Retro: ED WOOD (1994)

Er hegte einen Traum, der von vielen geträumt wird, einen, der sein ganzes Leben bestimmen sollte. Er, seine Name war Edward Davis Wood jr., träumte von einer Karriere als großer Hollywoodregisseur. Seine Willenskraft, seine Energie, seine Ausdauer, all das setzte er ein, um seinen ersten Film realisieren zu können. Dieser Edward D. Wood musste eine Menge auf sich halten, könnte man meinen. Er war davon überzeugt, ein grandioser Filmemacher zu sein. Man müsse seine Filme nur aus dem richtigen Blickwinkel betrachten, dann verstehe und sehe man die Kunst, behauptete er einst. Seine Werke, sie sind alles andere als gut. Um ehrlich zu sein, sie sind dilettantisch. Und selbst das wäre noch höflich ausge- drückt.
Denn Wood, sollte er seine chronische Geldnot überwunden haben, drehte Filme minderwertigster Qualität: Seine Schauspieler - meist Laiendarsteller aus dem Freundeskreis - schickte er ohne weitere Proben vor die Kamera, Szenen wurden grundsätzlich nicht wiederholt, seien sie noch so schlecht und Schneiden, na ja, seine Filme ließ er nicht aufwendig schneiden, es sei denn, er verarbeitete altes Archivmaterial in einen seiner Filme. Das Endresultat ist ebenso unfreiwillig komisch wie unfassbar schlecht. Und doch besaß dieser Mann, der tatsächlich gerne Frauenkleider trug, ja, selbst am Set während den Regiearbeiten, etwas, was den meisten Regisseuren fehlt: Leidenschaft. Ed Wood liebte seine Arbeit, er liebte es, Regie zu führen. Das macht ihn so sympathisch, diesen selbstbe- wussten, etwas seltsamen Kerl. Er war untalentiert, keine Frage. Und doch war ihm jedes Mittel recht, seine hanebüchenen Filmideen finanziert zu bekommen, selbst wenn er dafür Mitglied einer Baptistengemeinde werden musste. Schließlich schenkt einem das Leben ebenso wenig wie Hollywood, mit dessen skrupellosen System er sich herumschlug. Er selbst bezeichnete sich als missverstandenen Künstler, als idealistisches Opfer einer konservativen Epoche. Zumindest einer scheint ihn zu verstehen, diesen leicht “verrückten” Regisseur, diese Koryphäe beispielloser Machwerke: Tim Burton.

Nach Batman und Batman Returns, seinen beiden erfolgreichen Comicver-filmungen, nach Edward Scissorhands, seiner märchenhaften Suburb-Parabel, und nach Nightmare Before Christmas, seinem verspielten Stop-Motion-Grusical, widmet sich Tim Burton erstmals einem anderen, um nicht zu sagen ernsteren Thema. Er entführt den Zuschauer diesmal nicht in eine märchenhafte Welt des “Phan- tastischen”, des “Unvorstellbaren”, er erzählt die wahre Geschichte Edward D. Woods, eine Geschichte über den “schlechtesten Regisseur aller Zeiten”. Und doch ist Ed Wood weniger als tragikomisches Biopic denn liebevolle Hommage an die B-Movies der 50er Jahre - der Horrorfilme und Science-Fictioner also - und emotionaler Tribut an Edward Davis Wood jr. zu verstehen. Denn Wood, der Regisseur, ist mehr als nur ein untalentierter Amateur, seine Faszination für das Filmemachen, seine Leidenschaft für Hollywood, sein selbstbewusstes und von sich selbst überzeugtes Auftreten, seine “kriminellen” Geldbeschaffungsmaß- nahmen und seine haarsträubenden Filmideen und -einfälle beeindrucken, sie beweisen, dass der Glaube an sich selbst viel wert ist. Denn Wood, und das war wahrlich sein größter Wunsch, wollte Filmgeschichte schreiben. Das hat er auch, wenn auch in einem, naja, etwas umgekehrten Sinne, mit seinem Kult-Machwerk Plan 9 From Outer Space.
Burton fokussiert einen idealisierten Ausschnitt aus Woods holpriger und aussichtsloser Hollywoodkarriere. Er erzählt allerdings nicht nur über dessen Erstlingswerk Glen or Glenda, ein semibiographisches Dokudrama über Trans- sexualität, bei dem Wood - der selbstredend die Hauptrolle des Transvestiten Glen übernimmt, Regie führt und produziert - um Toleranz bemüht war. Burton erzählt ebenso eine Geschichte über die intime Freundschaft, über die enge und vertraute Vater-Sohn-Beziehung zwischen Wood und dem abgehalfterten Altstar Bela Lugosi, wie Wood dem morphinsüchtigen Dracula-Darsteller, dessen Rolle ihm ganz und gar in Fleisch und Blut übergangen ist, wieder auf die Beine hilft, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Dieses familiäre Verhältnis, dieses ergreifende Figurenspiel zwischen Wood und Lugosi entwickelt eine eigene, eine dramaturgische Dynamik, bei der Burton stets einen ernsten, einen durchaus melancholischen Ton anschlägt. Ohnehin zieht er Ed Wood dabei nie ins Lächerliche, ganz im Gegenteil. Selbst wenn er mit Frauenkleid und plüschigem Angora-Pullover Regieanweisungen lauthals durch ein Megaphon erteilt, wirkt das situationsbedingt komisch, doch macht es - dank Burton - die Person Woods verständlicher, greifbarer und menschlicher. Burton behandelt also ebenso sein für diese konservative Zeit unakzeptables “Laster”, und steht so dem Trans- vestitismus unvoreingenommen gegenüber.

Johnny Depp interpretiert diesen Ed Wood als passionierten Filmliebhaber und ehrgeizigen “Künstler”, der selbst die “schlechteste” Zeitungskritik schön reden kann, der zwar durchaus seine Fähigkeiten anzweifelt, sich von seinem Weg allerdings nicht abbringen lässt. Depp gelingt es, Woods impulsive Faszination auszumachen, seine kindliche Naivität zum Ausdruck zu bringen, er verleiht seiner Figur eben jene Ironie, die sie benötigt, um nicht lächerlich oder gar abge- droschen zu wirken. Mit Depps akzentuiertem, brillantem Schauspiel reift Wood zum glaubwürdigen Charakter. Trotz seiner herausragenden Leistung ist es nicht Depp, der Burtons Film zum tragischen Biopic avancieren lässt. Es ist Martin Landau, der mit der Verkörperung des einstigen Dracula-Darstellers Bela Lugosi eine Jahrhundertleistung offenbart.
Nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell bildet Ed Wood eine Ausnahme in Burtons Gesamtwerk. Seine signifikante Handschrift - bereits die burtonsche Horrorfilm-Einführung, die angelehnt ist an Low-Budget-Produktionen der 1950er Jahre, deutet daraufhin - ist weniger verspielt als bisher, nicht fantastisch, nicht bon- bonesk. Er bediente sich geradezu aus dem Fundus anachronistischer B-Movies, drehte auf Schwarzweiß-Film und ließ Oscarpreisträger Howard Shore einen typischen Score älterer, zweitklassiger Genrebeiträge reproduzieren. Tim Burtons Ed Wood ist also durch und durch als aufrichtige Hommage zu lesen. Es sollte nicht seine letzte sein.















Donnerstag, 25. September 2008 9:18
Vollste Zustimmung! Wohl mein Lieblings Depp/Burton-Film…
Donnerstag, 25. September 2008 21:27
Zum Glück die volle Bewertung. Alles andere wäre lachhaft gewesen. IMHO Burtons Bester!
Freitag, 26. September 2008 0:57
Hm, dabei wollte ich auch schon so lang ein Review schreiben. Aber ist schon besser so, kann ich es auf dich schieben. Hihihihi.
Freitag, 26. September 2008 6:57
Was kannst du dann auf mich schieben? Deine Faulheit?
Freitag, 26. September 2008 15:22
Exakt.
Freitag, 26. September 2008 16:23
Stimmst du mir angesichts meiner Review denn wenigstens zu?
Freitag, 26. September 2008 18:58
Von einigen kleinen Punkten abgesehen durchaus.
Freitag, 26. September 2008 20:35
Die da wären?
Samstag, 27. September 2008 13:51
Später.
Sonntag, 28. September 2008 16:36
Ok, wo ich halt im Detail nicht mitgehe:
Die Erwähnung, dass Wood nicht schwul sei, nur weil er Frauenkleider trage, ist unnötig, da Schwulsein nichts mit dem Tragen von Frauenkleidern zu tun hat, sondern mit Transvestitismus (was übrigens keine “sexuelle Vorliebe” ist).
“Burton fokussiert allerdings nicht nur Woods holprige und aussichtslose Holly- woodkarriere…”
Eigentlich liefert Burton ein ziemlich idealisiertes Bild von Woods Karriere. Er konzentriert sich ja nur auf einen kleinen Ausschnitt, und selbst da lässt er einige Stolpersteine ganz weg. Insofern wirkt die Filmkarriere im Film für mich gar nicht mehr “holprig”.
Aber wie gesagt, ist sonst schon ein guter Text, auf jeden Fall. Knapp, aber als Überblick gut.
Sonntag, 28. September 2008 17:36
Hab ich mal rasch verbessert.
Das kommt im Film vllt. nicht so rüber, in der Realität ist/war sie aber mit Sicherheit holprig. Und nicht nur das.
Mittwoch, 5. November 2008 20:36
[…] zuerst erschienen bei: Intermoviession […]
Samstag, 9. Januar 2010 19:42
[…] >>Review<< […]