Kino: Wall·E (2008)

Mit ihrem neunten computeranimierten Kinostreich überschreitet Pixar erstmals die Grenzen und Konventionen des reinen Unterhaltungsfilms. Zumindest in der ersten Filmhälfte kehrt er zurück zu den Wurzeln des Stummfilmkinos - ist er als Rückbesinnung einer alten Kinosprache zu verstehen, die ihren Dialog, ihre Emotionen ihren Bildern entnimmt - ehe er offenkundig Zugeständnisse an sein Zielpublikum richtet. Und mehr noch: Wall·E transzendiert auch inhaltlich, kon- frontiert er sein Publikum doch mit gesellschafts- und sozialkritischen Aspekten, die sich - wie “die Form des reinen Kinos” - allerdings ebenso der Erwartungs- haltung der Zuschauer beugt. Und dennoch, trotz aller Zugeständnisse an das Unterhaltungskino und an das Mainstreampublikum, ist Wall·E der bis dato erwachsenste Animationsstreifen aus der Pixar-Schmiede.
Einmal mehr zeichnet das Kino das pessimistische Zukunftsbild einer apoka- lyptischen Endzeit, das nicht den Untergang der Menschheit, sondern der Erde als nicht mehr lebensfähiges Terrain porträtiert: Durch die massive Umwelt- verschmutzung ist das Leben auf der Erde nicht mehr denkbar, das Land nicht mehr fruchtbar. Die Menschheit verlässt den verdreckten Planeten Richtung Universum, hinterlässt unzählige Müllroboter und versucht so, die Erde wieder lebensfähig zu machen. Doch das Vorhaben scheitert. Nach 700 Jahren im All, auf dem voll automatisierten Luxusraumschiff “Axiom” lebend, gibt es nur noch einen Überlebenden auf der Erde. Es ist ein Müllroboter, einer des Modells Wall-E, der immer noch bedacht ist, die Erde aufzuräumen, seine Aufgabe sozusagen zu erfüllen. Doch Wall-E ist mehr als nur ein seelenloser Elektrokasten, er entwickelte mit den Jahrhunderten ein Eigenleben, er übersprang die Evolution. Wall-E besitzt Gefühle, verhält sich fast menschlich und versucht zu überleben. Eine Kopie des Gene Kelly-Musicals Hello Dolly!, das er sich tagtäglich ansieht und sogar nachtanzt, gibt ihm ein Gefühl der Liebe und ihrer Bedeutung. Und dennoch versteht er diesen komplexen, emotionalen Ausdruck nicht ganz, er kann ihn, wohl zurückführend auf seine Einsamkeit, nur schwer nachvollziehen.
Dieser Zustand ändert sich abrupt, als die Erde von einem Raumschiff “besucht wird” und einen weiblichen Roboterdruiden namens “Eve” hinterlässt. Eves Aufgabe ist es, die Erde nach organischem Leben zu erkunden. Sie macht keinen friedlichen Eindruck, schießt reflexartig auf jedes ihr unbekanntes, bewegliches Objekt und hätte so fast Wall-E “erschossen”, der sich in die moderne Roboterdame verliebt und ihr auf Schritt und Tritt folgt. Eve zeigt, nachdem sie feststellt, dass Wall-E keine Bedrohung ist, kein großes Interesse für den schüchternen Elektro-Müllkasten auf Ketten. Nachdem Wall-E ihr das Leben gerettet hat, entdeckt sie in seiner Behausung, einem eckigen Metallcontainer, eine von ihm gefundene Pflanze. Eves Aufgabe ist somit erfüllt, sie deaktiviert sich und wird von ihrem Raumschiff abgeholt. Der über beide Ohren verliebte Wall-E folgt ihr in die Weiten des Weltalls.
Man muss ihn einfach lieben, diesen menschlich wirkenden Müllroboter Wall-E. Wie er fleißig und unaufhörlich seiner Aufgabe nachgeht, Müll einsammelt, in kleine Würfel presst und fein säuberlich gen Himmel stapelt; wie kraftvoll er seinen Emotionen Ausdruck verleiht, und das nur aufgrund seiner intensiven Augenmimik und seinen von Ben Burrt grandios entwickelten Soundeffekten; wie er sich Tag für Tag das Broadway-Musical Hello Dolly! ansieht, wie er darauf tanzt, so menschlich und doch so einsam, wie er verstehen will, was er da sieht, und doch nicht nachvollziehen kann; wie er sich in die Roboterdame Eve verliebt, als wäre er ein pubertierender Teenager, so unerfahren und unschuldig. All das macht ihn zur Sympathiefigur. Und für all das zeichnet sich Regisseur Andrew Stanton (A Bug´s Life, Finding Nemo) verantwortlich, der Bild und Musik zu einem nicht enden wollenden Dialog vermischt. Wall·E, der Film, entwickelt eine eigene, ausdrucks- starke Sprache, die allerdings nach und nach ihre Gewaltigkeit verliert, weil Stanton dann eben doch wieder zurückkehrt zur konventionellen “Pixar-Formel”, zu altbekannten Formen und Muster des Unterhaltungskinos.
Diese Umkehrung, von der rhetorischen Rückbesinnung zum unterhaltsamen Erfolgskonzept, stellt nicht zwangsläufig ein Problem dar. Nur ist es eben so, dass Stanton nicht konsequent bei seinem grenzüberschreitenden, seinem kongenialen Ansatz bleibt. Das zu Beginn aufblitzende Potential nutzt er nicht gänzlich aus, er geht letzten Endes doch den sicheren, den “massentauglichen” Weg und bringt seine Geschichte so zu Ende, wie man es von einem Pixar-Animationsfilm eben erwartet, was, wie bereits erwähnt, nur bedingt ein Problem darstellt. Denn Wall·E ist ebenso als sozialkritisches Statement zu lesen, das die verschwenderische Konsumkultur der Großunternehmen, die Automatisierung des Lebens durch Maschinen - ein unübersehbares Zitat an Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey schmückt den Film - und an das leichtfertige Umgehen mit unserer Umwelt und unserem Planeten, der Erde, verurteilt. Ein weiteres Argument also, weshalb Wall·E “der” Animationsfilm des Jahres ist.















Sonntag, 12. Oktober 2008 17:29
Ja, bei “WALL·E” sind wir uns wohl alle irgendwie einig…
Sonntag, 12. Oktober 2008 17:44
Schön geschrieben. Unterschreib ich mal so
Sonntag, 12. Oktober 2008 17:55
Schön geschriebene Kritik, der ich mit Abstrichen zustimmen möchte. Pixar kann man eigentlich schlecht madig schreiben
Sonntag, 12. Oktober 2008 20:14
[…] (10/10) bullion (9/10) Kaiser_Soze (9/10) Kaltduscher […]
Sonntag, 12. Oktober 2008 22:35
Faszinieren: da sind sogar wir zwei uns mal einig…
P.S.: hast ein Stöckchen.