewinnt im Gegenzug allerdings an paranoiden Halluzinationsvorstellungen. Die Tabletten machen sie süchtig. Sie knirscht mit den Zähnen. Selbst Harry, der selbst in hohem Grade süchtig und zwischenzeitlich mit Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) ins Drogengeschäft eingestiegen ist, erkennt, in welcher “kaputten” Situation sich seine Mutter befindet. Dass die Drogen auch sein Leben zerstören, das nimmt er nicht wahr.
Denn Harry ist zu sehr mit sich selbst und seinen Plänen beschäftigt. Die illegalen Geschäfte mit Tyrone laufen gut. Sie sind finanziell auf dem aufsteigenden Ast. Aber sie verkaufen ihre Seelen. Und ja, auch ihre Leben. Denn als der Stoff in der Region knapp wird, und er, Tyrone und Harrys Freundin Marion (Jennifer Connelly) nichts mehr zum “Drücken” besitzen, ist die Panik groß. Harry bittet Marion sich zu prostituieren. Ihren Körper für Stoff herzugeben. Und so beginnt der Anfang vom Ende. Für alle vier. Denn die Träume, die sie einst geträumt haben, sind zerstört. Sie waren nie real, nie in greifbarer Nähe. Und das, obwohl der Rausch es ihnen versprochen hat.
Wenn wir zu Beginn des Films Harry, Tyrone und Marion beobachten, wie sie Musik hören, feiern, Drogen nehmen, dann wirkt das erst einmal relativ harmlos. Wenn Sara zu Beginn zu Appetitzüglern greift, um wieder in ihr rotes Abendkleid zu passen, impliziert das vorerst keine Gefahr. Doch Requiem for a Dream ist wie eine Schlinge, die sich von Minute zu Minute enger zusammenzieht. Eine Klimax, eine deutlich erkennbare Steigerung, durchzieht den Film, bis es zur absehbaren Katastrophe kommt. Und doch, trotz oder gerade wegen dieser pessimistischen Grundstimmung, versteht sich Requiem for a Dream nicht als lehrreiche, moralische Anti-Drogenparabel, auch wenn der Film den Teufel in nahezu jeder Szene an die Wand malt.
Die Drogen- und Tablettensucht der vier Protagonisten entwickelt während dieser über 90 minütigen Drogenodyssee eine Eigendynamik, eine Routine, und baut auf einem maschinellen Mechanismus auf. Darren Aronofsky visualisiert diese routinemäßige Handlungsfolge mit so genannten Hip-Hop-Montagen, bei denen extreme Großaufnahmen in schneller Abfolge geschnitten und mit übertriebenen Soundeffekten unterlegt werden. Aronofsky ist also sichtlich darum bemüht, den Drogenkonsum, also das Spritzen von Heroin, das Ziehen von Speed, oder aber das Schlucken der Amphetamin-Appetitzügler, als gewöhnliche Reaktionen eines Süchtigen bei wiederkehrenden Gefühlen wie beispielsweise Lust, Trauer oder Hass zu erklären. Ohnehin spielt die Inszenierung in Aronofskys Film eine bedeutende Rolle. Wo Zeitraffer- und Zeitlupeneffekte, wo morbide wirkende Kameraeinstellungen und dunkel gehaltene Farbfilter die Wahrnehmung und den Realitätsverlust der Charaktere unterstreicht, ist es der Split-Screen, also der geteilte Bildschirm, der die seelische Ferne der Figuren bei doch so körperlicher Nähe symbolisiert.
Dieser unverkennbare, omnipotente Pessimismus, der unter anderem verstärkt wird durch Clint Mansells elegisch-aggressiver Ouvertüre “Lux Aeterna”, einem ausdrucksstarken, überaus emotionalen und virtuos eingespielten Thema, überträgt sich ebenso auf den Zuschauer. Er appelliert nicht an die Vernunft des Publikums, er schreit ihm die Selbstzerstörungskraft des drogensüchtigen Individuums ins Gesicht. Und so gilt Requiem for a Dream auch nicht als konventioneller Drogenfilm, obgleich er sich bereits bekannter Muster und Formen bedient. Es ist ein erschreckend “nahes”, ein eruptiv-trauriges Stück Zelluloid, auf dem der amerikanische Traum als große Lüge denunziert wird.















Samstag, 17. Januar 2009 16:03
Schöne Kritik zu einem wahrhaftigen Meisterwerk. Bis dato Aronofskys bester Film (WRESTLER eingeschlossen).
Samstag, 17. Januar 2009 20:41
Einer der überschätzesten Filme der letzten zehn Jahre. Ohne Frage, Aronofskys Regie ist brilliant und Mansells Score eine Wucht, aber die Geschichte ist 08/15 und plätschert nur so vor sich hin. Die Figuren sind viel zu stereotypisch aufgebaut und die Rollen zum Teil fehl besetzt.
Nein, “Requiem For A Dream” ist für mich alles andere als ein Meisterwerk, anders als “The Fountain”, den ich eher für ein dieses halte.
So, jetzt zerreisst mich
Samstag, 17. Januar 2009 22:10
Ich denke der Film sollte nicht nur ausschließlich als Drogenfilm betrachtet werden. Vielmehr setzt Aronofski doch den Fokus auf die Abhängigkeit generell. Z.B. ist Marions Traum von der Boutique immens von Harrys Erfolg als Drogendealer abhängig, ihr Vater gibt ihr ja kein Geld. Wenn ich das jetzt richtig in der Erinnerung habe. Harrys Erfolg als Dealer hängt vom stetigem Nachschub ab etc.. Der Film ist wesentlich komplexer als er im ersten Augenblick erscheint, und überschätzt ist der schon mal gar nicht.;)
Samstag, 17. Januar 2009 22:44
Nein, überschätzt ist der wahrlich nicht.
Und ja, abhängig sind sie alle, nicht nur von Drogen. Wer ist allerdings nicht von irgendetwas abhängig? Aufgrund dessen hab ich es nicht für nötig gehalten, das zu erwähnen.
Sonntag, 18. Januar 2009 0:47
und überschätzt ist der schon mal gar nicht
Was ist denn inhaltlich so besonders an dem Film, dass man ihn überall als Meisterwerk tituliert? Imho hat “Reqiuem….” nichts neues zu erzählen und lebt nur von Aronofsky und Mansell.
Sonntag, 18. Januar 2009 3:46
Und das reicht schon.
Eine grandiose Ellen Burstyn mal außen vor gelassen.
Sonntag, 18. Januar 2009 11:17
Imho hat “Reqiuem….” nichts neues zu erzählen
?
Eine grandiose Ellen Burstyn mal außen vor gelassen.
Nicht zu vergessen die Connely in einer Rolle, die die geballte Hollywood Püppchen Fraktion so niemals angenommen hätte.;)
Sonntag, 18. Januar 2009 12:25
Ohne Spaß hier, wenn ein Film nichts Neues zu erzählen hat, ab in die Tonne damit
Lustige Anekdote am Rande: ein Bekannter von mir referierte den Film (lautsprachlich) als “Rakeem For Dream”
Sonntag, 18. Januar 2009 13:25
Ohne Spaß hier, wenn ein Film nichts Neues zu erzählen hat, ab in die Tonne damit
Natürlich nicht, aber diese Geschichte hier wurde schon zig mal erzählt und war einfach langweilig. Aber ich seh schon, ich stehe allein auf weiter Flur
Sonntag, 18. Januar 2009 15:23
Zig Mal? Ist mir grad nicht bewusst. Nenn mal eben drei Filme (büdde)
Sonntag, 18. Januar 2009 15:55
Tolles Review!
Sonntag, 18. Januar 2009 16:15
@Flo: Das bezog sich nicht unbedingt auf Filme, sondern auf alle Medien, in denen genau dieses Thema ständig durchgekaut wird.
Sonntag, 18. Januar 2009 16:32
Du wirfst dem Film also vor, eine Geschichte zu erzählen, die du schon öfters mal bei SPIEGEL TV oder der SZ im Lokalteil gelesen hast? Oder wie muss ich das jetzt verstehen, mit “alle Medien”?
Sonntag, 18. Januar 2009 17:16
Mit alle Medien meine ich alle Medien, da schließe ich Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen et cetera mit ein
Die Grundprämisse des Films ist nicht neu, die bekommt heutzutage jedes Kind im Grundschulalter eingebläut. Aronofksy erzählt alt bekanntes ohne neue Ansätze, reflektiert die Realität. Das an sich ist ja noch nicht einmal tragisch, obschon ich mir da mehr im Skript erhofft habe. Das Problem sind auch die stereotypen Figuren und deren voraussehbare Handlungsweisen (kleiner Süchtling dealt und scheitert, natürlich mit afroamerikanischem Freund; Freundin muss sich prostituieren; einsame und deshalb gefährdete Frau wird abhängig und geht daran “kaputt”).
Ich werde damit irgendwie nicht warm. Vielleicht habe ich bei meiner Sichtung aber auch etwas völlig anderes erwartet. Ich werde mich die Tage mal an eine erneute Sichtung wagen, obschon ich glaube, dass sich an meiner Meinung nichts verändert.
Sonntag, 18. Januar 2009 17:30
Naja, das Kino wird ja zu 90% von stereotypen Figuren beherrscht, das dann einem einzelnen Film zum Vorwurf zu machen…
Mit deinem Medien-Argument wäre dann aber auch der von dir hochgelobte Baader Meinhoff Komplex hinfällig. Dessen Geschichte ist ja auch schon zig mal erzählt worden.
Sonntag, 18. Januar 2009 17:43
Um mich mal in die Diskussion einzuklinken:
Also dein Medien-Argument, Kaltduscher (duschst du eigentlich wirklich kalt, oder soll das eine homophobe Anspielung sein
*scherz*), find ich ziemlich schwach. Da muss ich Flo absolut Recht geben.
Sonntag, 18. Januar 2009 18:46
Ich nicht
Aber ich sehe, wir kommen sowieso nicht auf einen grünen Zweig.
Mittwoch, 21. Januar 2009 22:02
als ich den film das erste mal gesehne habe, war ich danach 5 minuten sprachlos. und das hatte ich bisher bei kaum einem film. und ich hab genug gesehen…
Donnerstag, 20. Mai 2010 18:01
[...] Verliererdrama „The Wrestler“. Ganz anders als in seinen drei bisherigen Werken („Pi“, „Requiem for a Dream“ und „The Fountain“) redu- ziert der Independent-Regisseur seine steril wirkenden Aufnahmen, [...]