Retro: INDIANA JONES…

… and the Temple of Doom (1984)
Es war keine kommerzielle Entscheidung, die George Lucas und Steven Spielberg dazu bewegten, eine Fortsetzung ihres Abenteuerfilms um den furchtlosen Archäologen Indiana Jones zu inszenieren. Zwar spielte Raiders of the Lost Ark über 384 Millionen US-Dollar bei Produktionskosten von 20 Millionen US-Dollar ein und ist somit als finanziell erfolgreicher Film zu verstehen, die Beweggründe für ein Sequel sind allerdings Lucas selbst zuzuschreiben, der von vornherein seinem Freund und Arbeitskollegen Spielberg erklärte, er wolle eine dreiteilige Filmreihe entstehen lassen. Seine Vision galt einem klassischen Abenteuerfranchise, das zwar in sich geschlossen ist, nicht jedoch abhängig oder episch daherkommt. So gilt Indiana Jones and the Temple of Doom nicht als zwingender Mittelteil der einstigen Trilogie, sondern als Prequel, das ein Jahr vor dem ersten Teil spielt und ein weiteres halsbrecherisches Abenteuer des einzigartigen Reliquienjägers erzählt. Dabei ist zu erwähnen, dass Lucas und Spielberg keineswegs die gleiche Schiene fahren, mit der sie 1981 den Erfolg pachteten. Sie wiederholen sich nicht, lassen ihren Helden nicht redundant erscheinen. Es ist unter anderem die Atmosphäre, die sich geändert hat. Indiana Jones and the Temple of Doom ist düsterer als sein Vorgänger, wirkt gefährlicher und ist trotzdem der humorvollere. Sicherlich, das hört sich vorerst nach einer sehr gewagten Kombination an, schließlich könnte diese kaum kontrastreicher sein. Spielberg ist sich darin eindeutig im Klaren, er weiß, dass dieses Vorhaben ohne gutes Timing nur schwer zu realisieren ist. Doch der werte Herr versteht sein Handwerk, das hat er zwei Jahre zuvor mit seinem herausragenden Science-Fiction-Klassiker E.T. mehr als nur bewiesen. Ihm will nicht jede Szene gelingen, nein, aber er sieht in jeder eine Herausforderung, macht vieles richtig und nur wenig falsch. Er kämpft sichtlich mit Lucas klischeehaftem Dialogwitz ebenso wie mit dem behäbigen Mittelteil. Und doch haben Lucas und Spielberg ihre Abenteuerfilmreihe bravourös fortgeführt, auch wenn diese erste Fortsetzung allgemeinhin als schlechtester Teil des Franchise gilt.
Shanghai, 1935. Nach einer verspielten Musicalnummer zu Cole Porters “Anything Goes” kommt er die Treppen eines Nachtclubs herunter. Von hinten erkennt man ihn nicht sofort, diesen waghalsigen Indiana Jones, der bekleidet mit einem weißen Blazer nicht auf den ersten Blick auszumachen ist. Seine getragene Lederjacke, seinen klassischen Fedora-Filzhut und seine eigentlich unabdingbare Peitsche lässt er absichtlich im Kleiderschrank; zu auffällig für solch ein feines Etablissement. In dieser ungewöhnlichen Kluft wirkt er nicht wie der begnadete Reliquienjäger, der er ist. Eher erinnert er an James Bond, und das nicht nur der neuen Optik wegen. Denn kaum nimmt er Platz, um einen guten Deal mit den Triaden abzuschließen, schon wird er zur Zielscheibe einer ganzen Organisation und setzt so eine klassische Schießerei in Gange, die erst mit einer rasanten Verfolgungsjagd, einem abstürzenden Flugzeug und einer gefährlichen Schnee- und Flussfahrt ein abenteuerliches Ende nimmt. Ja, sein unverschämtes Glück scheint Indy immer noch hold zu sein. Und ja, actionreicher hätte Indiana Jones and the Temple of Doom nicht beginnen können. Nach dieser buchstäblichen Berg- und Talfahrt landen Indiana Jones (Harrison Ford), sein junger Begleiter “Short Round” (Jonathan Ke Quan) und die hysterische Sängerin “Willie” (Kate Capshaw) in einer indischen Urwaldsiedlung, deren Bewohner die Drei um Hilfe bitten. Denn nicht nur die Dorfkinder werden entführt, auch der heilige Sankara-Stein wurde gestohlen. Im Palast von Pankot sollen sie fündig werden, verspricht ihnen der Dorfälteste. Und er hat Recht, befindet sich doch unter eben dieser prachtvollen Residenz der so genannte “Tempel des Todes”, eine Brutstätte fanatischer Okkultisten, die Kinder versklaven und Rituale heraufbeschwören. Ein weiteres Abenteuer beginnt…
In Raiders of the Lost Ark ist es die Jagd nach der heiligen Bundeslade, für die sich Lucas und Spielberg interessieren. Es geht ihnen sichtlich um das Abenteuer ihres Helden, welche Hindernisse er überwinden, welche Kämpfe er bestreiten muss. Das religiöse Artefakt spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle und besitzt demnach keine große Bedeutung. Ganz nach dem Motto “Der Weg ist das Ziel” inszenierten die beiden ihren Abenteuerfilm. Der Nachfolger geht da leicht abgeänderte Wege. Natürlich, die Suche nach den Sankara-Steinen ist immer noch wichtiger Bestandteil, sie dient Lucas und Spielberg aber lediglich dazu, ihr Publikum mit rasanten und tempogeladenen Actionszenen zu bedienen. Nicht nur der fulminante Prolog versteht so zu überzeugen, ebenso gen Ende greift Spielberg noch einmal tief in die Trickkiste und inszeniert mit der legendären Lorenfahrt eine handwerklich nur schwer zu übertrumpfende Genreszene. Nach dem desillusionierenden Mittelteil im Innern des “Tempel des Todes”, der die bedrückende Atmosphäre ungemein prägt, veranschaulicht er doch die wahnwitzigen Rituale der Okkultisten, um so deren ausgehende Bedrohung und Gefährlichkeit auszumachen, ist diese Reihe beispielloser Actionszenen für den Unterhaltungsfaktor unabdingbar. Die Rechnung geht größtenteils auf, auch wenn das von Willard Huyck und Gloria Katz verfasste Drehbuch durchaus einfacher gestrickt und konstruierter erscheint als das des ersten Teils, da es eben fast ausschließlich im märchenhaften “Tempel des Todes” spielt und der Handlung so nur wenig Freiraum gewährt. Um dem entgegenzuhalten, greifen die beiden Drehbuchautoren auf einen etwas gewagten, parodistisch angehauchten Humor zurück, der schon seit jeher die Fans der Serie polarisiert. Mit dem jungen “Short Round” stellt man Indy erstmals einen Sidekick an die Seite, der sich nicht nur als Lebensretter erweist, sondern auch als humorvolles Pendant zum sonst so ehrgeizigen Archäologen. Es ist eine Art kindlich-naiver Witz, den Jonathan Ke Quans Figur mit sich bringt und der gefällt. Ganz im Gegensatz dazu steht Kate Capshaws klischeeüberladener Charakter der hysterischen Divasängerin “Willie”, die nicht wie Marion Ravenwood (Karren Allen) vom gleichen Schlag wie Indy ist, sondern die als überempfindliches, nerviges und infantiles Dümmchen daher- kommt.
Er ist der düstere Teil der Beiden, ja, aber er ist auch der fragwürdigere. Im Prequel sind es nicht die Nazis, gegen die sich Indiana Jones herumplagen muss. Der historische Kontext ist ein anderer, spielt Indiana Jones and the Temple of Doom doch in Shanghai respektive in Indien, ein Jahr vor Raiders of the Lost Ark also. Diesmal muss sich Indy gegen wahnsinnige Voodoo-Zauberer und fanatische Hexenmeister beweisen, die Herzen herausreißen, Menschenopfer bringen und Kinder versklaven. Die fragwürdige Ideologie erschließt sich allerdings erst mit der Zeichnung der indischen Ureinwohner, die Indy, den weißen Mann, um Hilfe Bitten: Sie werden als unzivilisiertes, unselbstständiges und unterentwickeltes Völkchen dargestellt. Eine fragliche Zeichnung also, die in Indien zum zeitweiligen Kinoverbot des Films führte. Dabei sollte man den geschichtlichen Kontext berücksichtigen, ebenso wie die Tatsache, dass die Indiana Jones-Filme zum einen kein ernstes Statement abgeben und zum anderen selbst kein ernstes Statement darstellen. Es ist eine Abenteuerfilmreihe, die als solche gesehen werden sollte. Steven Spielberg und George Lucas auf Grund dessen rassistische Vorurteile vorzuwerfen, wäre dann doch zu viel des Guten.















Dienstag, 3. Juni 2008 11:57
Dem kann ich nur zustimmen!
Dienstag, 3. Juni 2008 11:57
Ich glaube nicht, dass die Ideologiekritik im Sinn hat, Spielberg und Lucas “rassistische Vorurteile” vorwerfen zu wollen, sondern einfach nur zurecht festgestellt hat, dass der Film nicht nur die campy Elemente seiner Vorbilder aus den 30er-Jahren serials mitübernommen hat, sondern auch ungebrochen deren rassistische Merkmale. Ganz konkret in diesem Fall eben GUNGA DIN, der extrem rassistisch ist, was sich allerdings mit dessen zeitlichem Kontext erklären lässt - und der kann 50 Jahre später für INDY keine Entschuldigung mehr sein.
Es geht also nicht darum, da irgendetwas zu konstruieren, sondern um das, was nun einmal da ist. Ich empfehle sehr diesen Essay dazu:
http://www.thefilmjournal.com/issue12/templeofdoom.html
Dienstag, 3. Juni 2008 14:24
Das zeitweilige Kinoverbot in Indien lässt sich imho aber genau damit erklären, dass die Inder bzw. die indische Regierung Lucas und Spielberg rassistische Vorurteile vorwerfen.
Dienstag, 3. Juni 2008 19:10
Gut, ich dachte du würdest diese Aussage weiträumiger fassen.
Dienstag, 3. Juni 2008 19:11
Obwohl: Ich meine, der Film ist auch nun einmal rassistisch, das kann man ihm also streng genommen auch vorwerfen.
Dienstag, 3. Juni 2008 19:15
Hehe.
Trotzdem: Sollte man alles nicht so streng sehen, imho.
Mittwoch, 8. Oktober 2008 16:32
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