Kino: THE DARK KNIGHT (2008)

“Because… he´s the hero Gotham deserves… but not the one it needs right now. So we´ll hunt him, because he can take it. Because he´s not our hero… he´s a silent guardian, a watchful protector… a dark knight“, erklärt der nun beförderte Commissioner Gordon seinem jungen Sohn. Dann: Die Kinoleinwand, sie wird für einen kurzen Moment dunkel, schwarz wie die Nacht, bevor das legendäre Bat- man-Logo erscheint, bevor dieses ambivalente Kultsymbol endgültig den Abspann einleitet, den Zuschauer sozusagen wieder in die reale Welt holt. Denn The Dark Knight, das ist kein konventionelles Actionheldenkino, wie man es seit Jahren “ertragen muss”, wie es von unzähligen Genrekollegen praktiziert wird, Chris- topher Nolans Batman-Sequel ist mehr als nur eine dieser Comicverfilmungen, in der die Grenze zwischen Gut und Böse deutlich zu erkennen ist. The Dark Knight ist ein episches Genre-Meisterwerk, das ein eigenes “Comic”-Universum erschafft - so vielschichtig, so politisch, so groß. Christopher Nolan, er erzählt viel von seinem “Helden”, seinem dunklen Ritter und von Gotham Citys sozial-politischem System. Die Welt, die Nolan erschafft, wird getragen von einer intimen, einer komplexen Figurenkonstellation, von deren Beziehungen zueinander und seinen doppelbödigen Charakteren. Vieles deutet also darauf hin, dass dieser sicherlich übertriebene Hype, der sich um The Dark Knight dreht, nicht völlig unberechtigt, dass er teilweise sogar nachzuvollziehen ist. Denn kaum eine Comicverfilmung (mit Ausnahme von Burtons “Batman Returns”) erscheint so schwer greifbar, so komplex und in sich geschlossen und funktioniert gleichzeitig auf so vielen Ebe- nen.
Nicht viele Minuten verstreichen, ehe einem bewusst wird, dass The Dark Knight eben nicht nur reines Unterhaltungskino ist. Schnell wird deutlich, dass Batmans “neuer” Gegenspieler Joker, dessen Auftritt man bereits im Vorgänger festmachte, eben nicht nur ein Stereotype Gangster ist. Denn hier, in Gotham City, in dieser korrupten, kaputten Skyline-Metropole, die regiert wird von den Unter- grundbossen der russischen, italienischen und afroamerikanischen Mafia, fällt dieser Joker aus dem Raster. Und zwar nicht unbedingt seines verstörten Aussehens oder etwa seines anarchischen Auftretens wegen, er zelebriert den Chaos-Gedanken, nicht etwa des Geldes wegen, er stellt keine Forderungen, er will nur eines: Gotham City brennen sehen. Der Joker, dieser durchgeknallte, zynische Anarchist, das ist kein Verbrecher im traditionellen Sinne, das ist der Inbegriff des Terrors, der beweisen will, wie kaputt Gotham City ohnehin schon ist. Und dazu muss er sich nicht einmal anstrengen, er nutzt das schwache Sozialsystem aus, er unterläuft ohne Weiteres die Macht des Staates, indem er ihr die Waffe auf die Brust setzt, indem er ihr die Grenzen ihrer Handlungsmacht und ihrer Politik aufzeigt. Nicht einmal der ehrliche Staatsanwalt Harvey Dent, der “Saubermann”, die strahlende Hoffnung Gothams, kann gegen einen solchen “Terroristen” etwas ausrichten. Das Einzige, was ihm bleibt, ist sich, wie auch der ebenso ehrliche Lt. Jim Gordon, auf die Seite Batmans zu schlagen, ihm sozusagen den Rücken freizuhalten. Batman, das ist also die einzige und wohl letzte Hoffnung Gothams in einer Zeit, in der Chaos, Massenpanik und Zerstörung unweigerlich an den 11. September erinnern lässt. Doch auch Batmans Handlungsspielraum engt der Joker geschickt ein. Denn trotz seiner fragwürdigen, aber notwendigen Selbstjustiz hält sich auch Bruce Wayne, Batmans Alter Ego respektive vorgespielte Öffentlichkeits-Identität, an selbst auferlegte Regeln, die er brechen muss, um seinem Widersacher das Handwerk legen zu können. So sitzt Batman unweigerlich in einer moralischen Zwickmühle: Zum “Bösen” werden, um das Böse zu bekämpfen? Ein erkenntnisreicher Ansatz, der seinerzeit bereits von Tim Burton behandelt wurde, der Batman ebenso als dunkle Kreatur interpretierte - der Unterschied zu seinen Feinden ist schwindend gering.
Die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen hell und dunkel, ist demnach kaum vorhanden. Ein genre-typisches, antiquiertes Figurenschema ist so also nicht auszumachen, was The Dark Knight nicht nur komplexer und interessanter macht, sondern auch tendenziell von seinen Genrekollegen abhebt. War er sich am Ende von Batman Begins seiner Aufgabe als Gothams “Erlöser” sicher, scheint Bruce Wayne jetzt desillusioniert, er stellt sein Doppelleben in Frage: Wie lange kann er das Leben als Rächer ertragen? In Harvey Dent sieht er nicht nur seinen Retter, der Mann also, der das Gute in Gotham City verkörpert, die Stadt möglicherweise im Alleingang aus den Fängen der Verbrecher befreit und der so Batman überflüssig macht, er sieht in ihm auch einen Konkurrenten. Denn Dent ist mit Waynes Liebe Rachel Dawe liiert, für die er noch immer empfindet, die er noch immer liebt. Ein Leben als Batman bedeutet ein Leben ohne Rachel - Batman kämpft mit der Moral, mit seinem Gewissen und seiner Verantwortung seiner Stadt gegenüber. Und selbst sie, die Bürger Gothams, machen ihm diese Entscheidung nicht leichter. Seit jeher polarisiert Batman die Gesellschaft. Spätestens mit der Forderung Jokers nach der wahren Identität Batmans - ansonsten stirbt jeden Tag eine weitere unschuldige Person - setzt man ihn unter Druck. Dabei erkennt Harvey Dent, dass Batman als Symbol denn Held zu verstehen ist, ein Symbol, das die Stadt bisher vor dem Untergang bewahrt hat. Harvey Dent setzt seine politische Macht ein - er ist als Verkörperung des Demokratieverständnisses zu verstehen, als politisch korrekter Hoffnungsträger - , die allerdings der des Jokers mehr als unterlegen ist. Doch selbst ein Mann wie Dent, ein ehrlicher Staatsmann und Bürger, verweigert sich seiner Ideale, ändert seine Vorangehensweise, sollte man ihm Schaden zufügen: Ein tödlicher Schick- salsschlag als Ursache für die Umkehrung aller Werte und Entscheidungen. Aus Harvey Dent wird Two-Face, er legt seine weiße Weste ab - die Anzahl der Guten schwindet dahin, ebenso wie die der ehrlichen Rechtsstaatler. Gotham City steht erstmals wahrhaftig vor seiner Zerstörung. Die Politik, die Polizei und die Justiz, sie sind machtlos gegen diesen irrational denkenden Clown Joker.
Dieser unausweichliche Kampf gegen eine Übermacht wird zur moralischen Grundsatzfrage für Batman und Gotham Citys sozialem Rechtssystem. So fungiert The Dark Knight nicht nur als Reflexion der heutigen Gesellschaftsmoral, als Festsetzung heutiger (politischer) Verhältnisse, sondern auch als Abbild eines ambivalenten Rechtssystems. Mit der hasserfüllten Figur des Jokers, mit diesem aus Freude mordenden Clown, nimmt Nolans Sequel zynische Züge an, wird diese Adaption überzogener und so auch comicartiger, was nicht heißen will, dass Nolan seinen Stil geändert hat, Nolans Verfilmung sucht im Gegensatz zu Batman Begins allerdings eine konkrete Verbindung zur Comicvorlage, was nicht zuletzt Heath Ledgers wahrlich grandiosem Schauspiel zu verdanken ist. The Dark Knight, das ist grenzüberschreitendes, episches Actionheldenkino und der wohl politischste Sommer-Blockbuster des Jahres.















Samstag, 23. August 2008 17:30
Schöne Kritik mit interessanten Einblicken!
Samstag, 23. August 2008 17:49
Kommt mir bekannt vor.
Ansonsten: Einer weiter auf dem Leim.
Samstag, 23. August 2008 19:14
Schöne Rezension, die natürlich meine Zustimmung trifft. Der Kino-Besuch war eine Offenbarung, das kann man nicht anders sagen. Ganz großes Kino!!
Samstag, 23. August 2008 22:04
Kann mich ebenfalls deiner Kritik anschließen.
Grandioses Entertainment mit Tiefgang. Mit Sicherheit sogar DIE Comicverfilmung bisher! 
Sonntag, 24. August 2008 7:43
@ MVV
Wieso? Steht das denn in deiner TDK-Review, die ich bisher immer noch nicht gelesen habe?
Du solltest dich dazu gesellen.
@ C.H.
Inwiefern?
Sonntag, 24. August 2008 12:18
Naja, das sollte ja hoffentlich dann auch in meiner Review rübregekommen sein, aber im Prinzip hatte ich ehrlich gesagt im Vorfeld nicht gaaanz so viel von dem Film erwartet, da ich bewusst versucht habe den ganzen Hype zu ignorieren.
Tja, und dann kam Das…
…und ich hab den kompletten Abspann gebraucht, um die ganzen Eindrücke, die ich hatte auch nur ansatzweise zu ordnen, und mir schoß spontan mein Abschlußsatz meiner Review in den Kopf
Sonntag, 24. August 2008 13:29
Kann ich gut nachvollziehen.
Sonntag, 24. August 2008 14:14
Jetzt wird’s langsam pervers hier, nehmt euch doch ‘n Zimmer
Montag, 25. August 2008 11:08
batman DK ist der mit abstand beste batman aller zeiten. ich schließe mich all den lobeshymnen auf diesen film an (und das mache ich selten). die schauspieler sind so gut wie alle super ausgewählt und spielen ihre rolle perfekt. vor allem joker, der fast zu viel platz einräumt. ich hoffe es wird noch weitere batmanfilme von nolan geben!
hier noch eine weitere kritik zu dem film:
http://www.resurrection-dead.de/dailydead/the_dark_knight
Montag, 25. August 2008 17:04
[…] News » News News Kino: THE DARK KNIGHT (2008)2008-08-25 10:03:59Knight“, silent guardian, a watchful protector… a dark knight“, erklärt […]
Montag, 25. August 2008 18:35
Sehr gut geschriebenes Review. Vielleicht ist “Sin City” doch noch die etwas gelungenere Comic-Umsetzung aber eines ist sicher: Der Dark Knight von Nolan hat den von Miller verstanden und keinen Abklatsch sondern eine eigenständige Figur daraus gemacht. Respekt
Donnerstag, 28. August 2008 17:56
[…] Intermoviession: 9,5/10 […]
Donnerstag, 28. August 2008 18:15
Sehr schönes Review, kann Dir eigentlich vollständig zustimmen.
Donnerstag, 28. August 2008 21:38
[…] News » News News Kino: THE DARK KNIGHT (2008)2008-08-28 14:38:30Knight“, silent guardian, a watchful protector… a dark knight“, erklärt […]
Donnerstag, 13. November 2008 23:34
[…] 22. Dezember erscheint sie, die Blu-ray Collector´s Edition von Christopher Nolans The Dark Knight. Heute veröffentlichte WarnerBros. offizielle Bilder der in Deutschland erscheinenden […]