Retro: THE GODFATHER: PART II (1974)

Francis Ford Coppola hatte es nicht leicht, als Paramount Pictures ihn mit Mario Puzos Bestsellerroman The Godfather beauftragte. Seine Vision eines epischen Mafiafilms wurde vorerst abgelehnt. Die Vorsicht der Studiobosse - schließlich steckte Hollywood Ende der 60er Jahre in einer schweren Krise - war größer als die Risikobereitschaft einen neuen Weg einzuschlagen. Insofern setzte Para- mount Pictures Coppola unter Druck, man beobachtete stets seine Arbeit und kontrollierte die Produktion. Und doch gelang es ihm, seine Vorstellungen adäquat umzusetzen. Coppola überzeugte das Studio mit einem cineastischen Meisterstück, dem Beginn einer komplexen Familienchronik, die er mit Teil eins hätte abschließen können. Coppola aber hatte anderes im Sinn: Er wollte die Geschichte ausbauen, sie weiterstricken. Er erkannte das Potential von Puzos gleichnamigen Roman und drehte mit Einwilligung des Studios eine Fortsetzung, bei der Coppola mehr Verantwortung und Entscheidungskraft besaß.
„Tempi cambi“, sagt Michael Corleone, reflektierend, ja, fast melancholisch zu seiner Mutter. Die Zeiten ändern sich. Und tatsächlich hat sich einiges verändert seit dem Tod „des Paten“, seines Vaters, seit dem innerfamiliären Machtwechsel und der Expansion nach Nevada. Das Imperium der Familie hat sich vergrößert, hat sich ausgeweitet und hat an Macht und Kontrolle gewonnen. Und doch, trotz der gut laufenden Geschäfte, hat sich seit Michaels „Amtsantritt“ Fundamentales in der Familie verändert. Durch seine konsequente, skrupellose Geschäfts- mentalität hat Michael das business der Familie nach außen hin gewahrt, er hat den Status Quo durchbrochen, den sein Vater Don Vito nie anstrebte. Er, sein Vater, wusste, wieso man den Frieden nicht gefährdet, er wusste, dass alles seinen Tribut verlangt. Und doch ging Michael das Risiko ein – er setzte alles auf eine Karte und rechnete mit der „Konkurrenz“ gnadenlos ab. Er gewann Macht, er gewann Respekt. Im Umkehrschluss allerdings verlor er seine Familie.
Denn Michael, der eigentlich nie des Vaters Nachfolger werden wollte, der eigentlich nie mit den Familiengeschäften in Berührung kommen sollte, und nur aufgrund tragischer Schicksalsschläge die Verantwortung übernahm, ist trotz vieler Gemeinsamkeiten ein völlig anderes Oberhaupt als es sein Vater war. Mit Michael haben sich die Geschäftsprinzipien geändert, selbst die streng traditio- nellen Familienwerte haben sich verschoben. Nach außen hin wahrt er die große Bedeutung seiner Familie, von innen her zerstört er sie, indem er seine Stellung unmissverständlich erkennbar macht, die Struktur innerhalb verändert und seine beiden Brüder Fredo, der nie den Anforderungen seines Vaters gerecht werden konnte, und Tom, Michaels Halbbruder und einstiger Consigliere des ehemaligen Familienoberhaupts, „deklassiert“, unter anderem weil in seinem Leben Misstrauen eine größere Rolle spielt als Vertrauen. Der Thron ist sein. Die Liebe und Wertschätzung nicht. Was bleibt, ist ein ambivalenter, vereinsamter Herrscher, dessen eigene Vergangenheitsreflexion - auch ihn selbst - erkennen lässt, dass sich die Zeiten, sein einstiges Leben und das Leben seiner Familie schlagartig geändert haben. Man könnte es fast Ironie des Schicksals nennen, dass Michael - ebenso wie einst sein Bruder Sonny - an sich selbst scheitert. Es hätte also ausgehen können, wie es wollte, egal welcher der drei Söhne, von Tom Hagen einmal abgesehen, die Führung übernommen hätte, die Ära Don Vitos starb nach dessen Ableben einen schnellen Tod.
Es nimmt klassische Züge einer konventionellen Tragödie an, wenn der Zuschauer am Ende von The Godfather: Part II, also inmitten der “Katastrophe”, einen zu Reflexionen neigenden Don Michael Corleone antrifft; wie er isoliert auf seinem Stuhl sitzt, alleine gelassen, nichts sagend in die Leere blickt und sich an die Vergangenheit zurückerinnert, an eine Zeit, in der sein Vater die Geschäfte und Familie gleichermaßen zu leiten verstand, in der er mit seinen Brüdern zusammen am gedeckten Essenstisch saß, wie sie miteinander scherzten, plauderten und gestikulierten, über Michaels Zukunft diskutierten und seine zukünftigen Entscheidungen hinterfragten. Es hat sich also wenig verändert hinsichtlich der Zugehörigkeit Michaels in der Familie, es ist die jetzige Hierarchie, die seine Position bestimmt, die ihm seine Stellung und somit auch Macht und Verantwortung einräumt. Er trifft jetzt die Entscheidungen. Und er trifft die falschen. Er entscheidet sich für das Geschäft, denn Geschäft bedeutet Existenz, bedeutet Leben oder Tod, und wohl unbewusst entscheidet er sich gegen seine eigene Familie. Es ist Michaels Charakter, der sich verändert und zum schlechten entwickelt. Die Leidtragenden, das sind sein Bruder Fredo, ein Opfer der Umstände, seine Frau Kay, die Michael liebt, mit ihm Kinder hat, seine “Tätigkeit” allerdings derart verabscheut, dass sie einer Kindesabtreibung zustimmt, und selbst Tom, den man trotz seiner langjährigen Zugehörigkeit nie wirklich als vollständiges Familienmitglied akzeptiert, muss Michaels mangelndes Vertrauen hinnehmen. Die Familie Corleone wurde von innen her zerstört, sie verlor ihre Ideale, ihre Prinzipien, ihre Werte, ihr Vertrauen, aber vor allem verlor sie ihre Liebe.
Francis Ford Coppola stellt diesen emotionalen Verfall, diesen familiären Absturz in einer Parallelgeschichte dar. Es sind keine klassischen Rückblenden, die er einbindet, er erzählt zwei Geschichte, Abschnitt für Abschnitt, nicht nacheinander, sondern ineinander verwoben. Nach und nach also beobachten wir, das Publikum, wie Michael seine Familie und letztlich sich selbst zerstört, wie sich diese Farce letztlich zur Tragödie entwickelt. Im Gegenzug, oder besser: im Gleichschritt, erzählt Coppola den Ein- und Aufstieg Vito Corleones in das organisierte Verbrechen, wie er zu einem legislativen Teil eines Systems wird, das er eigentlich hasst, schließlich wurde seine ganze Familie, als Vito Andolini (so sein richtiger Name) noch ein kleiner Junge war, selbst Opfer der Mafia. Dies ist nur eines vieler Paradoxen, die Coppolas epische Familienchronik komplex und zugleich authentisch macht.
Die Parallelgeschichte über den kleinen Vito Andolini, wie er aus Angst nach Amerika auswandert, alleine in ein für ihn fremdes Land reist, wie das Verbrechen ihm im erwachsenen Alter sozusagen “zugeworfen” wird und er zum Gerechtigkeits-Symbol eines ganzen Viertels avanciert - diese Analogie erinnert an Robin Hood - vertieft dieses Epos ungemein und setzt Michaels Entschei- dungen und Handlungen in Relation. Coppola stellt also bewusst Vater und Sohn, König und Prinz, Anfang und Ende sowie Aufstieg und Fall der Familie Corleone gegenüber. Offensichtlich behandelt dieses meisterliche Sequel nur noch am Rande die Strukturen, Gegebenheiten und Regeln der Mafia. The Godfather: Part II, der ohnehin einen ernsteren, pessimistischeren Ton anschlägt als sein Vorgänger, besitzt nur noch wenig von einem Mafiafilm. Vielmehr ist Coppolas Film die Vertiefung und Erweiterung einer klassischen Tragödie. Und doch ist The Godfather: Part II mehr als das.















Freitag, 14. November 2008 15:42
Eine epische Kritik zu einem epischen Film.
Viel zu lange schon nicht mehr gesehen.
Samstag, 15. November 2008 12:06
Jo, dem ist in der Tat erst mal nichts hinzuzufügen! Schön geschrieben!
Sonntag, 16. November 2008 22:26
Zu einem Großteil von mir kaum oder wenig Zustimmung. Aber nett geschrieben ist dein Text allemal.
Sonntag, 16. November 2008 23:11
Dann leg mal los.