Retro: DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES (1955)

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Während der frühen 1950er Jahre herrschte in den Vereinigten Staaten Amerikas die so genannte McCarthy-Ära, geprägt und verfolgt durch den damaligen US- Senator Joseph McCarthy. Zu dieser Zeit bestimmten antikommunistische Ver- schwörungstheorien und Diffamierungen das politische Geschehen. Vermeint- liche Kommunisten wurden ihres Amtes enthoben und vor dem “Komitee für un- amerikanische Aktivitäten” denunziert. Das Ziel lag seinerzeit in der Unterwan- derung der amerikanischen Gesellschaft durch anders eingestellte (politische) Gruppierungen.

Einer vieler Opfer dieses fragwürdigen politischen Instruments war der in Amerika geborene Jules Dassin, seines Zeichens Filmregisseur, Drehbuchautor und Produ- zent, der durch seine Films noir Brute Force (1947), The Naked City (1948) und Thieves´ Highway (1949) bekannt wurde. Dassin wurde 1950 als Kommunist gebrandmarkt und vor oben genanntem Komitee denunziert. Seine Filmkarriere in den USA galt somit als vorzeitig beendet. In Europa wollte Dassin seine Arbeit fortführen. Seine “amerikanische” Vergangenheit machte ihm allerdings abermals einen Strich durch die Rechnung, als unter europäischen Produzenten bekannt wurde, dass in den Staaten keiner seiner Filme mehr vertrieben wird. Potentielle Aufträge blieben aus, sein Vermögen schrumpfte. Jules Dassin verarmte. Aus Geldnot begann Dassin 1955 daher die Arbeit an seinem ersten europäischen Film: Du rififi chez les hommes, zu deutsch Rififi, der unter Kritikern für Begei- sterungsstürme sorgte und zum Publikumsliebling der 1955er Filmfestspiele in Cannes avancierte. Heute gilt Dassins klassisches Film-noir-Meisterwerk als “Mutter aller Heist-Movies”.

Der frisch aus dem Gefängnis entlassene Tony (Jean Servais), sein bester Freund Jo (Carl Möhner) und die beiden Italiener Mario (Robert Manuel) und Cesar (Jules Dassin) planen den Coup ihres Lebens. Ein Coup, der ihnen den vorzeitigen Ruhe- stand verschaffen soll. Doch Vorsicht ist geboten. Schließlich will Tony nicht noch einmal wegen eines fehlgeschlagenen Überfalls hinter schwedische Gardinen, die vor über fünf Jahren auch Jo gedroht hätten, hätte ihn Tony damals nicht vor der Polizei gedeckt. Daher planen die Vier den Raub mit äußerster Sorgfalt. Präzise. Schritt für Schritt. Und räumen dank handwerklicher Raffinessen, zeitlich abgestimmten und überaus gründlichen Vorbereitungen und viel Geschick das Juwelengeschäft samt Hauptsafe aus. Alles hat geklappt. Ohne weitere Kom- plikationen. Zumindest sieht es für die vier Verbrecher so aus. Als eine stadtbekannte Gangster-Bande allerdings herausfindet, wer sich die Juwelen unter den Nagel gerissen hat, fangen die Probleme erst richtig an. Eine tödliche Auseinandersetzung scheint unabwendbar.

Jules Dassins Rififi ist ein konsequenter Heist-Movie, der seine vier Protagonisten vorerst in Sicherheit wiegt, ihnen ein triumphales Gefühl schenkt, um ihnen eben jenen Euphorie wiederzu entreißen : Der Ex-Knacki Tony, der mit seinen gesundheitlichen Problemen ebenso zu kämpfen hat wie mit seiner Vergangenheit und der von den Vier die perspektivloseste Zukunftsaussicht besitzt, der Familienmenschen Jo, der mit illegalen Machen- schaften schon früh in Kontakt trat und sich von diesen deshalb womöglich nicht losreißen kann, und die beiden Italiener Mario und Cesar, die sich wohl nur einen luxuriöseren Lebensstandard aneignen wollen, ist der Juwelen-Coup scheinbar der letzte Ausweg aus einem 08/15-Leben.

Der Plan funktioniert, der Einbruch gelingt, der Coup geschafft, und die Beute gesichert. Vorerst. Denn damit würde Dassin eine fragwürdige Moral bedienen und sich selbst und seiner Prämisse nicht treu bleiben. Und genau hier entpuppt Rififi eine seiner Stärken: der Film bleibt konsequent, indem er Verbrechen bestraft. Die Strafe ist hier der Tod. Jules Dassin macht demnach keine Zugeständnisse. Seine nachhaltige Schlusssequenz besitzt somit starken Symbolcharakter.

Was Dassin aus diesem Handlungsgebilde an spannungsvollen und dramaturgi- schen Momenten herausholt, ist großartiges Filmverständnis und virtuoses Handwerk. Es ist ein etwas anderer Spannungsbogen, möchte man sagen. Einer, der wie eine Sinuskurve verläuft. So zieht Dassin während der Coup-Vorbereitungen langsam, aber stetig die Spannungsschraube an, indem er sukzessive den vermeintlich perfekten Plan der Gangster offenlegt. Das Spannungsmoment findet während der Durchführung des Verbrechens seinen Höhepunkt, indem Dassin seinem Pu- blikum eine oft kopierte, aber nie erreichte Einbruchsszene präsentiert. Und zwar akribisch. Genau. Ohne Musikuntermalung. Ohne Dialog. 32 Minuten lang. An Spannung ist diese Szene kaum zu übertreffen, weiß Dassin doch geschickt Suspense zu generieren. So blendet er nach und nach Uhren ein, die symbolisieren, dass die Vier schon lange am Werke sind, oder aber er fokussiert die große Anspannung in den schwitzenden Gesichtern der Delinquenten. Dassin hat also gut daran getan, dem eigentlichen Verbrechen soviel Aufmerksamkeit zu schenken.

Nach erfolgreicher Beendigung des Coups neutralisiert sich für kurze Zeit die dichte Atmosphäre. Die Spannung flacht ab. Schließlich scheint alles perfekt gelaufen zu sein. Mit einer aufmerksamen und geldgierigen Gangster-Bande und einer leichtsinnigen, undurchdachten Tat hat bis dato allerdings keiner gerechnet. Und das ambitionierte Spiel mit der Spannung geht in die zweite und letzte Runde.

Rififi wird seinem Ruf als einflussreicher Film-noir-Klassiker gerecht. Stilsicher pho- tographiert, grandios inszeniert und passend untermalt. Der Begründer der Heist-Movies ist aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken. So bedeutsam ist er.

★★★★★★★★★★

Autor: Kaiser_Soze
Datum: Montag, 5. Mai 2008 22:53
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4 Kommentare

  1. 1

    Wenn ich mich nicht irre (hab den Film nur 2x gesehen), baut der das klassischste aller Heist-Klischees ein: die Ungeduld der unter-rangigen Raub-Mitglieder, die bereits Geld ausgeben, ehe es klug ist, dies zu tun. Kann mich hier aber auch schwer irren.

    Denke deine Wertung geht so - da schlechte Erinnerung - in Ordnung. Die Anfangsszene ist natürlich meisterhaft. Bzgl. des Remakes, ich finde, jeden der ein Remake inszenieren will, sollte man erschießen lassen (und ich meine Remakes allgemein). Al Pacino, dass ich nicht lache, oh mann…

  2. 2

    Sehr schönes Review. Sehe ich alles ganz genauso, 100% d’accord.

  3. 3

    @Rudi

    … baut der das klassischste aller Heist-Klischees ein: die Ungeduld der unter-rangigen Raub-Mitglieder, die bereits Geld ausgeben, ehe es klug ist, dies zu tun.

    Ja, das stimmt so. Ist mir während dem Film so allerdings nicht aufgefallen. :)

    Bzgl. des Remakes, ich finde, jeden der ein Remake inszenieren will, sollte man erschießen lassen (und ich meine Remakes allgemein). Al Pacino, dass ich nicht lache, oh mann…

    Richtig.

    @MVV

    Danke. :)

  4. 4

    […] zuerst erschienen bei: Intermoviession […]

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